Der Märzsonntag, der sich wie Juli anfühlte

Man hatte mich am Sonntag zum Karnevalsumzug geschleift. Kurz davor informierte ich mich noch über die Lage auf der Krim. Und plötzlich stand ich unter all diesen fröhlichen Menschen, die zur Partymusik schunkelten, während ein drohender Waffengang über uns schwebte. Das war so bizarr und unwirklich. Ich meine, niemand sollte in Panik verfallen und die Lebensfreude aufgeben. Aber das bunte Treiben passte so gar nicht zur Stimmung, die aus dem Äther tropfte.

Der Märzsonntag, der sich wie Juli anfühlte

1914: Berliner warten auf die
Kriegserklärung

Ich dachte an all die Beschreibungen der Vorkriegswochen 1914, genannt Julikrise, die ich gelesen hatte. Die Menschen gingen in Cafés und flanierten durch Parkanlagen oder fuhren in die Sommerfrische, nutzten die Sonnenstrahlen aus und waren alle auf ihre Weise glücklich. Aber dass da etwas drohte, dass der Krieg in Lauerstellung war, das war ihnen schon irgendwie bewusst. Nicht erst seit Sarajevo. Schon vorher spürten sie was auf sich zukommen. Wieviele müssen damals durch die Straßen Berlins oder Wiens spaziert sein und diese trügerische Szenerie, dieses graue Idyll des Großstadtmolochs kopfschüttelnd begleitet haben? Die Menschen lagen einfach am Badesee herum und genossen die Wärme, während die Materialschlachten schon in Vorbereitung waren. Ja, dieser Märzsonntag fühlte sich ein wenig wie ein Tag in jenem Juli an. Und das nicht, weil derzeit die Temperaturen so erstaunlich hoch sind.


Ich weiß nicht mehr, welcher Historiker das Klima vor dem Großen Krieg von 1914 als eine Phase des Aufbruchs beschrieb, als eine Zeit, in der den Menschen klar war, dass jetzt was kommen müsse. Ein Krieg vielleicht oder eine Revolution. Als dann in Sarajevo jener berühmte Thronfolger erschossen wurde, sollen viele Menschen gesagt haben, dass das jetzt das Moment der Entladung sei. Endlich! Endlich! Sie waren nicht überrascht, dass es geschehen ist. Sie ahnten, dass das jetzt etwas ist, das das Alte ablöste. Dass das Kriegshandwerk in Grabenstellungen landen würde, konnten sie nicht wissen.


Den Menschen schien nach dieser historischen Deutung des damaligen Geschehens schon klar zu sein, dass das Ancien Regime seinen Zenit längst überschritten hatte und dass Veränderungen kommen würden. Diesen Alpdruck spüre ich seit einiger Zeit auch. Und wenn man so mit den Leuten spricht, die einem im Leben begegnen oder die einen mehr oder weniger begleiten, dann scheint dieser Fatalismus auch jene befallen zu haben. Ist das etwa so ein spezieller Hundertjähriger Kalender, in dem nicht Bauernsprüche von Regen und Sonne stehen, sondern dumpfe Gefühle und periodische Resignationen? Gibt es etwa ein kollektiv wirksames Empfinden für Bedrohung?


Neben mir stand beim Straßenumzug ein Mann, der sich als Sniper oder Scharfschütze verkleidet hatte und dem aus dem Rucksack ein Plastikgewehr ragte. Wie makaber und abstrus, dachte ich mir. Stell dir vor, es marschiert eine Armee ein und die Menschen stehen singend Spalier und rufen nach Bonbons. Weil es keiner merkt. Wenn einer einen Mord begehen will, sollte er ihn auf einer Halloween-Party erledigen, habe ich neulich mit jemanden herumgesponnen. Die Leute zucken da nämlich nicht zusammen und laufen auch nicht wild auseinander, nein, sie klatschen und lachen wie wild und freuen sich am Ketchup, das aus der Stichwunde tritt. So ist es hier auch, dachte ich mir am Straßenrand stehend: Waffengänge sollten im Karneval geschehen, so wirken sie lustiger. Solche Gedanken durchfuhren mich. Sinnloser Quatsch, den manchen damals auch befallen haben mag, als er die heiße Julikrise verfolgte und jede kühle Julibrise genoss.


Man kann den Menschen keinen Vorwurf machen, dass sie sich in dieses surreale Bild einnisten und ihren Karneval feiern oder sich einen Ausflug leisten. Die Erde dreht sich weiter. Mit moralphilosophischer Bedenkenträgerei ist keinem geholfen. Ich mache ja auch weiter, schreibe Texte zu Themen, die jetzt gerade eigentlich keine Priorität haben. Auch wenn dieses über uns schwirrende Gefühl weiterhin aktiv ist. Wen kümmert schon ein Text zur Sperrklausel, wenn am Rande Europas ein Krieg beginnt, in dem das Land, in dem man selbst lebt, reichlich und frech mitgemischt hat? Aber der Text wird kommen. Etwas später als geplant, aber dennoch. Weil Menschen Dinge tun, die nicht in die gerade gegebene Wirklichkeit passen. Schunkeln oder schreiben. Das ist im Angesicht eines Krieges dasselbe. Es ist sinnlos und irgendwie befremdlich, tröstet aber schön über das hinweg, was da kommen mag. Beides ist Ausdruck einer Ignoranz, die auch mal sein muss.


Und zu welcher Friedensdemo gehe ich? 1914 hatten sie es leichter. Es gab so gut wie keine. Nichts Großes. Nur versprengte Versuche, den Frieden mit schönen Reden zu erhalten. Wenn ich heute gehen soll, dann muss ich mit den Demonstranten, die gerade noch Helau! riefen, gegen Putin protestieren und vielleicht ein ukrainisches Fähnchen wedeln. Aber die Kriegstreiber, das waren doch ganz andere. Die Europäische Union, die deutsche Regierung, die Vereinigten Staaten. Aber die werden fein raus sein.


Vielleicht geht es ohne Waffen, vielleicht einigt man sich. Wie auch immer das passieren soll. Geht das Gefühl dann wieder? Empfinde ich dann keinen Druck mehr? Kaum. Dieses Europa fabriziert ein ungutes Gefühl. Es macht auf Großmacht und sieht dem Faschismus zu, wie er zurückkehrt in die Weltanschauung des verrohenden homo europaeus. Es bedient sich einer Ökonomie, die spaltet und entsolidarisiert und die die Grundlage für Hass und Wut sät. Nein, dieses Gefühl, dass es so nicht weitergehen wird und kann, ist auch dann nicht weg. Es bleibt. Die fatalistische Grundhaltung bleibt. Der Druck bleibt. Die Einsicht, dass es kracht bleibt. Und es bleibt die Gewissheit, dass es Unschuldige trifft, es bei denen kracht, die nichts dafür können. Auch nach friedlicher Verrichtung dieser Krise werde ich mir weiterhin keine Sorgen um meine Rente machen. Bis dahin kann noch so viel geschehen.


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