Der unsichtbare Gefährte • Eine Legende der Aborigines

Von Renajacob @renajacob

Weemullee, die Eule, und Willanjee, der Wirbelwind, waren einst junge Männer und gute Freunde. Gemeinsam gingen sie auf die Jagd, nahmen ihre Mahlzeiten zusammen ein, schliefen jede Nacht im gleichen Lager und schwatzten den ganzen Tag miteinander.

Das Merkwürdige bei alledem war, dass Willanjee für den Gefährten stets unsichtbar blieb. Die neugierige Eule, die alles daransetzte, den geheimnisvollen Freund endlich zu Gesicht zu bekommen, starrte unablässig in seine Richtung, bis ihre Augen mit der Zeit immer größer und runder wurden. Wenn die beiden auf die Jagd gingen, so wanderten die Waffen des Wirbelwinds neben Weemullee her, ohne dass der Träger sichtbar wurde. Hatten sie nach langer Verfolgung ein Känguru schließlich niedergehetzt, dann beobachtete die Eule, wie sich der Speer in der Schleuder wiegte und von Geisterhand geworfen sein Ziel traf. Weithin war der triumphierende Schrei des Jägers zu hören, der die Beute zu Fall gebracht hatte. Wenn die jungen Männer herbeistürzten, um dem Tier den letzten, tödlichen Schlag zu versetzen, war es Willanjees Keule, die ihm den Hieb versetzte.

All dies spornte die Eule natürlich weiter an, das Geheimnis zu lüften. Vergeblich bemühten sich ihre großen runden Augen, aber immer wieder starrten sie nur ins Nichts.

Eines Tages waren die Freunde wie gewöhnlich auf der Jagd und erbeuteten mehrere Warane und Wildenten. Gegen Abend kletterte Weemullee noch flink auf den großen Eukalyptus in der Nähe des Lagers und zog eine fette, junge Beutelratte aus dem hohlen Baumstamm.

"Wirf sie herunter", rief Willanjee, "das gibt einen saftigen Braten."

Im Lager dann wurde die Beute über dem Feuer geröstet, wobei Willanjee die verschiedenen Tiere jeweils auf eine besondere Art zuzubereiten wusste. Es war ein richtiges Festmahl. Bald danach rollte sich der Wirbelwind müde vom vielen Essen in seine Felldecke und fiel in einen tiefen Schlaf.

Nun konnte Weemullee seine Neugierde nicht länger im Zaum halten. Das war die Gelegenheit, auf die er so lange gewartet hatte. Lautlos huschte der Eulenmann um das niedergebrannte Lagerfeuer herum, hob behutsam einen Zipfel von Willanjees Decke hoch und starrte mit weit aufgerissenen Augen darunter. Da war es auch schon geschehen. Heulend brach der Wirbelwind aus dem Dunkel hervor und zerstreute glühende Holzkohle, Waffen und abgenagte Knochen in alle Himmelsrichtungen. Weemullee selbst wurde von dem pfeifenden Luftstrom mit solcher Gewalt in einen hohlen Baumstamm gedrückt, dass er aus dem obersten Astloch wieder herausschoss und weit über die Ebene wirbelte. Verzweifelt versuchte Weemullee noch immer, den unheimlichen Freund zu Gesicht zu bekommen, der ihn vor sich her durch die Lüfte jagte. Aber sosehr er den Kopf auch drehte und wendete, nichts war zu sehen. Zuletzt bekam er einen starken Akazienast zu fassen, an den er sich klammerte, bis Willanjee, der Wirbelwind, vorbeigebraust war.

Seit dieser schrecklichen Nacht aber sind die Augen der Eule so groß und rund geblieben, wie sie heute noch sind.