Der Wortwüter

ARTus-Kolumne »SO GESEHEN« Nr. 504

Diese Fahrt nach Berlin bleibt unvergessen. Für einen Tag der Woche von Neuendorf auf Rügen über Bergen und Rambin auf schnellstem Wege nach Berlin, nur der Kunst wegen. Einmal wieder Paul Klee schauen, Giacometti nah sein, Picasso atmen, Matisse bewundern, mit Freunden über das Wagnis einer gesetzten Linie streiten, vor den Bildern Alarm auslösen (5 mal wenigstens und dennoch mit dem Verständnis der Aufsichtskräfte rechnen dürfen!) und dann… vor den Zeichnungen der Else Lasker-Schüler träumen, das hatte ich mir lange gewünscht.

Die Berggruen-Sammlung der Klassischen Moderne lockte und die jüngst im Hamburger Bahnhof eröffnete Ausstellung mit Zeichnungen und Collagen der Wortalchimistin Else Lasker-Schüler, die so ganz anders ausstrahlte als die quasi nebenan präsentierten Arbeiten von Warhol, Rauschenberg, Twombly und Kiefer. Fulminant raumfüllend die einen, beglückend intim die andere.

Das Café des Westens, wo die Lasker-Schüler bei Wasserkakao schreibend ihre besseren Tage verbrachte, dichtete, Postkarten schrieb und bezeichnete (heute Gegenstand der Ausstellung!), gibt es nicht mehr. So trinkt man Kaffee im häuslich angeschlossenen Sarah Wiener Café, einer quasi Museumskantine, die man getrost auch links liegen lassen kann, um sich rechts, mehr als beglückt in Bücherbergen der Kunst zu verlieren.

Auf der Heimfahrt, eingebettet in den Kosmos minimalistischer Klangwelten von Nik Bärtsch, fällt der Name Thomas Bernhard.

Mein Tag der Kunst, es war doch wirklich der Tag vor seinem 80. Geburtstag und der Tag, ich erfahre davon zu später Stunde, der schmählich versagenden deutschen Parlamentarier, auf die erschreckend passgenau die Bernhard-Sätze zutreffen: »Politiker arbeiten nur mit Heuchelei. Sie sind unmusisch und selbstsüchtig.«

Man nehme die Bernhard-Sätze, verknüpfe sie mit dem Gezeter unserer an Peinlichkeit nicht zu überbietenden Politiker, die sich beim Schachern um Nano-Beträge bei der in Aussicht gestellten Aufstockung der Harz-IV-Brosamen aufblasen, als gelte es die Bundesrepublik vor dem Halleyschen Kometen zu schützen und wundere sich (nicht) über so viel zutreffenden Zeitbezug.

Bernhard hat bitterste Wahrheiten ausgesprochen, so gesehen oft den berühmten Nagel auf den Kopf getroffen, auf dass das Denken wieder schneller einsetzt und… das Lachen, das dem erklärten Pessimisten auch nie fremd war. Bernhard, der Wortwüter, hat seine Wut über Zeitgenossen und Zustände mit einem befreienden Lachen fortspülen können. Unerschrocken setzte er Segel im Meer der Unaufgeklärten und des noch Ungeklärten. Er hatte eine Souveränität und eine Komik, die ich auch auf den Bildern Klees und Picassos in der Sammlung Berggruen entdeckte. Da wie dort belebender Widerstandsgeist gegen das schwülstige Getöse der Zeit. ARTus

Der Wortwüter

Thomas Bernhard (9. Februar 1931 – 12. Februar 1989) zählt zu den bedeutendsten deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts. Zeichnung: ARTus



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