Der unsoziale Tod des Jedermann

Tempo, Tempo, Tempo – seine Zeit läuft ab! Noch hat er nur mehr 1 Stunde und 27 Minuten zu leben, verkündet der Lebensrestzeitoptimator vom Bildschirm, der in der linken oberen Bühnenecke platziert ist. Petra Strasser unterhält in ihrer Rolle als coole und völlig unverbindliche TV-Sprecherin, die die Restlebenszeit von Jedermann anzusagen hat, an diesem Abend noch durch weitere Moderationsaufgaben. Und noch sieht es gar nicht danach aus, als ob der schmierige Investmentanker Jedermann mit seinem Todeseinverständnis die Welt retten würde. Dieses muss Gottfried Neuner in der Rolle des abgehobenen und um sein Leben besorgten Widerlings nämlich dem Gevatter Tod abgeben. Tut er es nicht, droht die Apokalypse, wie von Johannes vorausgesagt.

Der unsoziale Tod des Jedermann

“Letzter Aufruf Jedermann” ist eine rasante Neuinszenierung des Jedermanns im TAG in Wien. (Foto: (c)Anna Stöcher)

 

Marc Pommerening hat in seinem Stück „Letzter Aufruf Jedermann“eine rasante Neuinszenierung des Hoffmannsthal´schen Klassikers gewagt und dabei nicht davor zurückgescheut, zumindest zeitweilig in dessen Versmas einzutauchen, was der Sprache trotz aller aktueller Bezüge eine gewisse Antiquiertheit verleiht. Zugleich erreicht er damit auch ein Abrücken des Publikums von der darin verpackten Aktualität, sodass es möglich wird aus dem Theaterstuhl wie aus der Zukunft auf das derzeitige Treiben der Finanzhaie zurückzuschauen. Ein kluger Schachzug, der einen großen Gedankenspielraum möglich macht. Natürlich wird dabei die aktuelle Finanzmarktsituation kritisch beleuchtet. Nicht nur in der Person des Jedermann und dessen Gesell (Clemens Berndorff) selbst, die in ihrem Büro mit Weitblick fern ab von jeder Realität der Massen skrupellose Transaktionen durchführen. Es bekommen auch die „Empörten“ (Stépahne Hessel hätte seine Freude!) ihr Fett ab. Jene, die man nach dem Kopf des „Everyman“ – ein nicht unwillkommenes Wortspiel wohl auf die nicht aus den negativen Schlagzeilen rutschende Goldman Sachs Investmentbank – rufen hört, immer wenn dieser die weißen Lamellenvorhänge im letzten Stock des Hochhauses, gebaut aus Stahl, Glas und Marmor, zurückschiebt. Ungeachtet ihres antikapitalistischen Treibens fallen sie über die von Jedermann aus der Höhe auf sie herab geworfenen Geldscheine her und bekräftigen zumindest für kurze Zeit dessen Vorstellungen vom alles regierenden Kapital. Aber die Art und Weise wie diese Kritik sonst noch verpackt ist, verschlägt einem schier den Atem. Denn es darf gelacht werden und zwar nicht zu knapp. Sei es über den ungeschickten Tod selbst, der sich von Jedermann überreden lässt es einmal als Lebender so richtig krachen zu lassen und dabei in einen irrwitzigen Konsumrausch verfällt – sei es beim finalen Bankett, zu dem Jedermann von seinem Adlatus seine Freunde kurzfristig einladen ließ. Aufgrund der absoluten Absenz auch nur eines Gastes schlüpft Clemens Berndorff als willfähriger und untergebener Gesell ganz im Stile des großen britischen Vorbildes „Dinner for one“ in Freddie Frintons Paraderolle und stößt zum letzten Mal in unterschiedlichen Rollen auf Jedermanns Wohl an. Wunderbar, wie er genauso gekonnt wie sein längst verstorbener Kollege Frinton lautstark stolpert. Zwar nicht wie dieser über einen Tigerkopf, sondern über die Bühnentreppe im Hintergrund. Der Lacheffekt ist aber der gleiche. Doch dies ist nicht das einzige TV-Zitat, das an diesem Abend besticht. Alexander Jagsch, der als urkomischer und etwas langsam denkender Tod verzweifelt versucht jene Fliege wieder zum Leben zu erwecken, die Jedermann mit einem Stich die tödliche Blutvergiftung beschert hat, erinnert darin an Rowan Atkinsons Mr. Bean Rolle, in der dieser gerne seinen geliebten Teddy beschwört.

Julia Schranz brilliert an diesem Abend gleich in drei unterschiedlichen Rollen. Als Engel Abramael, als kapitalismuskritische junge Demonstrantin und als Mutter von Jedermann, die aufgrund seiner Bezwingung des Todes als Untote aus dem Grab wieder aufersteht. Ihr ist in jeder dieser Rollen ein wahres Textfeuerwerk zugeordnet, das sie mit Bravour und völlig unterschiedlichen Rollenansätzen bewundernswert meistert. Dass sie eigentlich die Gegenspielerin zu Gesell darstellt – dieser Hintergrund wird im letzten Teil des Stückes erleuchtet. Und auch der Showdown, den es im wahrsten Sinne des Wortes gibt, soll hier nicht näher besprochen werden. Lebt das Stück doch auch über weite Teile von Überraschungen, die es in Überfülle gibt.
Die Inszenierung von Christian Himmelbauer lenkt nicht vom komplexen Textkonstrukt ab, geizt aber auch nicht mit auditiven und optischen Effekten und spart nicht an moderner Soundtechnik. So gestaltet sich auch der einzige größere Bühnenumbau kurzweilig durch die Playbacknummer von Petra Strasser, die abermals über den Bildschirm das Publikum mit ihrer Interpretation von „Skyfall“ unterhält, jenem James Bond Hit, der derzeit die Radiosender weltweit beherrscht.

Dass Jedermann sein Ende ganz entgegen den vorgegebenen göttlichen Spielregeln anders bestimmt und völlig „unsozial stirbt“, der Tod in Mitleid zerfließt, dass die Apokalypse wohl von einem Typen geschrieben wurde, der völlig stoned war und niemals stattfinden wird, ist nur der vordergründige Schluss des Stückes. Denn gerade das Nicht-Stattfinden der Apokalypse ist die Tragik dieser, unserer Welt. So wird es zumindest am Ende im Abgang Abramaels, begleitet von einem kurzen Posaunenstoß – der aber eher einem milden Alphornton ähnelte, verkündet.

Brillante Unterhaltung und eine nachhaltige Denksportaufgabe zugleich, ein rabenschwarzer Text gewürzt mit intelligenten Lachnummern – „Letzer Aufruf Jedermann“ ist einfach sehenswert!

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