Der Wind der Freiheit und ein Preis für Wladimir Putin

Gerade habe ich beim zufälligen Einschalten des Fernsehers so eine Reportage gesehen, wie es sie derzeit auffällig viele gibt: Die Tunesier warten dringend auf Touristen. Die ganze schöne, in den westlichen Medien vielbesungene Revolution der tapferen Wüstensöhne und -töchter, die ihren Ben Ali zum Teufel gejagt haben, hat leider dazu geführt, dass das Land sich stärker als je zuvor im wirtschaftlichen Niedergang befindet. Und dann bleiben auch noch die Geldbringer aus, weil sie Angst vor Aufruhr und Anschlägen haben.

Von Freiheit und Demokratie kann man halt nicht leben, aber so ging die Reportage in den öffentlich-rechtlichen Medien (diesmal wars die ARD) natürlich nicht. Statt dessen wurden einige der wenigen deutschen Touristen interviewt, die sich angesichts der aktuellen Schnäppchenpreise ins Touri-Paradis getraut haben. Und die fanden alles super, das Wetter, den Service, das Essen und die Preise. Daraufhin ein paar ermutigende Worte aus dem Off ans Publikum, man möge doch bitte die freiheitsliebenden und darüber hinaus total serviceorientierten Tunesier nicht im Stich lassen, sondern einfach mal nach Tunesien fahren, damit die Wirtschaft da wieder in Schwung kommt. So ganz ohne wirtschaftliche Nachhilfe aus dem Westen bzw. Norden geht’s ja leider doch nicht.

Zum Schluss wurde auch noch ein einheimischer Depp gezeigt, der zwar seit Monaten nicht weiß, wovon er leben soll, weil niemand auf seinen Kamelen reiten will, die er zu diesem Zweck bereit hält, aber trotzdem total glücklich ist, weil er jetzt endlich frei ist. Und so reitet er hungrig aber frei in den Sonnenuntergang – schönes Bild, aber wer weiß, wie lange er seine Kamele noch ernähren kann, wenn sie ihm nichts einbringen. Aber auch das gibt den ARD-Journalisten nicht zu denken. Im Gegenteil, sie loben soviel Freiheitsliebe und wünschen „dass der Wind der Freiheit“ künftig noch stärker wehen werde.

Das erinnert mich an den Wind von Perestroika und Glasnost, der vor gut zwanzig Jahren ganz Osteuropa durchweht hat. So mancher Russe wird sich inzwischen wohl die guten alten Sowjetzeiten zurückwünschen, als es zwar auch autoritär und etwas ärmlich zuging, aber doch wenigstens nicht die harte Hand des Kapitalismus die Zügel hielt. Immerhin wurde das, was es gab, an alle verteilt – heute gibt es für fast alle sehr viel weniger, dafür können ein paar Leute richtig Geld scheffeln. Da ist es nur konsequent, wenn der lupenreine Demokrat Wladimir Putin in diesem Jahr den Quadriga-Preis der Werkstatt Deutschland bekommen soll. Denn Demokratie ist eine Herrschaftsform, die vor allem und möglichst ausschließlich den Kapitalisten und ihren Interessen nutzen muss – insofern ist es überhaupt keine Ironie, Putin einen lupenreinen Demokraten zu nennen.



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