Die adelige Halbkönigin

Anfänge fallen mir immer am schwersten. Das war schon immer so und wird vermutlich auch so bleiben. Also gut, jammern hilft ja nicht, eine Entscheidung muss her und die heißt: Das Fenster zum Hof (1954).

Toller Film, das ist ja gar keine Frage. Selten funktionieren Humor und Spannung so gut, so unaufwendig, so unausweichlich wie in diesem wunderbaren Hitchcock-Film mit James Stewart und Grace Kelly. Und wie passend, dass Grace Kelly, meine heutige Haltung bewahrende Halbkönigin, als Fürstin Gracia Patricia tatsächlich adelig wurde. Ein guter Einstand!

In den 50er Jahren war Frau Kelly so ziemlich der Inbegriff der schönen, unschuldigen (da blonden) liebenden Frau. Und natürlich ist sie das in High Noon (1952) als Amy und das ist sie zwei Jahre später auch hier als Lisa: Lisa liebt. Mit all der zurückhaltenden Hingabe, die eine aristokratische Lifestyle-Lady aus der Modebranche für einen umherreisenden Fotojournalisten empfinden kann. Lisa liebt Jeff, der – so will es der Film – hilflos an seinen Rollstuhl gefesselt ist, da er sich ein Bein gebrochen hat.

Lisa ist die Verlobte von Jeff, aber sie hat noch nie bei ihm übernachtet – oh ja, Frau Kellys Lisa ist unschuldig, wenn sie ihre erste Szene hat. Sie trägt teure Designer-Kleider und überrascht ihren Jeff mit einem Essen aus dem Luxus-Restaurant, in dem sie bereits mittags zu Gast war und lässt es einen Kellner des Restaurants in Jeffs kleiner Küche erwärmen, bevor sie den Hummer appetitlich für ihren Verlobten auf der Servierplatte drapiert. Was Lisa nicht weiß, ist, dass Jeff sie gern verlassen will, weil sie ihm zu perfekt ist: sie ist nicht nur hübsch, sie ist auch schlau und Karriere macht sie auch – ganz zu schweigen von ihrer Park Avenue-Kindheit im reichen Elternhaus. Nein, Jeff will eine handfeste Frau, die ihn auf seine Reisen begleiten kann und ohne Chi Chi und Brimborium auskommt. Und genau das traut er Lisa, dem Glamour-Mädchen, nicht zu.

Doch Lisa mag zwar den biederen Wunsch nach einem geregelten Eheleben mit Jeff haben und viel zu oft an ihm rumnörgeln, warum er denn nicht lieber Modefotograf werden will, aber ganz so unschuldig ist sie dann doch nicht. Nach einem nervigen Gespräch darüber, dass sie besser weiß als er, wie er sein Leben verbringen soll, überrascht sie ihn – und uns Zuschauer – damit, dass sie bei nächster Gelegenheit mit einem winzigen Köfferchen voller Negligé bei ihm auftaucht und darauf besteht, gegen alle gesellschaftlichen Moralvorstellungen die Nacht mit ihm zu verbringen. Jeff ist baff, Jeffs Freund Tom, ein Polizist, ist baff und der Zuschauer ist es auch. Und gerade, als Lisa dann in Seide und reichlich Tüll vor ihm steht um ihn zu verknuspern, stirbt der Hund der Nachbarin und alle Erotik ist flöten.

Doch Lisa ist plötzlich nicht nur offensichtlich ein sexuelles Wesen, sie ist auch mutiger als Jeff, der sich gern mit seinen waghalsigen Fotoreportagen in den wildesten Regionen der Welt rühmt, aber außer anonymen Anrufen in diesem Film wenig Mutiges vorweisen kann. Als es darum geht, den vermeintlichen Mörder von nebenan an der Flucht zu hindern oder wenigstens Beweise gegen ihn zu sammeln, klettert Lisa im Pret-a-Porter-Abendkleid mal eben die Feuerwehrleiter des Nachbarhauses hoch, schwingt sich über die Brüstung in die Wohnung des Verbrechers, wird von diesem beim Einbruch ertappt und klaut ihm während der folgenden Misshandlung (der Mörder schlägt sie und will ihr offensichtlich Fürchterliches antun) auch noch das Beweisstück, dass ihn später in den Knast bringen wird.

Wenn Lisa in der letzten Szene des Films neben einem selig schlafenden Jeff zuerst in einem Abenteuerbuch liest, um das dann heimlich gegen ihre geliebte Modezeitschrift auszutauschen, dann heißt das: Ich bin die Alte geblieben, Baby, ich bin eine Upperclass-Tussie, die gern toll aussieht und Schmuck und Kleider liebt, aber jetzt weißt Du, zu was ich in der Lage bin, wenn ich Lust auf Verbotenes kriege.

Ich finde, Lisa ist für die 5oer Jahre durchaus eine emanzipierte Frau – vom Feminismus durchaus noch recht weit entfernt, aber auf dem richtigen Weg: Sie verdient ihre eigene Kohle, lädt sich zum Feiern junge Männer in ihr eigenes Appartement ein, prügelt sich mit Mördern und zeigt ziemlich direkt, wann sie Lust auf Sex hat. Allerdings hängt ihr Lebensglück nichtsdestotrotz davon ab, dass ein Typ sie heiratet, der sie nur kurz zuvor noch absägen wollte, und davon, dass sie möglichst gut aussieht.

Eine Halbkönigin! Was denkt Ihr? Kennt Ihr solche Frauen im echten Leben?

Das Fenster zum Hof