Der Richling - Code: neue Kritiken

Von Verdin @verdinguenter

Wilfried Apel am 03/06/2012 | Kategorie: Kultur, Nachrichten
Quelle: http://kreisanzeiger-online.de/2012/06/03/rasant-bissig-und-einfach-nur-gut-richlings-ruinenkabarett/
Rasant, bissig und einfach nur gut: Richlings Ruinenkabarett
Bad Hersfeld. Zwei Stunden allerfeinsten – und wie man es von ihm gewohnt ist: allerschnellsten – politischen und gesellschaftskritischen Humors präsentierte der Großmeister des deutschen Kabaretts, Mathias Richling, am Samstagabend in der Stiftsruine. Einmal mehr, denn schon vor einem Jahr überzeugte er mit seinem ständig aktualisierten Bühnen-Programm „Richling-Code“.
Auch diesmal geht es gleich in „Medias Reis“, was für einen stolzen Baden-Württemberger nichts anderes heißen kann, als sich mit den Dingen zu beschäftigen, die vor der eigenen Haustür passieren. Mit dem ersten grünen Ministerpräsidenten der Welt und natürlich mit „Stuttgart 21“: „Wir haben der ganzen Welt gezeigt, dass es sich lohnt, auf die Barrikaden zu gehen. Das war beispielgebend für die gesamte arabische Revolution!“
„Ehre sei Gauck in der Höhe!“
Über die Piraten gelangt er zu den Bundespräsidenten Wulff und Gauck: „Ehre sei Gauck in der Höhe. Die Erwartungen an ihn sind exorbitant. Gut, dass Wulff die Messlatte so tief gelegt hat!“ Fast schon der Reihe nach lässt er die Politiker, die er gerne durch den Kakao zieht, in der Weite der Stiftsruine ganz vorn am Tisch des Herrn Platz nehmen und auftreten. Sie werden gewogen im Angesicht der Herrin Merkel, deren rotes Jackett hoch über allen im Hintergrund thront. Immer wieder schlüpft er in es – in sie – hinein und spricht, wie „Mutti“ spricht: „Ich warne alle Unzufriedenen. Wir können auch anfangen zu regieren, dann hört der Spaß auf!“
Weder an Wolfgang Bosbach („Der ist nichts in der CDU, der kann überall talken!“), noch an Ronald Pofalla („Der hat eine beeindruckende Fähigkeit zur Farblosigkeit!“) lässt er ein gutes Haar. Auch Frank-Walter Steinmeier und Klaus Ernst bekommen ihr Fett weg. Wenn er als Gregor Gysi berlinert und Sammelklagen androht, liegt er fast schon mit dem Kopf auf dem Tisch. Wortgewaltig und atemberaubend erklärt er, warum man der Stasi dankbar sein muss, dass sie Leute für Lauschangriffe und Spitzeldienste ausgebildet hat – doziert er, warum die Spezies Politiker die Art ist, die mit dem Menschen am nächsten verwandt ist, und was von den Wirtschaftslenkern zu halten ist: „Manager verschließen Geist und Gehör, wenn andere sozial ertrinken!“
Finanzminister Wolfgang Schäuble lässt er der Finanzkrise Positives abgewinnen: „Sie dürfen dankbar sein, dass wir uns ein Sparpaket leisten können!“, und Arbeits- und Sozialministerin Ursula von der Leyen hinter- und doppelsinnig vorschlagen, Hartz-IV-ler im Zoo zu füttern. Tiere dürfen bekanntlich nicht gefüttert werden…
„Die Jugend verblödet am PC!“
Ganz klar, dass Altkanzler Schmidt als Zigarette saugender Raucher schmatzend und hustend in das Geschehen eingreift und die Dinge aus seiner Sicht beleuchtet: „Der Bürger glaubt, er könne teilhaben an Entscheidungen. Aber das sieht das Grundgesetz nicht vor, und das ist auch nicht wünschenswert.“ Sogar Altkanzler Kohl darf Sachverstand beweisen, ehe Richling  „Raschderfahndung“ und Datensammelwut des Internet-Zeitalters („Die Jugend verblödet am PC!“) ins Visier nimmt und George Orwell ins Stammbuch schreibt: „Der hat mit „1984“ doch alles verharmlost!“
Dann ist er wieder bei Grundsätzlichem, bei der Evolution („Welcher Stammzelle wurde Westerwelle entnommen?“), bei den Staatsformen, bei der Korruption, bei Altkanzler Schröder, den er im Interview sagen lässt: „Ich habe als Kanzler das umgesetzt, was die Mehrheit der Lobbyisten bei mir durchgesetzt hat!“ – bei Sarkasmus pur: „Das Atommülllager Asse II ist die Chance, die Menschheit auf ein Normalmaß zu reduzieren!“ Letzterer scheint auch durch, wenn der 59-jährige Stuttgarter sich in den rot gewandeten Freiburger Erzbischof Zollitsch verwandelt: „Die bekannt gewordenen Missbrauchsfälle haben uns zutiefst erschüttert!“
„Wer vorne mundtot gemacht wird…“
Schon während des ganzen Programms spendet das Publikum in der nicht ganz gefüllten, pünktlich zu Beginn der meteorologischen Sommerzeit leider auch ein bisschen kühlen Stiftsruine reichlich Szenenapplaus. Zum Schluss gibt es dann soviel Beifall, dass der vielfach ausgezeichnete Richling um Zugaben nicht herumkommt. Zum einen ein aktuelles Interview mit dem lange nachdenkenden und dann Gedichte schreibenden Günther Grass, zum anderen ein Richling-Evergreen: das feucht-fröhlich-sinnlose Gespräch der „pfälzischen Weinkönigin“ Rainer Brüderle mit einem nur schwer zu verstehenden chinesischen Reporter. Fach-Chinesisch eben. Derber Höhepunkt angesichts des Zustandes der FDP: „Wer vorne mundtot gemacht wird, kann hinten trotzdem weiter furzen.“
Intendant Holk Freytag bleibt nichts Anderes übrig, als auf die Bühne zu eilen und dem sich immer wieder verbeugenden Künstler mit einem großen Blumenstrauß zu danken. Recht so, Richling!
