Der Touchscreen-Täter (1)

von Mario J. Schwaiger, inspiriert von Malka
Teilweise auf wahren Begebenheiten basierend

Nachdem meine letzte Geschichte so gut angekommen ist, möchte ich jetzt erstmals einen Versuch wagen, eine Art Kriminalnovelle zu verfassen. Sollte diese gut ankommen, so werde ich gerne öfters Vergleichbares verfassen. Danke an meine liebe Freundin Malka in Jerusalem, die mich auf diese Idee gebracht hat.

Sämtliche Figuren in dieser Geschichte sind frei erfunden und jede Ähnlichkeit ist zufällig. Aber auch zufällige Ähnlichkeiten sind Ähnlichkeiten.

Kapitel 1: Frühingsgefühle

Salzburg im März 2019

salzbIch stehe mit einem Kaffee am Ufer der Salzach und starre auf den Hügel, der sich vor mir erhebt. Der Winter war dieses Jahr nicht so lange, aber frühlingshafte Sonnenstrahlen sind jedes Jahr etwas Besonderes. Ein Provinzler wie ich, eigentlich Informatiker, hat seinen zweiten Bildungsweg bei der Kripo eingeschlagen und es tatsächlich zu etwas gebracht. Meine ersten Fälle gingen gut voran und ich wurde rasch befördert. Aus dem beschaulichen Lienz ging es recht bald in die Großstadt.

Salzburg. Wenn ein Tourist das hört, denkt er an Mozart, ein Österreicher an Sommerfrische und Mozart und ich… daran, dass ich Mozart mochte, bevor ich hierher gekommen bin.

Ebenso frage ich mich, wer auf die Idee gekommen ist den guten Wolfgang auf meinem Kaffeebecher abzubilden und was das Eine mit dem Anderen zu tun hat. Auch ein Schuss Mozart-Likör kann den faden Geschmack eines entkoffinierten Kaffees nicht aufpeppen. Auch nicht während der Dienstzeit.

Als ich anfange, die braune Suppe aus dem Becher in die braune Suppe voll Schmelzwasser zu gießen, läutet mein Mobiltelefon.

„Schwaiger Schalom, Sie wünschen, ich spiele?“
„Spiel gleich hier auf, Mario, hier ist Karo. Wir haben am Salzachstrand 5km vom Zentrum etwas Hübsches herausgefischt“
„Karo… Karo? Liegt mein Rotfilter bei dir?“
„Rotfilter?“
„Ja, ich hab dich doch vor ein paar Wochen bei dir daheim abgelichtet?“
„Karoline von der Spurensicherung“
„Ups…“

Peinliches Schweigen.

„Ich äh“ ich räuspere mich „fotografiere ja hin und wieder…“
„Das ist ja widerlich, ich schick dir die Koordinaten zu“
„Ich äh..“. Was ich noch sagen will, weiß ich nicht, aber meine Kollegin hatte ohnehin schon aufgelegt.

Mit dem Fahrrad mache ich mich auf dem Weg an die gesendeten Koordinaten. Am besagten Ort angekommen bahne ich mir den Weg bei einigen stehenden Polizeiautos, die vor einem Wäldchen positioniert wurden vorbei. Ein Kollege begrüßt mich und bringt mich gleich zu Karo, die einer grauen Masse Proben entnimmt.

„Hast vorher ja beschäftigt geklungen, worum geht’s?”
„Rate einmal, was das hier ist“ blickt sie mich an und zeigt auf das Etwas.

Beim genaueren Hinsehen bemerke ich einen Knochen daraus stehen und mir wird leicht übel. „Oberschenkel?“ würge ich hervor.

„Linker Oberschenkel, sehr grob abgetrennt, seit etwa drei Tagen im Wasser“
„Vom Täter wird da nicht mehr viel zu finden sein… Wie seid ihr darauf gestoßen?“

Karo zeigt auf eine Schulklasse. „Eines der Kinder hat ihn hier am Strand liegen sehen, die Lehrerin hat uns daraufhin verständigt“

Ich dachte kurz nach. Mir kam gerade mehreres in den Sinn. Wie der Scheißer wohl reagiert hatte, als er das Teil gefunden hatte. Das wird wohl eine Belastung fürs Leben sein. Welch Ironie. Ein Toter beeinflusst das Leben eines Kindes, obwohl sich die beiden wohl nie gesehen haben.

Ein paar Tage zuvor wurde ein Kannibale in Bayern verurteilt. Zwar wurden alle Toten identifiziert und teilweise auch die Überreste sichergestellt, aber wer weiß, wen der Kerl noch auf dem Gewissen hat. Ebenso sitzt gerade ein Giftler in U-Haft. An seiner Jacke war einiges an Blut, dass wie er meinte von einer Schlägerei stammt. Vermisstenmeldungen gab es komischerweise in den letzten Tagen keine, trotztem werde ich mir Fixi einmal vornehmen.

Gedankenversunken bin ich fast an der Klasse vorbeigegangen. Meine liebe Freundin Olga, eine Psychologin hat mit den Kindern gerade gesprochen und versucht jetzt die Lehrerin zu beruhigen, die sichtlich mit den Nerven am Ende ist.

