Der Zionismus - seine Theorien, Aussichten und Wirkungen (Teil 2)

Der Zionismus - seine Theorien, Aussichten und Wirkungen (Teil 2)
II. DAS WESEN DES ZIONISMUS
Was neu ist im Zionismus, ist unjüdisch, ist ein Assimilationsprodukt, eine Anlehnung an die Anschauungen, die die Außenwelt beherrschen. Der Zionismus hat aber auch Züge aufzuweisen, welche wirklich jüdisches Gut darstellen. Aus dieser beabsichtigten Aufnahme mancher alten echt jüdischen Tendenz, aus der wohlüberlegten Mischung vom Altem mit jenem Neuen, das bedingungslos schlecht und verwerflich ist, wird es erklärlich, daß unbefangene Juden im Zionismus auch Anerkennenswertes und Gutes zu loben finden. Der Zionismus hat in unverkennbarer Absicht mit seinem unjüdischen nationalen Chauvinismus alte gut jüdischen Forderungen verknüpft und je nach der Gelegenheit, versteht er es auch, die eine oder die andere Richtung wirksam auszuspielen. Einmal ist der Zionismus der politische Faktor mit nationaler absondernder Verhetzung, das andere Mal aber die humanitäre Vereinigung, die den leidenden Glaubensbrüdern Brot und eine Heimstätte schaffen will! Und mit ein unleugbarem Geschick versteht er dabei, im Fernstehenden den Eindruck zu erwecken, als ob die humanitäre Seite etwas spezifisch Zionistisches sei, ein Gebiet, dem die anders denkende Judenheit sich nicht mit gleicher Liebe und Begeisterung hingebe. Gerade in unseren Tagen betont ja die Bewegung das kolonisatorische Moment und die rein wirtschaftliche Hilfsaktion in einem so starkem Maße, daß tatsächlich für den Uneingeweihten eine gewisse Verwirrung entsteht und er nicht merkt, daß im Zionismus das Neue nicht gut, und das Gute nicht neu ist.
Der humanitären Seite des Zionismus seien einige Worte gewidmet, nachdem festgestellt worden ist, daß sich hierin nichts spezifisch Nationales offenbart, und daß von Nichtzionisten, von Orthodoxen wie von Liberalen, diese Arbeit weit intensiver und besser geleistet wird. Der einzige Unterschied besteht darin, daß diese letzteren wirkliche Arbeit emsig und geräuschlos verrichteten, während jene Bewegung auch Scheinarbeit mit einen unendlichen Geschrei begleitet und dadurch die Welt zu einer unendlichen Überschätzung ihres Wertes und Umfangs verleitet. Das gilt auch von der Tätigkeit im heiligen Lande. Auch wir wissen wohl, daß Palästina nicht ein beliebiges Reich ist wie andere auch. Es ist uns heilig als die Stätte, an der unsere Religion entstand, als der Boden auf dem der Tempel sich erhob, wo die Propheten gewirkt haben. Heilig ist uns die Erde, die unserer Väter Herzblut getränkt hat; durch tausende von erhebenden Erinnerungen mit Palästinas Gauen verknüpft, werden wir immer uns in Stolz gen Osten wenden und der Gedanke an Zion wird in unserem Herzen nicht verlöschen. Das heilige Land ist unser Vaterhaus, das Vaterhaus derer, die weit in aller Welt zerstreut für des Gottesnamens Ehre wirken, und wie jeder von uns – mag er noch so sehr von ihm entfernt sein, seines wirkliches Vaterhauses nicht nur in Liebe gedenkt, sondern bestrebt ist, es in Stand zu halten, um seines Glanzes sich freuen zu können, freuen wir uns, wenn es in Blüte ist, so ist es mit Palästina auch. Ohne daß wir dort wohnen wollen, freuen wir uns, wenn es in Blüte steht, und jede Bemühung, die seinem Wohle gewidmet ist, darf unserer Unterstützung sicher sein. Darum ist schon vor dem Entstehen des Zionismus wie auch seit jener Zeit – unbeirrt durch seine Tätigkeit – eifrig kolonisiert worden, und die Hauptarbeit wurde und wird von Männern geleistet, die sich dem Zionismus fernhalten, ja sogar ihm feindlich gegenüber stehen. Und wenn vielleicht in manchen Punkten die zionistische Kolonisation in Palästina intensiver zu sein scheint, so liegt das einerseits daran, daß sie später begann als die der anderen und daß demgemäß deren Erfahrungen ihr zu Gute kamen; andererseits aber liegt ihr Vorteil in der Konzentration auf den einen leicht übersehbaren Fleck, wo hingegen unsere Arbeit sich auf alle Welt erstreckt und an vielen Orten den Juden eine Heimstätte mit Freiheit, Ruhe und sicherem Brote zu verschaffen sucht. Will man das spezifische Kennzeichen zionistischer Hilfsarbeit feststellen, so kann es nur in der Enge des Gesichtspunkts bestehen, in der Beschränkung auf den Boden der Väter. Das Wirken aller anderen Organisationen ist umfassender und erfolgreicher, ihre Leistungen sind weit größere, auch wenn sie nicht so viel Aufsehens davon machen.
