Der Superlativ der Tanzästhetik

Von Michaela Preiner

Adji Cissoko(Foto: RJ Muna) 26. Februar 2018 Tanz Was haben Audio-Aufnahmen von Naturenklaven aus verschiedenen Teilen unserer Welt und zeitgenössischer Tanz gemeinsam? Braucht Tanz immer eine zu erzählende Geschichte oder reicht es, bewegte Körper auf der Bühne zu zeigen, die scheinbar zusammenhanglos einer Choreografie folgen? Die eingangs gestellten Fragen wurden von Größen der Tanzszene des 20. Jahrhunderts – zumindest was die Erzählungen betrifft – wie z.B. Merce Cunningham längst beantwortet. Auch Alonzo King fühlt sich in seinen Arbeiten der reinen Bewegung verpflichtet, wobei es nicht ganz stimmt, dass „Biophony“ und „Sand“ gänzlich ohne Erzählungen auskommen.

Das Festspielhaus St. Pölten brachte im Februar das „LINES Ballet“ von Alonzo King nach Österreich. Mit den beiden genannten Werken überzeugte der Choreograf, der von William Forsythe als „one of the few, true Ballet Masters of our time“ bezeichnet wurde, nicht nur das St. Pöltner Publikum. Der Ruf des Festspielhauses führt mittlerweile dazu, dass mehrere Busse mit Tanzbegeisterten aus Wien anreisen, um sich die größeren, internationalen Tanz-Produktionen hier anzusehen.

Der Superlativ der Tanzästhetik (Foto: Chris Hardy)

Biophony

Alonzo King, 1952 in Georgia in eine politisch aktive Familie geboren, gründete nach seiner Tanzausbildung in New York 1982 in San Franzisco seine eigene Companie. Der Erfolg seiner Stücke beruht auch auf der Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Künstlern aus anderen Disziplinen. Für „Biophony“ steuerte Bernie Krause, Musiker und Bioakustiker, der im Laufe der Jahrzehnte 15.000 Arten von Tieren und 4000 Stunden „soundscapes“ verschiedener Habitate aufnahm, gemeinsam mit dem Komponisten Richard Blackford den Soundtrack bei. Dabei erlebte das Publikum eine Mischung von Tier- und Naturgeräuschen, die so in der freien Natur gar nicht zu erleben sind, weil sie zum Teil in großen Entfernungen über Kontinente hinweg aufgenommen und erst im Studio zusammengmischt wurden. King schuf dazu eine Choreografie, die beständig zwischen illustrativen Tiergesten und völlig abstrakten Bewegungsmustern wechselte.

Tiergekrabbel, Halsgerecke, der eine oder andere Affengang, versteifte Beine, die wie ein konisches Meeresschneckenhaus von Tänzern nachgezogen wurden, Schwingengeflattere und Vogelgeputze – all das wechselte mit höchst ästhetischen, zeitgenössischen Tanzelementen ab. Wobei gerade die Verbindung von klassischem Ballett und aktuellem Bewegungsrepertoire dabei den großen Reiz ausmacht. Vor allem zeichnet sich Kings Choreografie durch den häufigen Einsatz von Drehmomenten aus, die in vielen Varianten immer wieder aufs Neue bezaubern. Auch der ständige und fließende Wechsel zwischen Gruppen- und Solo-Auftritten ist ein weiteres Charkateristikum, das in dieser Choreografie gut zu beobachten war. Der Rhythmus, dem die Tanzenden folgen, wird nur an wenigen, ganz kurzen Stellen von Percussion-Instrumenten vorgegeben. Größtenteils folgt er rein aus den Abläufen der Bewegungen, was für die Tänzerinnen und Tänzer zumindest in der Einstudierungsphase eine große Herausforderung darstellen dürfte.

