Der Sonntag davor

Am Sonntag zogen wir ein Hotel weiter. Unterschied: Es schwirrten keine Schmeißfliegen in der Toilette herum. Und … der Ventilator surrte leiser. Und … das Zimmer lag zum Hinterhof. Aaron, halbnackt, starrte den Fernseher an – der Fernseher starrte Aaron, halbnackt, an. Abwechselnd gingen er oder ich raus, spazieren, zum aus Langeweile essen, zum Leute im Park beobachten oder mit vorgerückter Stunde, also ab 16 Uhr, zum Bier trinken auf der Uferpromenade.

Abends waren wir gemeinsam auf der Plaza von Tumbes, welche zahlreiche übergroße Mosaikfiguren schmückten. Verkehrte Welt: Hat das Tageslicht das Leben auf der Straße noch ausräuchert – entfachte das Mondlicht es wieder. Auffällig waren die vielen vielen Jugendlichen, die sich tadellos für diesen Abend herausgeputzt haben. Der Duft von weißem und roten Popcorn, frittierten Teigtaschen, süßlichem Parfum, Anis-Likör, Zuckerwatte und verbranntem Treibstoff erfüllte das Dunkel. Und wie zuletzt in Kolumbien, Polizeipräsenz, wohin man schaute: An den Ampeln sich die Beine in den Bauch stehend, auf Motorrädern, in Jeeps – einer fuhr eine besoffene Frau auf der Ladefläche weg – alleine an der Straßenecke, oder in Gruppen am Kai.

Ich saß am Park mit Aaron. Der selbst-gebrannte Anis-Likör küsste die Zunge. Eine junge, dickliche Frau versuchte Schokolade zu verkaufen. Sie schien müde. Ihre Augen waren traurig. Auf ihrem Arm schlief ihr Kind bereits. Ohne etwas bemerkt zu haben, preschte plötzlich eine Lawine von Menschen auf die Kreuzung zu. Johlen. Wirre Rufe. Sirenen heulten auf. Blaulicht warf sich an die Fassaden, schmiss sich auf den Asphalt, kroch in die Büsche. ›Schlägerei! Eine Schlägerei!‹ Ich schaute rüber. ›Wann hast Du dich das letzte Mal geprügelt?‹ Die drei Jungs auf der Bank blieben sitzen, Eis schleckend. Und weil ich immer noch nicht antwortete, fragte er, ob der Grund der Schlägerei eine Frau gewesen sei. Er grinste.

Und hielt inne. Dann begann er von seiner Kindergartenzeit zu erzählen, in Chicago. Er muss Fünf Jahre alt gewesen sein, als seine Sandkastenfreundin ihn eines Tages zu sich nach Hause nahm. In der Wohnung – die Mutter war nicht da – zog sich die Kleine ihr Shirt vom Leib, dann das Unterhemd, dann streifte sie die Schuhe ab, dann die Strumpfhose … und in diesem Moment blieben seine Worte stehen, wie Aaron damals, starr vor Schreck.

Erinnerungen werden – allmählich wie ein Stein – mit der Zeit brüchig, porös, immer kleiner, winziger, neue Eindrücke überlagern sie, vermischen sie mit anderen, pressen sie mit dem Gewicht ihrer Emotionen nach unten, bis sie die Gestalt eines diffusen Bodensatzes erlangen. Und manche Sätze reißen, wie ein Pflug, die harte Kruste auf, fluten sie mit Worten.

Und ich erinnere mich an einen Sommernachmittag in Jasienica Dolna. Vater arbeitet mit seinen Brüdern an unserem Haus, er steht auf der Leiter und er steht fast so hoch wie die Sonne. Ich rufe ihm zu, dass ich zu meiner Freundin gehe. Er winkt. Dann folge ich Anja, raus aus der Pforte, entlang die Dorfstraße, die mein täglicher Weg zum Kindergarten ist, kurz vor dem Bäcker, den immer ein süßlicher Duft umgibt, biegen wir rein. Die Pforte quietscht. Hühner weichen uns gackernd aus. Die Treppe knarrt. In der Wohnung – die Mutter ist noch auf der Arbeit – lupft Anja ihr Shirt vom Leib, dann beugt sie sich nach unten, denn der Rock will nicht über die Schuhe. Sie trägt langes glattes blondes Haar. Auf dem Tisch stehen Nudeln. Mit dem Kinn auf dem Knie und dem anderen Knie auf dem Boden, am Schuh fingernd, fragt sie mich, ob ich etwas essen möchte. Aber Nervosität ist die sättigenste Mahlzeit. Ein gräulicher staubähnlicher Schleier von drückender Wärme umgibt das Wohnzimmer, Sonnenlicht dringt nur vereinzelt durch die Gardinen. Der weiche dunkle Teppich schluckt selbst das Ticken der Uhr. Sie müsse kurz ins Bad. Meine Augen fliegen wie eine Stubenfliege durchs Wohnzimmer. Irgendetwas reißt mich aus diesem hypnoseartigen Zustand, ich gehe zum Fenster, ziehe mit zitterndem Finger die Gardine zur Seite: Mama! Um sie herum ein Schar aufgeregter Kinder. ›Konrad! Konrad, gdzie jestes?‹ Das bin ich! Der Ton macht mir Sorgen. Sie ist sauer. In der Linken hält sie ein Nudelholz, sie muss geistesgegenwärtig aus der Küche gestürmt sein, die Schürze ist mit Mehl beschmutzt.

Zwei Jeeps mit Blaulicht rasen an uns vorbei. Aaron reicht mir die Flasche, einige Schlucke sind noch drinnen.

Montag soll der letzte Tag in dieser Stadt sein. Wir verbringen Stunden in überfüllten Wartesälen, Kopiergeschäften – bei Notaren, die uns keine Unterschrift geben wollen, für den Mietvertrag, den wir erfunden haben. Kurz vor Mittag haben wir endlich einen Stempel samt Unterschrift. Wir fahren beide zur Grenze, Aaron holt sich die Stempel zur Ausreise, kündigt seinen Import auf, überreicht mir die Schlüssel und dann ist das Motorrad meins. Und Aaron nimmt seinen kleinen Rucksack, seinen bienengelben Helm und verschwindet langsam am Horizont.

Meine Jungfernfahrt wird von Schatten umherstreifender Geier begleitet. An den Rändern größerer Städte verbrennen die Menschen ihren Müll. Schwarze stinkende Schwaden treiben über den Feldern. Die Landschaft wird rau: Gelblich-braun, verstaubt, Geröll. Rechts der Panamerica Norte liegt der azurblaue Pazifik. Nach zwei Stunden komme ich in Máncora an. Wundervoll.



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