Selbst wenn aber die humanitäre Seite des Zionismus wirklich Bedeutung besäße, dürfte sie nicht das wahre Wesen der Bewegung verdecken, und das diesem keinerlei Wert beizumessen ist, ergibt sich deutlich, wenn man das Wesen des Zionismus mit dem des Judentums vergleicht.
Das Judentum ist eine Religion! Es berührt geradezu merkwürdig, daß man geschichtliche Tatsachen, die mit solcher Wut in die Menschheitsgeschichte eingegriffen haben, daß sie Selbstverständlichkeiten darstellen, noch erheben muß. Das Judentum ist seit der Zerstörung des Tempels nie etwas anderes gewesen, und überall, wo es auf die Geschichte der Welt eingewirkt hat, kam nur das religiöse Moment in Frage. Der Zionismus will es anders! Er erblickt im Judentum in erster Reihe eine Nation und zieht daraus seine Folgerungen, er wandelt den Charakter unserer Gemeinschaft in das Gegenteil um.
Nun läßt sich nicht bestreiten, daß das Judentum einstmals eine Nation war, als eben noch der Tempel sich erhob. Aber das war in Zeiten, als man die Unterschiede zwischen nationaler und religiöser Einheit noch nicht so faßte wie heute und der Gedanke an eine Religion, die über die Grenze der Nation hinausgriff, erst dunkel in den Köpfen aufzudämmern begann. Gerade in unserem Judentum entstand eben zum erste Male der Begriff einer Ewigkeitsreligion, und das war der Grund, daß diese Gemeinschaft als allererste ihre nationale Zertrümmerung überleben und als bloße Religion fortbestehen konnte, obgleich der Römer sich die größte Mühe gegeben hatte, den jüdischen Staat mit eiserner Hand für immer aus der Reihe der Nationen zu vertilgen. Wäre das Judentum anderen Nationen wesensgleich gewesen, so wäre es untergangen, genauso wie Hellas und das gewiß mächtige Rom. Es war aber mehr, es hatte Ewigkeitswerte, und indem es sie betonte, erhielt es sich. Seit der Zerstörung des Tempels ist das nationale, vergängliche Moment zurückgetreten, während das religiöse immer mehr betont worden ist, und nur darum erhielt sich das Judentum, weil es Träger von Ideen war, die stärker sind als Völker und Nationen. Die engen Fesseln nationaler Beschränkung waren gesprengt und die universale Weltreligion sowie der Glaube an des Judentums Aufgabe, durch treues Festhalten an dieser Religion, die Welt für den reinen Gottesglauben zu erobern, waren ein Inhalt, wie er erhabener und größer nicht gedacht werden konnte. Zu allen Zeiten ist die gewaltige Größe dieser Ideen in Jissroél empfunden und erkannt worden.
Das Judentum war und ist eine Religion! Nur darum ist es ewig und unzerstörbar. Der ewige Charakter des Judentums ist ein universeller, Welten umspannender und Menschen verbindender. Der Nationalismus aber reißt das Judentum aus dieser Stellung in der Weltgeschichte heraus und macht es zu einer kleinen Nation mit relativem Wert, genau denselben, den die Tausenden entstehenden und vergehenden Nationen auch haben. Diesem nationalen Gedanken ordnet der Zionismus auch das religiöse unter. Da nun die jüdische Religion in einem ausgesprochenen Gegensatz zu allem beschränktem Nationalen steht, kann man ermessen, welche Umwandlung sie sich dabei gefallen lassen muß. Alles, was im Lehrinhalte des Judentums groß und ewig ist, weil es eine Überwindung der engherzigen nationalen Begriffe darstellt, wird darum vom Zionismus abgelehnt und seine Richtigkeit bestritten, und wo diese Mittel nicht verfangen, wird es mit Schmutz und Hohn beworfen. Unter der Bearbeitung des Nationalismus wird die jüdische Religion zu einer Karikatur ihres eigentlichen Wesens. Aus der universellen Weltreligion mit ihrem erhabenem Fluge wird der bescheidene Kultus eines kleinen Volksstammes. Nicht mehr ist der Maßstab für gut und böse in ewigen göttlichen Gesetzen zu finden, sondern in nationalen Eigentümlichkeiten des Volkes, dessen Fehler, Schwächen und typische Laster zum Range von Tugenden erhoben werden müssen. Da nun einmal nicht alle jüdischen „Rasseneigenschaften“ gut sind, und auch diese schlechten Berücksichtigung und Pflege finden, gefährdet der Zionismus die allgemeinverbindliche Ethik, an deren Stelle er einen jüdischen Rassensittenkodex setzt, der aber wahre Ethik nicht mehr darstellt.