„Hey Olga! …“ sie dreht sich kurz um und zeigt mit der Hand an, dass ich etwas ruhiger sein sollte, da die Lehrerin gerade mit ihrer Emotionalität kämpft.

„… wer von den Kindern hat…“ flüstere ich. „Der mit dem grünen Pullover“ versucht sie höflich und doch rasch zu sagen.

Ich wollte mich des Kleinen annehmen. Ihm ein bisschen Mut zusprechen und sagen, dass er jetzt stark sein muss.

„Der Klausi hat an Totn gfundn“ sagt ein etwas dickerer Junge mit offenem Mund zu mir.
„Ja“ gebe ich zu „aber manchmal passieren schlimme Dinge“
„Weat er jetzt verhaftet?“
„Aber nein“ erwidere ich lachend. „Niemand wird verhaftet, weil er der Polizei hilft“
„Schaaaad“

Ich werfe dem Fetten noch einen verwunderten Blick zu und begebe mich zu Klausi, um den sich die Anderen einen Kreis gebildet haben.

„Hey Kleiner, wie geht’s?“
„Wer bist du denn?“
„Kommissar Schwaiger, von der Kriminalpolizei“ erwidere ich mit einem Lächeln.

Ein Mädchen mit wegstehenden Zöpfen und Brille fängt an zu hüpfen „Siehst du! Die verhaften dich doch!“
„Nein, Nein, niemand wird hier verhaftet“ schlichte ich.

„Ich war schon öfters im Knast“ raunt mir Klausi zu.

Hä?

„Wie alt bist du?“
„Schon fast neun“
„Ja, wer ist mit dem Alter noch nicht gesessen…“
„Mit euch Bullen mach i immer Schiaßereien“

Die Mädchen schauen ihn staunend an und ich begreife erst, was der Kleine da spielt. Von wegen fürs Leben gezeichnet, der gibt jetzt auch noch an.

„Die hab ich auch immer, ich ziehe aber meine Kamera vor“ entgegne ich. „Brav bleiben, Kinder“ werfe ich noch schnell in die Runde und mache mich aus dem Staub. Karo macht ihren Job alleine ganz gut, Olga hat alle Hände mit der Lehrerin zu tun, die inzwischen zu schreien begonnen hat und die übrigen Beamten sind auch alle, wo sie sein sollen.

Auf mich wartet jetzt ein Fixer in seiner Zelle.

Kapitel 2 – Needles and Pins

Auf dem Bett liegt ein etwas dickerer junger Mann, der ein Tuch um seine Augen geschlungen hat und vor sich hinjammert. Ernst heißt er. Wirklich bekannt ist er nicht. Aufgegriffen hat man ihn bisher erst zwei Mal. Bisher war er nur ein kleiner Fisch für uns. Die Dosen an Heroin, die er bei sich hatte waren genug zum Eigenverbrauch und wenn er sie noch etwas gestreckt hätte, dann könnte ein Freund höchstens noch einmal daran lecken aber Dealer ist er sicher keiner. Therapie will er keine machen und solange man ihm nichts Minderwertiges in seine „Jause“ kippt wird er noch fröhlich so weitermachen. Jetzt auf jeden Fall wirkt er nicht mehr so euphorisch.

„Ein Crack-Kater fühlt sich so an als würdest du einen Berg voller Glasscherben herunterrollen“ hat einmal ein Aussteiger zu mir gemeint. Das zusammengerollte Etwas auf der Pritsche, das gerade den Kampf gegen das Sonnenlicht zu Mittage verloren hat wirkt ob der ganzen Einstichstellen auch physisch so.

„Guten Morgen…“
„Mmmhhmm… wwwwh…“
„Ernst, bist du wach?“
„Hmmmww…“
„Ich wollte mit dir über die Blutspuren auf deiner Jacke reden“
„Hammmwww…“

Auch wenn es in seiner Stimmung bemerkenswert ist, dass er einen Vokal herausbekommen hat, wir haben einen Toten und ich nehme ihm seine Sonnenblende ab.

„Häääälll“
„Ja, es ist hell. Und wir können die Sache schön verkürzen, wenn du mir sagst, was ich hören will“
„Hmmm…“
„Das Blut auf deiner Jacke“
„Des hab i von ana Schlägerei“

Das sagte mir ein leicht übergewichtiger Junkie, der im Moment nicht einmal ein paar Photonen erschlagen kann, die ihm auf die Netzhaut pretzeln.

„Ich wusste nicht, dass du schlägerst“
„Tua i aber, und i will jetz wieder schlafen“ flehte er um sein Tüchlein.

„Wir haben dich jetzt zum dritten Mal bei uns zu Gast und was ich so über dich weiß gehörst du nicht zu den Groben“

Er versuchte sich umzudrehen, doch das Licht war heute wirklich stärker. Ich sollte einen Brief an das Innenministerium schreiben, jede Zelle in Österreich mit großen Fenstern auszustatten.

