Der Parteivorsitzende, der sich mit Bin Ladin traf

Von Robertodelapuente @adsinistram
oder Aber Allende war beeindruckender.
An was krankt die Sozialdemokratie? Das fragen wir uns seit Jahren. In nuce wahrscheinlich an Leuten, die hoch hinaus wollen und dann dort angelangt, alle ihre Vorhaben und Vorstellungen vergessen. Der amtierende Parteivorsitzende entspricht diesem Typus in Reinkultur.
Letzte Woche war er wieder mal stolz wie Oskar. Das heißt, nicht wie »Oskar«. Der sitzt ja jetzt in der Linkspartei und das Wort »Stolz« sollte man mit diesem Namen nicht in einem Satz verwenden müssen. Zumindest, wenn man das Sozi-Parteibuch besitzt. Gabriel hat eins, also war er stolz wie Gerhard. Aufgestiegen aus Ruinen und der Zunft ganz zugewandt. Der Zunft der Eliten, ihrer Macher und Vollstrecker, den alten Funktionseliten, die »es zu was gebracht« haben. Leuten wie Kissinger zum Beispiel. Mit dem hat Gabriel geschwatzt, hat er bei sich auf Facebook verkündet. Anderthalb Stunden. Es sei sehr beeindruckend gewesen.

Das Scheidungskind aus Goslar hat es weit gebracht. Ich schreibe das nicht, um einen Makel zu betonen. Es ist ein Status. Man muss es ohne Wertung erwähnen dürfen. Er ist stolz darauf, doch etwas geworden zu sein. Man merkt es. Selbst wenn er mit Kissinger, diesem Reptil von einem Friedesnobelpreiskrieger, ein Kännchen Kaffee teilt, sickert ihm Stolz aus jeder Pore. Als wollte er sagen: »Sehr her, ich hab es zu was gebracht. Selbst Henry nimmt mich jetzt wichtig. Tut ihr es gefälligst auch.« Ganz egal, über was er sich mit ihm unterhalten hat - wahrscheinlich war es das Freihandelsabkommen -, so eine Zusammenkunft adelt den Parvenü, wertet ihn auf. Egal, ob der Gegenüber ein Schreibtischgangster, ein Völkerrechtsverbrecher oder einer ist, der Mordaufträge erteilte. Als homo novus wird man blind für solche Kinkerlitzchen.
Ich wollte dem Sozialdemokraten ja raten, dass er sich lieber mal mit Salvador Allende treffen sollte, um sich mit ihm über Partizipation oder die freche Art von Geheimdiensten zu unterhalten. Da hätte er was lernen können, was auch der Sozialdemokratie geholfen hätte in dieser schweren Zeit. Aber dann fiel mir ein, dass es Allende gar nicht mehr gibt. Das hatte ich ja fast vergessen. Er starb an 9/11. Nein, nicht in den Türmen. Es war das 9/11 im Jahr 1973. Und es war ein vom amerikanischen Geheimdienst unterstützter Putsch. Die damalige Boeing steuerte also die CIA in die Hochhäuser der chilenischen Demokratie. Der Planungschef, der Bin Ladin hinter dieser ganzen Aktion, hieß seinerzeit Kissinger. Schon beeindruckend. Wirklich. Aber Allende war beeindruckender.
Exakt diese Sorte von Sozi ist es, die diese Partei im Laufe von Jahren völlig jeglicher inhaltlichen Substanz beraubt hat. Wenn der Stolz des sozialen Aufsteigers nur noch darin besteht, zu denen, die schon oben sind, moralisch aufzuschließen, dann ist die Verkommenheit perfekt. Die Sozialdemokratie wollte den Aufstieg durch politische Arbeit mal nutzen, um die Gesellschaft zu verändern. Heute nutzt man ihn, um einfach nur jemand sein zu können, etwas darzustellen. Die ehemaligen Nachbarn aus Goslar oder wer weiß woher sollen anerkennen, dass es der rundliche Hosenscheißer von einst doch zu was gebracht hat. Das treibt solcherlei Aufsteiger an. Verantwortungsgefühl ist kein Antrieb. Eher Hemmnis. Und Ideale? Och bitte, jetzt werden Sie doch nicht kindisch! Dass man jedenfalls neuen Wind in die verknöcherten Oberschichten bringt, scheint heute ausgeschlossen. Man will lieber selber ein alter Knochen sein. Das gibt Sicherheit.
Er hätte Kissinger ja stehen lassen können. Wer hätte es ihm verübelt? Der alte Schmidt vielleicht, der mit Henry befreundet ist? Und wenn schon! Aber die Chance war wohl zu verlockend. Denn wenn erst all die Leute aus der alten Siedlung, die uns immer ein bisschen herablassend behandelt haben, jetzt aus der Zeitung erfahren, dass ich mit Kissinger beraten habe, dann werden sie erröten vor Ärger, mag er sich gedacht haben. Solche kleinen intimen Befindlichkeiten treiben die Sozialdemokratie an. Eine Utopie ist es schon lange nicht mehr.
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