Der Neue-Musik-Pranger

Der Neue-Musik-Pranger™ kommt offensichtlich immer dann zum Einsatz, wenn ein Konzert in Zusammenarbeit mit dem Ulysses Network stattfindet. Mir ist er jetzt schon zweimal begegnet. Er hat die unscheinbare Gestalt eines doppelseitigen A4-Fragebogens und wird vor dem Konzert an die Zuschauer verteilt. Die dürfen dann per Daumen-hoch oder Daumen-runter entscheiden, welcher der Gladiatoren hingerichtet Komponisten nächstes Jahr wieder eingeladen wird. Oder so.

Der Neue-Musik-Pranger 2017 bei den Bregenzer Festspielen

Der Neue-Musik-Pranger 2017 bei den Bregenzer Festspielen

Nee, ganz so einfach ist es natürlich nicht. Schließlich geht es um Neue Musik. Da gibt es kein vulgäres „thumbs up“, stattdessen kann man die zum Vortrage gebrachten Kompositionen wahlweise „anregend“, „seltsam“, „anders“ oder „provokativ“ finden. Außerdem lassen sich Powersätze ankreuzen wie „Ich erhielt genug Informationen über die Musik, um sie dadurch besser schätzen zu wissen“.

Der Fragebogen ist insofern eine Meisterleistung, als er allein durch seine Machart sämtliche Klischees über die Neue Musik aufs schönste bestätigt.

1. Neue Musik ist verklemmt. Auf dem ganzen Zettel gibt es kein einziges Feld für den Fall, dass ich ein Stück gut / toll / fantastisch / beeindruckend / faszinierend finde. „Anregend“ und „originell“ sind die positivsten Wörter. Der Zuhörer lernt: Wer Neue Musik macht, glaubt offenbar selber nicht dran, dass sie wirkliche Begeisterung auslösen könnte.

2. Neue Musik ist irrelevant. Adjektive, die erahnen lassen, dass da auf der Bühne etwas wichtiges passieren könnte, sucht man vergebens. Neue Musik ist weder faszinierend noch aufrüttelnd, weder skandalös noch schön, weder abscheulich noch anrührend. Die meisten Adjektive entstammen der Kategorie Ich-fands-nicht-so-toll-aber-ich-muss-dem-Komponisten-halt-was-nettes-sagen. In vorauseilendem Gehorsam wird daraus die Rubrik Du-wirst-es-ja-eh-nicht-richtig-gut-finden-aber-dies-sind-ein-paar-Wörter-mit-denen-du-uns-am-wenigsten-verletzt. Man nennt dieses Stilmittel, glaube ich, Euphemismus.

Die sechs wichtigsten Musikrichtungen

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3. Neue Musik ist verklemmt, die zweite. In der allgemeinen Rubrik darf der werte Zuhörer kundtun, welche Musikveranstaltungen er sonst so besucht: Neben „Klubnächten“ (mit K) oder „Live Popmusik“ stehen auch „Soundwalks“ zur Auswahl. WAS IST DAS?? Ist das aus dem „Lehrbuch Popularmusik“ abgeschrieben? Und wo ist eigentlich die „Beatmusik“?

So kauen die Zuhörer während des Konzerts auf ihren Kugelschreibern und überlegen, ob die von der Bühne herniederwehende Musik vielleicht „angenehm“ sein könnte oder doch eher „seltsam“? Offenes Zuhören, wortloses Staunen und „Wow“-Sagen? No chance. Schwuppdiwupps reduziert sich die gerade verklungene Musik auf ein Meer von Kreuzchen in einer Tabelle von Allgemeinplätzen.

Man fragt sich, was die Initiatoren des Fragebogens hinterher mit dem Ergebnis des Scherbengerichts machen. Wird der langweiligste Komponist verbannt? Kriegt der angenehmste Tonsetzer keine Aufträge mehr? Muss der seltsamste Vogel mit einem Schild um den Hals auf den Marktplatz?

Wohl kaum. Soo wichtig ist das Feedback des Publikums dann auch wieder nicht. Ist ja Neue Musik und schielt nicht auf den Beifall der Massen. Man kann davon ausgehen, dass alles schön säuberlich ausgezählt und dokumentiert wird und das Ergebnis irgendwann der Stiftung, die das Projekt fördert, auf 80 Seiten vorgelegt wird. Alle Beteiligten werden begeistert sein über das interessante, aufschlussreiche, spannende, ja: anregende Neue-Musik-Vermittlungs-Projekt, und dass doch der Dialog mit dem Publikum so immens wichtig sei. Von dem positiven Feedback beflügelt, wird man neue Anträge für neue Vermittlungsprojekte stellen, mit denen man die altbewährten Klischees noch beständiger perpetuieren kann. Und jeder ist glücklich. Womit dann auch das letzte Klischee bestätigt wäre:

4. Neue Musik ist selbstreferentiell.


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