„Gib her“ wimmerte er und hielt sich mit dem einen Arm die Augen zu und versuchte seinen Wisch mit dem Anderen wieder zu holen. Ein eher hoffnungsloses Unterfangen.

„Also, das Blut…“

In diesem Moment klingelte mein Mobiltelefon.

„Schwaiger?“
„’ier ist Patrice, ca va?“
„Ça va… Was gibt’s bei der schnellen Truppe?“
„Wir ‘aben am Baan’of Leischenteile gefunden. Ge’üllt in Müllsäcke“
„Bitte was?“
„Die Reinigungsfirma ‘at in einem Papierkorb neben einer Baustelle den Sack gefunden“
„Weitere Indizien?“
„Soweit nischt. Keine Spuren, kein Garnischt“
„Könnte das mit dem Teil zusammenhägen, dass heute in der Salzach getrieben ist zusammenhängen?“
„’a ‘a, zusammen’ängen! Sehr lustisch“
„Du weißt, was ich meine“
„Wir vermuten“
„Halt mich auf dem Laufenden, Merci, Au revoir“

Plötzlisch schoss es mir. Unser Ernst hier wurde genau an dieser Stelle aufgegriffen.

„Den Pullover bitte“
„Hääää?“
„Den Pullover bitte“ erwiderte ich mit Nachdruck.

So ganz verstand er es nicht, aber er war wach genug, um mich zu sehen. Er zog ihn aus und überreichete ihn mir wortlos.

„Hier hast du dein Tuch“ und drückte es ihm in die Hand.

Daraufhin verschwand ich aus seiner Zelle. Schlägerei! Ach was, Schlägerei! Todschlag! Es sind immer die, von denen man es am Wenigsten erwartet.

Den Fetzen hatte ich nur mit den Fingerspitzen angefasst und sogleich in ein Plastiksackerl gelegt. Karoline kam gerade in die Forensik, sodass ich ihn ihr überreichen konnte.

„Kontrollier bitte, ob das vom selben Toten stammt“ und drückte ihr meine Falllösung in die Hand.

„Wenn ja, dann ist alles praktisch gelöst“ lächelte ich.

Es würde noch eine zeitlang dauern, bis alles ausgewertet war. In der Zwischenzeit konnte ich mich am Bahnhof umschauen. Die Informationen waren nur minimal und das Wesentliche wusste ich schon. Leichenteile im Müllkorb. Keine weiteren Spuren. Ich konnte nichts Auffälliges sehen, außer, dass ein Reinigungsbediensteter gerade den Papierkorb säuberte. Man konnte noch deutlich sehen, dass Blut aus dem Müllsack geronnen ist. Wahrscheinlich hatte jemand Glasscherben oder noch glimmernde Zigarettenstummel hineingeworfen, wodurch sich die Versiegelung geöffnet hatte.

An dieser Mülltonne hatten wir auch in der Nacht zuvor unseren Fixer aufgegabelt. Er hatte sich gerade einen Schuss gegeben und war dann zusammengesackt und wollte sich noch am Kübel festhalten nehme ich an.

Zurück im Hauptgebäude war mein erster Weg zu Karo, die gerade mit der Auswertung fertig war.

„Ich habe zwei gute Nachrichten für dich“ – sagte sie lächelnd.
„Bitte sehr“
„Alle drei Proben stimmen überein“
„Hervorragend!“
„Und! Wir wissen auch, wer der Ermordete ist!“
„Schapo!! Das ist ja perfekt! Wer denn?“
„Ein gewisser Friedrich Glock.“
„Wer soll das sein?“
„Ein Journalist. Vor Jahren war er in einem Prozess involviert, weil man seine Spuren an einem Tatort gefunden hat. Seit dem liegen sie in der Datenbank. Damals wurde er aber freigesprochen, da er nur Zaungast war“
„Perfekt. Ich leite alles Weitere ein. Damit hat der gute Ernst wohl ein gewaltiges Problem. Aber vorher möchte ich eine Kleinigkeit essen. Ich lad dich ein, kommst du mit?“
„Habe eh gerade Pause“

Auf dem Weg in die Kantine plauderten wir darüber, ob die Kinder von heute wirklich so anders sind als unsere Generation. Ich wüsste nicht, wie ich damals mit acht darauf reagiert hätte, einen Leichenteil zu finden.

„Grüß dich Max“ winkte ich einem zeitungslesenden Polizisten zu. „Entschuldige mich bitte“ meinte ich zu meiner Begleitung“ und ging zu ihm hin.

„Oh, hallo Mario. Lange nicht gesehen“
„Wie schaut’s am Wochenende aus? Lust auf Fußball?“
„Können wir machen, ist Samstag gut?“
„Sollte passen, ich geb dir dann noch die Zeit Bescheid.“
„Hm?“

???

Ich erstarrte.

„Karo…“

„Ja?“ rief sie zu mir herüber.

„Komm … her“

Ich drehte ihr die Zeitung zu.

Sie wurde blass.

In der Zeitung fand sich ein Gastkommentar von Friedrich Glock.

Fortsetzung folgt.


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