Deutscher Algarve-Forscher kritisiert teure neue Medikamente

Heftige Kritik an dem System, wie derzeit neue Medikamente entwickelt und verkauft werden, hat der deutsche Biomediziner Prof. Wolfgang Link (54) geäußert. In der September-Ausgabe der renommierten Fachzeitschrift „The Lancet Oncology" schreibt der Krebs-Forscher der Universität der Algarve (UAlg), das System sei „überteuert, sozial ungerecht und ineffizient".

Der Autor argumentiert, da ein großer Teil der neuen Arzneimittel auf der Basis öffentlich finanzierter Forschung entdeckt werde, müssten sie zu niedrigeren Preisen zugänglich gemacht werden als das bislang der Fall ist. Ein wesentlicher Teil der durch die Vermarktung erzielten Gewinne solle in Forschungsprojekte öffentlicher Forschungseinrichtungen zurückfließen.

Innovative Krebs-Medikamente dürfen nicht bloß für Reiche bezahlbar sein

Nur so könne künftig vermieden werden, „dass innovative Therapien ein Privileg der Reichen werden und gleichzeitig die pharmazeutische Innovation gebremst wird", so Link in dem Lancet-Artikel.

Schon in unserem Beitrag „ Algarve: Deutscher erforscht Krebs-Signale " vom 25. April dieses Jahres hatte der deutsche Assistenzprofessor seine kritische Haltung dazu angedeutet, dass z.B. hochwirksame Krebs-Medikamente bald nur noch von Reichen finanziert werden könnten.

Neue Medikamente spülen öffentliche Mittel in privaten Kassen

Der am Zentrum für Biomedizinische Forschung (CBMR) der Universität in Faro arbeitende Wissenschaftler argumentiert - vereinfacht dargestellt - in seinem Fachartikel nun etwa so:

  • In den vergangenen zehn Jahren gab es in der Entwicklung neuer Medikamente starke Veränderungen: Früher wurden neue Therapien empirisch entdeckt. Heute basieren die meisten neu auf den Markt kommenden Medikamente auf dem Verständnis der Krankheitsmechanismen und molekularen Vorgänge. Dafür werden zum Beispiel Ziel-Proteine identifiziert und bestätigt.
  • Das Wissen, das neue, gezielte und personalisierte Therapien ermöglicht, beruht auf jahrelanger, oft jahrzehntelanger Forschung. Diese findet weitgehend in von der öffentlichen Hand finanzierten Forschungslaboren, zum Beispiel an Universitäten, statt.
  • Da die Identifizierung und Validierung von Zielproteinen äußerst mühsam und riskant ist, haben sich viele Pharmaunternehmen entschieden, diese entscheidenden Schritte öffentlichen Forschungseinrichtungen zu überlassen.
  • Die auf der Basis der dort erzielten Ergebnisse entwickelten Medikamente werden jedoch von den Unternehmen mit sehr hohen Gewinnmargen vermarktet. Um Investitionsrisiken zu minimieren, konzentrieren sich sogar viele Pharmakonzerne mittlerweile darauf, lediglich minimale Veränderungen an schon existierenden Arzneimitteln vorzunehmen.
  • Die Innovation jedoch und damit das hohe Risiko wird öffentlichen Forschungseinrichtungen und kleinen Biotech-Unternehmen überlassen. Wenn man den öffentlichen mit dem privaten Sektor vergleicht, besteht also ein starkes Ungleichgewicht zwischen Risiko und Nutzen.

Steuerzahler bezahlen Medikamente zweimal

„Der Steuerzahler zahlt so seine Medikamente zweimal: Erstens durch seine Steuern, mit denen die wissenschaftliche Forschung zur Entdeckung der Arzneimittel öffentlich finanziert wird. Und zweitens für den Zugang zu den teuren Medikamenten selbst", sagt Link.

Der deutsche Biomediziner macht darauf aufmerksam, dass die Kosten für innovative Medikamente, die immer gezielter und mit stärker personalisierten Ansätzen arbeiten, oft für die öffentlichen Gesundheitssysteme nicht mehr tragbar seien. Das bedeute, dass viele Steuerzahler vom Zugang zu diesen Therapie-Optionen ausgeschlossen würden.

„Das derzeitige System führt uns daher unweigerlich zu einem Szenario, in dem der Zugang zu innovativen Therapien ein Privileg der wohlhabenden Eliten ist", warnt Link. Da dies eine unhaltbare Situation sei, schlägt der Lancet-Autor vor, dass der Staat, statt überteuerte Medikamente zu bezahlen, direkt in die Arzneimittelentwicklung investieren sollte.

Die öffentliche Hand könne von dem gesparten Geld auch Arzneimittel-Patente von der Pharmaindustrie erwerben, um diese in den öffentlichen Bereich zu überführen, damit interessierte Unternehmen die entsprechenden Arzneimittel herstellen und zu reellen Marktpreisen verkaufen können.


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