Der Zionismus spottet über alles was in der jüdischen Religion groß und erhaben ist. Er höhnt wenn die nicht nationale Judenheit trotz aller Enttäuschungen, die sie in der Welt erfährt, das Wesen Gottes in der Liebe und Gerechtigkeit erblickt, und an ihren Sieg mit aller Kraft der Seele glaubt. Der Zionismus verspottet und verhöhnt den Universalismus in der jüdischen Religion überhaupt und leugnet damit zugleich den Glauben an den einen Gott, der aller Menschen Vater ist und die Geschicke der ganzen Menschheit lenkt. Der Zionismus leugnet die Mission des Judentums und beschimpft die Rabbiner, welche, den alten prophetischen Verheißungen und Hoffnungen getreu, diesen Stein als einen der herrlichsten in der goldenen Krone der jüdischen Lehre ansehen. Damit nimmt er aber einen der stärksten Antriebe zum sittlichen Handel, das Gefühl der Verantwortung, das jeder einzelne von uns wie unsere jüdische Gesamtheit der Menschheit gegenüber trägt.
Und warum dies alles? Warum leugnet und verhöhnt der Zionismus diese größten und erhabensten Gedanken unseres Glaubens? Nur weil er ein Kind der Zeit ist, das nicht historisch denken und blicken kann und keinen anderen Gesichtsblick kennt als die ganzen Engen der heutigen Zustände! Und da diese trübe sind, da unsere Zeit uns noch nicht anhören will, da sie noch kein Verständnis hat für die Größe und Erhabenheit des universalistischen, reinen Gottesglaubens, erklärt der Zionismus die religiösen Güter für wertlos und wirft sie leichtfertig von sich. Ohne den geringsten Sinn für seine Verantwortung gegen die Geschichte zerstört der Zionismus die jüdische Religion!
Ist es nicht geradezu ein verbrecherischer Wahnsinn, sich über den Universalismus und den Weltengott, über die Mission des Judentums mit dem billigen Spott der Beschränkung lustig zu machen, diese erhabene Lehre zu verwerfen, weil unsere Zeit ihnen nicht günstig ist, weil wir sichtbare Erfolge unserer Weltanschauung zahlenmäßig nicht feststellen können? Ist der Erfolg überhaupt ein Maßstab für die Richtigkeit einer Idee? Bleiben unsere Propheten nicht doch, was sie sind, behalten ihre Lehren nicht ihren Wert, wenn auch ihre Zeit sie mit Schmutz und Hohn bewarf, wie es heute der Zionismus mit jedem andersdenkenden tut? War darum die gewaltige Kraft ihrer Begeisterung geringer an Wert, waren darum ihre Grundsätze schlecht, weil sie kein Gehör fanden, und viele von ihnen, vom Volke verachtet und verfolgt, verdarben und starben? Nein, der äußere Erfolg ist noch niemals der Maßstab für den inneren Wert einer Sache gewesen, und damit kommen wir zum wichtigsten religiösen Gute, das der Zionismus zerstört. Der Glaube an den gerechten und liebenden Weltengott und das Streben, diesen Glauben zu verbreiten, gipfeln in den Gedanken an das messianische Reich, an jene Zeit, da auf Erden wirkliche Harmonie, wirklicher Frieden, echte Kultur herrschen werden, und alle Welt, da die enge Schranken der Konfessionen und Nationen, die an allem Krieg und Streit die Schuld tragen, gefallen sein werden, den einen einzigen Gott anbetet. Dieser Glaube war es allein, der dem Judentum zu allen Zeiten Kraft und Ausdauer gab; ihn zerstören und leugnen heißt das Judentum selber zerstören. In ihm stimmen auch alle Richtungen des Judentums sachlich überein, wenn sie auch in Einzelheiten eine verschiedene Auffassung haben. Und was macht der Zionismus aus diesem Grundglaubensatze der Religion? Sein Messianismus ist ein rein nationaler, er träumt von einem jüdischen Reiche, das nicht etwa, – wie die Verheißungen der Propheten und die innigen Wünsche unserer Gebete es zum Ausdruck bringen – dann sich erheben wird, wenn alle Völker sich dem einzigen Weltengotte zugewandt haben werden, sondern sein Ideal ist ein Staat, der sich mitten unter der Unruhe und dem Hasse der Welt aufbaut, dessen Zukunftsehen die eigene Wohlfahrt, die eigene Sicherheit ist, der aber im übrigen sein Schicksal getrennt hat von dem der Welt. Dieses kleinliche und beschränkte Messiasideal ist dem Judentum wesensfremd, dessen wahren Zukunftshoffnungen Vereinigung und Liebe, nicht Haß und Absonderung verkünden. Nur das Wort hat der Zionismus behalten, aber der Inhalt ist verfälscht, und die messianische Vorstellung des Nationalismus ist eine verderbliche, verwirrende Phrase!
