Der letzte Vorhang

Langsam jedoch sicher stirbt das Überwachungs- und Eliminierungspersonal aus den Todeslagern aus. Die Schlächter, mittlerweile herrenmenschlich lichtes Haar und fahle Haut erduldend, sind eine rare Spezies geworden. Gelegentlich rutschen sie noch an die Öffentlichkeit - man stöbert sie auf, tut schockiert, weil sie jahrelang unerkannt "unter uns" lebten und stellt sie, verwelkt und wie das blühende Siechtum aussehend, vor Gericht. Demjanjuk ist der aktuelle Name, Boere hieß er vor einiger Zeit, Faber könnte er bald heißen. Das sind die letzten juristischen Zuckungen, der letzte Vorhang, der für das Dritte Reich fällt - es sind die letzten Herren- und Hilfsvolksmenschen, die vor einen Richter gezerrt werden. Nach denen gab es nur noch die Gnade der späten Geburt und die relative Unschuld.

Es ist von relativer Unschuld zu sprechen, weil es eine absolute Unschuld nicht gegeben hat nach Fall des Hitlerismus. Sicherlich war die junge Generation nach '45 keine aus Henkern oder Tötungsknechten bestehende, man war zu jung um eine solch "ehrenvolle Aufgabe" für das deutsche Volk zu übernehmen, konnte hernach demgemäß qua Jugend nicht als schuldig eingestuft werden. Großes Interesse aber, die wahrhaftigen Verbrecher abzuurteilen, sie aus der neuen Gesellschaft zu verbannen, hatte man jedoch nicht - man war sicherlich oberflächlich unschuldig, man hatte selbst ja nicht Hand angelegt, keine Leichenberge verursacht durch Aufdrehen von Gashähnen oder Betätigen von Abzügen. Die Schuld bestand darin, die Verursacher des Wahns geduldet und nicht behelligt zu haben. Es war so gesehen nur eine relative Unschuld, mit der sich die unmittelbaren Nachkriegsgenerationen, genauer gesagt: die Generationen, die zu jung waren, um selbst am Krieg teilzunehmen, zieren konnten.

Die Tragik der heutigen Prozesse gegen Nazi-Verbrecher ist, dass die Demjanjuks, Boeres und Fabers "lediglich" Bluthunde waren, die gelehrsamen und fleißigen Diener ihrer Herren; sie sind das kleine Personal aus den Lagern, die die Menschheit ausdünnten. Vor Gericht steht die dumpf vor sich hin mordende Exekutive des Nationalsozialismus; die Judikative ist bereits tot, all die Aufwiegler, die Ideologen und Dogmatiker, die Vorbereiter und Anfacher des Massenmordes - sie waren ja auch älteren Jahrgangs. Der Fließbandarbeiter aus der blutbesudelten Fabrik der Hakenkreuzler und Runenträger steht in unseren Tagen vor seinem Richter. Die Ingenieure und Kopfarbeiter und Bachelor dieses megalomanen Ausmerzungsapparates sind ja bereits dahin. Demjanjuk, Boere und Faber waren damals zu jung, um eine solche Stellung innerhalb "der Firma" zu ergattern - vielleicht wären sie aufgestiegen, hätten sich ihre Sporen durch Auszeichnungen auf dem weiten und diffizilen Felde der Liquidation verdient, wenn diese massakrierende Industrie des Dritten Reiches nicht bankrott gegangen wäre. Vielleicht. So kamen sie aber nie über den Status kleiner Handwerksgesellen hinaus. Wir befinden uns zurzeit in einer kurzen Episode, in der die Blutsäufer, die direkt am Schlachten beteiligt waren, ein letztes Spektakel liefern.

Der eine Skandal ist, dass solche Kreaturen "unter uns" lebten, mehr oder minder behelligt, manchmal als liebenswerte Opapas von nebenan, gelegentlich als geläuterte Veteranen, denen man das Ungemach, das sie über viele Menschen brachten, aufgrund von weise eingefurchten Falten im Gesicht verzeihen sollte. Das größere Ärgernis aber ist, dass es dieser relativen Unschuld zu verdanken ist, dass die Vordenker und Wegbereiter, die ideologischen Giftmischer und dogmatischen Hintermänner, die Oberbefehlshaber und Funktionäre, die rassistischen Vorbeter und antisemitischen Gurus, die Agitatoren und Spalter, die nicht erst in den Kriegswirren, sondern schon vorher, als noch "Frieden" in Deutschland herrschte... dass diese ganze ehrenwerte Gesellschaft, die sich teils erschoss oder vergiftete, teils mit der Rattenlinie auf große Fahrt ging, teils verborgen und halbwegs unerkannt "zwischen uns" lebten, kaum zur Rechenschaft gezogen wurde.

Natürlich müssen auch die kleinen Exekutivbeamten des Regimes verurteilt werden. "Die Kleinen hängt man, die Großen läßt man laufen" gilt nicht als Beschwichtigung. Beide gehören - wohlgemerkt metaphorisch ausgedrückt - aufgeknüpft. Nur dumm, dass es heute so aussieht, als seien die Demjanjuks, Boeres und Fabers die alleinigen Biester, weil sie im Blut wateten - man kann sich auch blutige Stiefel vom Schreibtisch aus holen, beim Halten ideologischer Reden, beim Verbreiten hetzerischer Parolen, bei eichmännischer Schreibtischarbeit. Wenn man nun diese widerlichen Greise zu lebenslanger Haft verurteilt, so sollte immer bedacht werden, dass die vorherige Täter- und Brandstiftergeneration viel zu gut abgeschnitten hat. Sie ist mehrheitlich entkommen - und nun stehen ihre Arbeiter und Handwerker viel zu spät vor Gericht, um als letzte Attraktion von '45 herzuhalten. Das unterstreicht nicht den funktionierenden Rechtsstaat, es macht das Versagen des bundesrepublikanischen Rechtsstaates offenkundig.


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