Deutsche Einheit: Wir feiern rein

Nach dem Weggang der Jungs von Tokio Hotel, nach Juckreiz, den Klosterbrüdern und Fam die berühmteste Band, die Sachsen-Anhalt jemals gehabt haben wird, halten sie allein die Fahne der harten und härtesten Rockmusik im westlichsten aller östlichen Bundesländer hoch. Webster, die Ton Steine Scherben-Erben aus Magdeburg, die vor Jahren unsterblichen Ruhm ernteten, als sie in ihrer Hymne "Die Tante" Klartext sangen zum Thema Hartz 4, Armut und Erniedrigung, wie sie seit 20 Jahren alltäglich sind im Osten Deutschlands, dem Armenhaus der Republik, wo früher gestorben und jünger geheiratet, länger ferngesehen und früher aufgestanden wird, ohne dass die Regierung etwas dagegen tut.
Für André Weber, den Chef und Sänger der bei Webster, war es hohe Zeit, nicht mehr still zu halten, sondern die Gitarre zu nehmen, um gegen die zum Teil unhaltbaren Zustände nach zwei Jahrzehnten permanenter Vereinigung anzusingen. Keine DDR-Mannschaft mehr in der 1. Bundesliga, kein DDR-Politiker im Kabinett, kein Dax-Konzern mit ostdeutschem Chef, kein führender Fernsehliebling mit Wurzeln in Sachsen, kein Wettermann aus Mecklenburg, kein Rockstar aus der Börde. Mit "Webster" ging Weber, neben der PPQ-Hauskapelle Von Trotha der prägnanteste Protagonist einer ostdeutschen Innensicht ohne rosa Brille, direkt ans Eingemachte. "Marienborn" nennen die vier Fabelgestalten aus der Editha-Stadt ihre Generalabrechnung mit dem milliardenteuer vereinten, aber doch nur oberflächlich zusammengeflickten Vaterland.
"Eine Utopie für Ostdeutschland" sei das Lied, sagt Weber selbst, eine Utopie in Stairway-to-heaven-verdächtigen fünf Minuten. Die Botschaft ist lang, aber klar: "Eure schönen teuren Autos / hab`n doch sicherlich ein Navigationsgerät!", singt Weber, "und wenn nicht - immer westwärts dahin, wo die Sonne untergeht". Dorthin sollen sie fahren, die Ostland-Reiter, die nach der Wende kamen. "Danke für den Besuch - war `n bißchen lange, jetzt heißt`s Abschied für immer aber seid nicht bange", tröstet die Knurrstimme des Comboleiters: "Hier gibts nichts mehr zu holen, hier gibts nichts mehr zu erben auch nichts mehr zu verkaufen, vielen Dank für die Scherben, für die Blinden Fenster in den kaputten Betrieben, für die Tränen von denen, die auf der Strecke blieben".
Der Undank des Ostens, hier wird er röhrender Rock, ein Zornesausbruch in drei wackligen Akkorden, gipfelnd im Aufschrei: "Ich war schon groß, bevor Ihr da wart, ich werde größer, wenn Ihr wegfahrt!" Wo kommt er nur her, dieser Hass, werden sich die Sonntagsredner in Berlin nicht fragen, weil die Antworten nichts ins Fernsehen gehören. Doch so holzhackergeschmeidig die Wessi-Go-Home-Hymne der Prekariats-Rocker auch daherkommt, so unmissverständlich ist die frohe Botschaft: "Fahrt nach Hause - ich zeig Euch den Weg, Fahrt nach Hause - dahin wo die Sonne untergeht, Fahrt nach Hause - ich fang hier an von vorn, Fahrt nach Hause - ich bring Euch bis Marienborn".


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