Zionismus und jüdische Religion, ein beschränkter Nationalismus und der Glaube an einen Weltengott sind unvereinbare Gegensätze. Wer das Judentum kennt und liebt, wer seine wertvollen Güter behalten will, muß den Nationalismus ablehnen. In diesem Punkte sind Orthodoxe und Liberalen sich einig, einig in dem Wunsche, die religiöse Kraft des Judentums zu stärken, einig in dem Bewußtsein, daß der Zionismus theoretisch mit der jüdischen Religion unvereinbar ist!
Wie sieht es nun in der Praxis aus? Praktisch erklärt ja der Zionismus Religion zur Privatsache. Man darf sich nicht etwa durch den Einwand, den man häufig hört, täuschen lassen, daß sich dies nur auf die speziellen Probleme der Religion beziehe, und daß der Zionismus dieselbe Stellung wie andere jüdische Organisationen einnehme. Wenn diese erklären, religiöse Fragen nicht in den Kreis ihrer Betrachtungen ziehen zu wollen, handelt es sich um Einzelheiten strittiger Natur. Selbstverständlich können der Zentralverein, die Großloge, der Hilfsverein und alle anderen sich nicht darüber äußern, ob in der Synagoge eine Orgel zufällig ist, ob jede Gemeinde ein rituelles Tauchbad haben müßte. Solche Betrachtungen würden Streit hervorrufen und die äußeren zusammenfassenden Abwehraufgaben hindern. Aber alle jüdischen Organisationen stehen ohne weiteres auf dem Boden der grundsätzliche Anerkennung der jüdischen Religion als obersten und einzigen einheitlichen Faktors des jüdischen Lebens und ungeschriebenes Statut ist bei allen, daß nur diejenigen Mitglieder werden können, die sich zur jüdischen Religion bekennen, wobei man sich natürlich – dem Prinzip der Gewissensfreiheit entsprechend – mit dem Bekenntnis begnügt das freiwillig abgelegt wird, und nicht näher zu forschen vermag, zu welchen praktischen Folgen es im Leben führt.
Der Zionismus erklärt daß die Religion Privatsache sei, daß jeder sich sein Verhältnis zur Religion gestalten könne, wie es ihm paße, und daß eine positive Stellung der Religion für den Begriff „Jude“ nicht erforderlich sei.
Statistische Feststellungen über die Anzahl der religionslosen Zionisten lassen sich nun nicht machen, weil der Staat nur als „Juden“ betrachtet, wer sich zugehörig zur jüdischen Religion bezeichnet, aber jeder Kenner der Verhältnisse weiß, wie gleichgiltig man in führenden zionistischen Kreisen innerlich der Religion gegenübersteht. Wie könnte es auch anders in einer Bewegung sein, nach deren Grundsätzen man zu gleicher Zeit ein Atheist und ein guter Jude sein kann, in deren Kreisen man den Centralverein als ein Makel betrachtet und ihn meidet, weil er sich eine Vereinigung deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens nennt.
