Der Mensch als Motor

In loser Folge veröffentlicht zoetrope Auszüge aus Lale Nikki Eggers Text “Der Mensch als Motor”.

Sehr gut, Tankred! Besser hätte ich das echt nicht machen können. Das sage ich ihm aber so nicht ins Gesicht, sondern fresse meine Wut ganz tief in mich rein. So in Richtung Magengegend. Das glaube ich zumindest immer, denn wenn ich wütend bin, fühle ich immer ein kräftiges Ziehen im Magen. Aber das ist okay. Alles,  was man in den Magen hineinfrisst, ist ja verdaulich. Beim nächsten Mal, oder sollte es überhaupt ein nächstes Mal geben, muss er die doppelte Runde an Old Fashioned zahlen. Das schreibe ich ihm mit fünf Ausrufezeichen per SMS und fühle mich dabei dominant, fast mächtig und bin sogar fest davon überzeugt, dass er mir gehorcht. Seitdem Tankred in mein Klo geschissen hat, riecht es irgendwie anders. Und auch die ungewöhnlich fremdartige Aktion, dass ich ihn heute nacht mit zu mir nach Hause genommen habe, schmeißt literweise Fragezeichen an meinen Kopf. Mir ist das jetzt selbstverständlich nicht peinlich, aber musste das sein? Das war wieder eine von jenen Situationen, die ich mir drei bis vier mal im Jahr erlaube, weil ich das Bedürfnis habe, mir selbst etwas beweisen zu müssen. Nötig ist so etwas allerdings nie. Jetzt weiß ich wenigstens, dass ich heterosexuell bin.

Mit der Homosexualität hätte ich durchaus nicht das geringste Problem, doch die Sache mit Tankred verrät mir, dass ich nicht das leiseste Interesse an Männern habe. Er ist ja wirklich nicht hässlich, hat ein sehr exakt definiertes Gesicht und riecht nach Thierry Mugler. Außerdem sehe ich, so wie diesen Morgen, oft diese dunkelroten Schnürstiefel an ihm. Vorne eine doppelt abgesteppte Naht, Metallösen. Es ist jetzt 11.23 Uhr. Auf der Waschmaschine liegt die Rucola Pizza von gestern Abend. Die muss ich jetzt essen, mein Willen wird sich sowieso nicht wieder umentscheiden. Während des Essens kann ich, zumindest morgens, am besten zu klarem Verstand kommen. Und danach fahnde ich gerade wie wild.

Lale

Lale

Kaum schlucke ich die erste Plörre runter, klingelt schon wieder das Mobiltelefon. Wie schon erwähnt, stelle ich mich am Wochenende zumeist tot. Vor allem sonntags bin ich einfach nicht zugänglich. Was ich an diesem Tag treibe, geht den Rest der Welt nichts an. Um mein Desinteresse daran noch intensiver zu demonstrieren, kommt nach der Pizza sofort eine Gitanes, natürlich blau, hinterher. Rauchend laufe ich durch meine karge Wohnung um den Ort des Geschehens näher betrachten zu können. Sofort stemple ich Tankred als billiges Flittchen ab, als ich sehe, dass er seine unerotische Doppelrippunterhose mit purer Absicht auf meinem Teppich vergessen hat. Ich stehe selbst nicht auf Accessoires wie dieses und schenke es meinem Mülleimer. Währenddessen frage ich mich auch, wie ich jetzt mit Tankred umgehen soll. Wir sehen uns ja leider jeden Tag. Aber verstecken will ich mich auch nicht. Jetzt mein Lösungsvorschlag zu diesem Problem: Beim nächsten Zusammentreffen blase ich mein Ego groß und künstlich auf. Dabei trage ich eine schwarze Sonnenbrille und bin unrasiert. Außerdem falle ich ihm in jedes Wort, dass er versucht, zu sagen und beende das kaum vorhandene Gespräch mit „ich muss dann weiter. Ruf dich an, wenn der Trubel nachlässt.“

Bei dem Gedanken an diese Situation muss ich laut über meinen Ideenmüll lachen, beschließe aber, die Sache so durchzuziehen. In zwei Stunden bin ich mit Frederick verabredet. Das gibt mir ein beruhigendes Gefühl. Im Gegensatz zum dubiosen Tankred ist er mir eine vertraute Seele. Doch Vertrauen beansprucht immer einen Eimer voll Arbeit, den ich für einige Bekanntschaften dieser Erde nicht aufbringen möchte. Ein intensiver Blick in den Spiegel soll mich nun zu neuer Arbeit führen. Aber vor allem soll er mich vom störenden Gedanken an Tankred abhalten. Ich schaue mir also tief in meine grünen Augen und denke, ich sehe gut aus, wenn ich meine Augenbrauen energisch aneinander spanne. Außerdem fällt mir auf, dass ich sie mal wieder zupfen sollte und fange unverzüglich damit an. Das habe ich mir angewöhnt, als Frederick mich, kurz nachdem wir uns einst kennengelernt haben, fortwährend darauf angesprochen hat. Plötzlich registriere ich zusätzlich ungewöhnliche rötliche Flecken an meinem Mund, die sich über meine rechte Wange erstrecken. Das war mir einfach so klar, dass Tankred Lippenstift trägt. Ich habe es wohl nur verdrängt.

Lale Nikki Eggers

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