Der Schriftsteller, der ein Hamster sein wollte

Der Schriftsteller, der ein Hamster sein wollte

La version Claus von Mark Schaevers mit Josse de Pauw am Le-Maillon in Straßburg (c) Koen Broos

Vom 18. – 20. März gastierte der Belgier Josse de Pauw mit dem Stück „Die Version Claus“ im Le-Maillon in Straßburg.

Der sperrige Titel, der wenig aussagt, täuscht. Claus steht für Hugo Claus, den 1929 in Brügge geborenen Schriftsteller, der 2008 in Antwerpen verstarb. Er gilt als einer der „Großen“ flämischen Literaten, war jedoch auch Maler, Drehbuchautor und Übersetzer. Das Plakat für den Theaterabend zeigt den Interpreten des Stückes, Josse de Pauw, dem zwischen seinen Kopf und seinen Körper der Kopf eines Hamsters montiert wurde. Durch diese gekonnte Visualisierung zeigt sich, deutlicher als im Titel selbst, dass es an diesem Theaterabend nicht bierernst zugeht. Ganz und gar nicht. Vielmehr besticht der Lebensrückblick von Hugo Claus, der von Mark Schaevers durch eine Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller und unter Einbeziehung von über 50 Interviews zustande kam, durch vordergründigen Witz, der manches Mal im Hals stecken bleibt, aber auch manches Mal mit einer philosophischen Tiefe ausgelotet ist, die dennoch kein Kopfzerbrechen bereitet.

„Man sagt, ich sei ein Gigant“, eröffnet De Pauw den Monolog des Dichters, der sich an einen kleinwüchsigen Journalisten richtet, der das ganze Stück über wortlos hinter einem kleinen Schreibtisch sitzen bleibt – Sinnbild für Claus‘ Meinung zu dieser Berufsgruppe, der er zeitlebens kritisch gegenüberstand, aber dennoch eine Vielzahl an Interviews gab. „Aber „Gigant“ ist auch eine Hasenrasse”, fügt er nahtlos hinzu. “Ich für meinen Teil aber bevorzuge Hamster. Man hielt eine bestimmte Gattung davon für ausgestorben und fand unerwartet eines Tages eine Mutter mit zwei Jungen einen Meter unter der Erde. Heute gibt es Millionen davon. Hamster kopulieren dauernd und fressen ununterbrochen.“

Durch diesen skurrilen Einstieg wird der Boden für all das vorbereitet, was nun an geistreichen Feuerwerken auf das Publikum zukommt. Josse de Pauw erzählt davon, dass niemand von der Geburt Hugos Notiz nahm, da alle Ärzte und Schwestern wie gebannt aus den Fenstern des Krankenhauses blickten, da sein Vater mit einer überdimensionierten Limousine, in der man Al Capone erwarten konnte, vorfuhr. Die schwierige Vaterbeziehung kommt immer wieder zur Sprache, ob mit der Anekdote im Theater, als Hugo Claus seinen Vater erst nach 20 Minuten als Laiendarsteller auf der Bühne erkennt und laut „Papa, Papa“ ruft, oder der Geschichte der zwangsweisen Entfernung seines Blinddarmes und jener seiner drei Brüder – einen Tag, nachdem der Vater gelesen hatte, dass der Appendix zu nichts nütze sei. So kommt vieles, was im Alltag des Schriftstellers Mühe und Plage gewesen sein muss mit leichten, flockigen Sprüchen über den Bühnengraben. Dadurch entwickelt sich dieser Seelenstriptease niemals zur Zwangsbeglückung, sehr zur Freude des Publikums. Vielmehr kann das, was Hugo Claus – pardon – Josse de Pauw von seinem Leben erzählt, mit einem unterhaltsamen Spaziergang in dunkler Nacht verglichen werden. In dem man quer durch die Stadt geht und die Möglichkeit hat, in viele beleuchtete Fenster zu sehen. Kleine Lebensausschnitte sind es, deren man habhaft wird, aber niemals mehr. Was sich tatsächlich in den hell erleuchteten Räumen abspielt, kann man nur erahnen und vieles davon möchte man auch gar nicht wissen.

Hugo Claus selbst hat offen postuliert, dass nicht alles, was er von sich preis gab, auch der Realität entsprach. Das Publikum glaubt an diesem Abend, dem Schriftsteller näher gekommen zu sein. Aber, wie gesagt, was davon wahr und was Fiktion ist, bleibt unbeantwortet. Die schlichte und zugleich doch so kunstvolle Erzählweise von Mark Schaevers – und schon wieder muss Hugo Claus hier dazugerechnet werden – beherbergt eine immense Poesie. Eine Poesie, die wunderbare Bilder hervorruft – wie jenes von dem Bus in Rom, in dem sich Claus befand und plötzlich feststellte, dass er umgeben war von Menschen, die nicht in seiner Sprache redeten. Am liebsten wäre er sofort in einen anderen Bus umgestiegen, in welchem er sich in seiner Muttersprache unterhalten hätte können. Jeder, der das Gefühl der Fremde kennt, kann sich in dieser so einfachen, aber umso treffenderen Metapher wieder finden. Aber auch die Geschichte über sein Erlebnis in Paris, an einem Tag, an welchem die 68er Revolution begann, ist bezeichnend für das Lebensgefühl des Schriftstellers, der sich immer als Einzelkämpfer sah und gesellschaftliche Phänomene von einem Außenseiterstandpunkt aus betrachtete. Er saß beim Essen in einem Restaurant und nachdem er mit seinen Schnecken fertig gewesen war und sich dem Zwetschgenkuchen widmete, erfüllte Tränengas den Raum. Welch ein Affront gegenüber den Gästen!

Hugo Claus‘ lebendiges Leben, das sich, nach anfänglichen Identifikationsschwierigkeiten in seiner Jugend um das Gravitätszentrum des Schriftstellerdaseins drehte, war voll von Liebe und Einsamkeit. Voll von Hunger und Saturiertheit, von Nähe und Ferne – von vielem, was auch Nicht-Schriftsteller erleben. Aber immer war es gekennzeichnet von der Leichtigkeit, mit der Hugo Claus seine Person selbst auffasste. Das zumindest vermittelte uns an diesem Abend Josse de Pauw – ob es tatsächlich so war – hätte Hugo Claus wahrscheinlich auch nicht verraten.
Ein sehr intimer Theaterabend, der enorme Lust macht,  mehr von diesem Schriftsteller  zu lesen.

–äü„“ßäüü„ß“äÜüüöüüü Datum der Veröffentlichung: 23 März 2010
Verfasser: Michaela Preiner
In folgenden Kategorien veröffentlicht: Theater | Tanz

Schlagwörter: Hugo Claus, Josse de Pauw, Le Maillon, Mark Schaevers, Version Claus

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