Die offizielle Stellung der Juden, die offiziell als Glaubensvereinigung gelten und nur in dieser Gestalt dem Staate gegenüber eine Gemeinschaft darstellen, bringt es mit sich, daß im allgemeinen der deutsche Zionist als zur jüdischen Religion gehörig gilt. Aber die logischen und folgerichtigen Theoretiker gehen weiter und verlangen nicht einmal dieses äußerliche Bekenntnis zum jüdischen Glauben. Daß man theoretisch ebenso wie Atheist auch Christ oder Mohammedaner und trotzdem ein guter Nationaljude sein könne, ist noch niemals bestritten worden, aber die ehrlichen Theoretiker, denen taktische Fragen gleichgültig sind, finden auch nichts dabei, wenn diese Anschauung in die Praxis umgesetzt wird. Dr. Jeremias erklärt in der „Jüdischen Rundschau“ vom 31. März 1911, daß man es als Geschmacks- und nicht als Prinzipiensache ansehen müsse, ob man den Schekel nur von Angehörigen des jüdischen Glaubens nehmen wolle und solle. Dr. Joseph erklärt mit aller Seelenruhe, wie er selbst sagt, daß man ein guter Nationaljude und dabei ein guter Christ oder überzeugungstreuer Atheist sein könne (Liberales Judentum, Jahrgang 1911, Seite 47). Die deutsche zionistische Parteileitung hat zwar Joseph energisch von ihren Rockschößen abgeschüttelt, aber das ist sehr undankbar gewesen, undankbar gegen einen ehrlichen, folgerichtig denkenden Menschen, der schlicht die Wahrheit sagte und auf die Finessen zionistischer Diplomatie noch nicht geeicht war. Er hat nur das ausgesprochen, was andere aus taktischen Gründen verschweigen. Im Zentralorgan der deutschen Zionisten stand – um noch ein Beispiel aus vielen herauszugreifen – am 19. April 1912 zu lesen, daß der zionistische Atheist im Interesse der Bewegung sich nicht scheuen solle; seinen Atheismus offen zu bekennen, und wenn auch in diesem Wunsche eine anerkennenswerte Gegnerschaft gegen religiöse Heuchelei zu Tage tritt, die Sache wird dadurch nur unterstrichen, daß man als nationaler Jude kein religiöses Interesse zu haben braucht. Vom Ausland soll hier gar nicht die Rede sein, denn daß z.B. in Rußland der Nationaljude christlicher Konfession nicht nur in Ausnahmen vorkommt, wie der oft genannte Herzenstein es noch war, sondern etwas Alltägliches zu werden beginnt, das geben sogar zionistische Blätter ganz offen zu (Frankfurter Israelitisches Familienblatt vom 2.Februar 1912 (Seite 1 und 2). Es kann hier unsere Aufgabe nicht sein, uns in Einzelheiten zu ergehen, es mag genügen, auf die allgemein bekannte Tatsache, daß einem großen Teil der russischen Jugend der Nationalismus nur ein Vorwand ist, der die Taufe deckt und ihn vor dem Vorwurfe bewahrt, feigen Verrat begangen zu haben.
Jedenfalls ist es ganz unbestreitbar, daß das Judentum, welches der Zionismus stützt und aufbaut, mit wahrem Judentum auch praktisch nichts zu tun hat, und daß er auch praktisch auf die jüdische Religion zerstörend wirkt. Die Anschauungsweise der Zionisten ähnelt der der Antisemiten. Zwar gibt es zwischen beiden, dem verschiedenen Milieu entsprechend, indem sie wirken, manche Unterschiede äußerlicher Natur. Doch ebenso wie der Antisemitismus äußert sich der Zionismus in Unfrieden, in scharfer Intoleranz, in Ungerechtigkeit und Verständnislosigkeit gegen Gegner. Was diese täglich zu beobachtenden Erscheinungen praktisch bedeuten, wird Gegenstand späterer Betrachtung sein, uns interessiert hier vornehmlich ihre theoretische Grundlage. Es ist falsch zu glauben, daß sie bloße Auswüchse der politischen Kämpfe seien oder der Stellung, die andere Richtungen im Judentum zum Zionismus einnehmen. Die Übereinstimmung mit dem Wesen des Antisemitismus, daß sich uns Juden gegenüber in schändlichen Anschläge gegen Gut, Freiheit und Ehre der Juden offenbart, würde noch weit schärfer hervortreten, wenn der Zionismus eine so herrschende Machtstellung einnähme wie jener. Jeder Vorwurf aber, den man dem einen Teile macht, gilt gleicherweise für den anderen, und viele schwache Charaktere, die in den Zionismus hineingezogen worden sind, haben sich ganz und gar die Denkweise des Antisemitismus angewöhnt, haben zu ihrem Teile zu dem Beweise beigetragen, daß der Zionismus ebenso wie sein Zwillingsbruder, der Antisemitismus, nicht nur zur jüdischen, sondern zu jeder Religion, die ethische Grundsätze hat, in schärfstem Gegensatze steht.
Teil 1

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