Der Superlativ der Tanzästhetik „Biophony“ (Foto: Quinn B Wharton) Der Superlativ der Tanzästhetik (Foto: Chris Hardy) Der Superlativ der Tanzästhetik (Foto: Chris Hardy) Der Superlativ der Tanzästhetik „Biophony“ (Foto: Quinn B Wharton)

Sand

Mit der zweiten Arbeit „Sand“ verfolgte King eine ähnliche Strategie. Auch darin wird keine durchgehende Geschichte erzählt, aber, wie schon zuvor, viele kleine Erzählschnipsel angeboten, die das Publikum nach Lust und Laune zu einem eigenen Kopfkino zusammenstellen kann. Die grandiose Musik, bestehend aus Klavier und Tenorsaxophon, mit kurzen Percussioneinsätzen – stammt von Charles Lloyd und Jason Moran. Lloyd, der schon als 12-Jähriger in der Bluesband von B.B. King spielte, zog sich nach einer beachtlichen Jazz-Karriere aus der Musikszene zurück und kehrte erst 2015 und 2017 mit zwei neuen, eingespielten Alben wieder ins Musikgeschehen zurück. Jason Moran, genialer Jazzpianist, präsentierte in der Town Hall in New York 2007 eine Multi-Media-Performance und findet seine Inspirationen bei bildenden Künstlern wie Schiele oder Basquiat.

Das mehrsätzige Werk, das King seiner Choreographie „Sand“ unterlegte, ist mit zahlreichen, emotionalen Ebenen ausgestattet. Von wild exstatisch bis elegisch und ruhig ist darin alles enthalten, was Musik an Emotionen ausdrücken kann. Damit bietet diese Einspielung eine grandiose Ausgangsbasis für eine Tanzperformance, in der das Ensemble alles zeigen kann, was seine Einzigartigkeit ausmacht. Der ständige Wechsel zwischen verschiedenen Gruppen-Formationen, aber auch kurze Soloeinsätze bietet eine unglaublich abwechslungsreiche Show. Darin können sich einerseits einzelne Tänzerinnen und Tänzer mit einem ihnen individuell zugeschriebenen Bewegungshabitus ausdrücken und sich als unterschiedliche Persönlichkeiten präsentieren. Aber auch mehrere Paarbeziehungen mit unterschiedlichen Spannungsmomenten regen dazu an, sich kurzfristig auf ihre Konflikte und Harmonien einzulassen.

Zum Teil schweben die Tanzenden dabei derart über den Boden, dass der Eindruck entsteht, sie würden sich gerade in einem Paarlaufwettbewerb am Eis befinden. Auch in dieser Choreographie zeigt sich jenes Stilmittel häufig, welches Alonzo Kings choreografische Handschrift unverkennbar macht: Jene Drehungen, die meist von Männern initiiert, auf der Ferse oder auch der Fußspitze der Tänzerinnen ausgeführt werden, während sie dabei von ihrem Partner gehalten werden, um das Gleichgewicht halten zu können.

Der Superlativ der Tanzästhetik (Foto: Chris Hardy)

Zu Beginn des Stückes erinnern die Bewegungen des Tanzcorps – ein fließendes Auseinander- und wieder Zusammendriften – an die ständigen Veränderungen von Sanddünen. Nach diesem gemeinsamen Einstieg mit dem gesamten Ensemble folgen ungezählte, wie Perlen an einer Schnur aneinandergereihte, Kurzauftritte. Ständiger Kostümwechsel verstärkt die Illusion einer noch wesentlich größeren Ballett-Truppe. Wer mag, nimmt die Metapher, in der King die Einzigartigkeit jedes einzelnen Sandkornes mit den Menschen verglich, auf und betrachtet in diesem Sinne auch die Vielzahl an unterschiedlichen Auftritten. Sie zeigen den Menschen als Individuum, der dennoch die Gemeinschaft braucht, um sich auf höchster ästhetisch-poetischer Ebene tanzend ausdrücken zu können.

Tosender Applaus beendete den außergewöhnlichen Abend, dessen Choreografien zu den ästhetischsten gehören, die in den vergangenen Jahrzehnten auf den großen Bühnen dieser Welt zu sehen war.

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