Fotos: Apel/Rumpf
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Artikel publiziert am: 03.06.2012 - 18.09 Uhr
Artikel gedruckt am: 05.06.2012 - 22.04 Uhr
Quelle: http://www.hersfelder-zeitung.de/nachrichten/kreis-hersfeld-rotenburg/bad-hersfeld/abendmahl-kanzlerin-2342700.html
Mathias Richling begeistert mit seinen jüngsten Beobachtungen in der Stiftsruine
Das Abendmahl der Kanzlerin
Bad Hersfeld. Die Geschwindigkeit seiner Programme ist das Markenzeichen von Mathias Richling, die er auch in seiner neuen Show „Der Richling Code“ beibehält. Über achthundert Besucher in der Stiftsruine ließen sich von seiner aktuellen politischen Momentaufnahme begeistern, inszeniert von Autor und SWR-Moderator Günter Verdin.
Rollentausch: Matthias Richling überzeugt auch als Günther Grass.
Angekündigt wurde eine Richling-Show, die ebenso zukunftsweisend wie vergangenheitsbewältigend ist. Das gesamte Führungs-Personal des Deutschland-Konzerns war unterstützend auf der großen Bühne versammelt. Angela Merkel thront in Form eines roten Blazers in der Mitte. Ihre politischen Jünger sitzen – vertreten durch Namensschilder – an einer schwarz-rot-goldenen Abendmahl-Tafel. „Liebe deutsche Gemeinde“, richtet sich der vermeintliche Bundespräsident Joachim Gauck an sein Volk und verkündet: „Euch ist ein Bundespräsident geboren“.
Dann geht es Schlag auf Schlag. Eine Pointe jagt die nächste. Wolfgang Bosbach, der „Dingsbums“ in der CDU, der in jeder Talkshow zu jedem Thema was zu sagen hat, oder Wolfgang Schäuble, der ausgerechnet hat: „Die sozial Schwachen sind die reichste Gruppe im Land“, scheinen leibhaftig anwesend zu sein. Authentisch sind nicht nur Dialekt und Sprechweise, sondern auch Gestik und Mimik der karikierten Personen. Matthias Richling wird zurecht von Kritikern als der beste Parodist der deutschen Kabarett-Szene gefeiert. Er, der genaue Beobachter von Menschen und Politik, schlüpft in die Rollen der Politiker und immer wieder in den Blazer der Kanzlerin, die zu den brandaktuellen Themen Gentechnik, Umwelt-Desaster oder Bankenkrise ihren Senf dazugibt.
Richling dreht das Rad der Geschichte zurück und bedauert: „Die im Osten bekamen die Mauer aufgebrummt, wir den Kohl“. Die Gastauftritte der Altbundeskanzler Helmut Schmidt und Gerhard Schröder sind genial.
Als Schwabe hat Richling natürlich seine ureigene Meinung zum Projekt Stuttgart 21. Er findet, der Bahnhof sollte oben ruhig weiter wachsen dürfen, Stuttgart gehört hingegen unter die Erde. „Die Demonstrationen gegen den Bahnhof sind beispielgebend für die gesamte arabische Revolution“.
Präzise Sprachakrobatik
Richling live auf der Bühne ist ein Erlebnis der besonderen Art. Präzise Sprachakrobatik in wahnwitzigem Tempo, Gedanken- und Themensprünge im Minutentakt. Die reichen von Darwins Evolutionstheorie, dem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch katholische Priester bis zur FDP, die ein Fall für den Gnadentod ist.
Mit seinem „Richling-Code“ deckt er zwei Stunden lang literarisch anspruchsvoll Verschwörungen am Tisch des Herrn auf. Minutenlanger frenetischer Applaus für einen der größten Darsteller des deutschen Kabaretts.
Von Gudrun Schmidl
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