Der Horror lauert im Menschen selbst - "The Witch"

Erstellt am 17. Oktober 2016 von Bandrix @cityofcinema1

©Universum Film


Horror ist der Schatten, der sich in den Augenwinkeln bewegt. Das Klopfen an der Tür. Schritte, die im Nichts verhallen. Horror ist aber auch der Wahnsinn, der im Menschen lauert und sich im Bruchteil einer Sekunde oder durch Überzeugung Bahn bricht. Schon seit Bestehen des Horrorkinos widmen sich Filmemacher des Monsters in uns selbst. Sie versuchen es zu dechiffrieren, ihm einen oder mehrere Namen zu geben. Ganz will es nie gelingen, denn das Übernatürliche ergreift Besitz und der Horror verkommt zum reinen Spektakel. Der aufsehenerregende „The Witch“ von Debütregisseur Robert Eggers geht einen anderen, erfrischenden Weg.  Er siedelt seine Geschichte im 17. Jahrhundert in England an, zu Hochzeiten der Hexenverbrennungen. Überwiegend gegen Frauen gerichtet, sorgte eine jahrhundertelange Tradition bestehend aus Aberglaube, Religion und geringem Bildungsstandard für eine beispiellose Jagd auf alles, das nicht mit dem begrenzten Horizont der Menschen vereinbar war. Frauen, die zu eigenständig dachten oder sich im Bereich der Medizin auskannten, galten im damaligen Patriarchat als Bedrohung. Die Hexenverfolgung ist deshalb auch ein Wahrzeichen der Unterdrückung und des Unwissens. Aber auch ein Mahnmal dessen, was Religion in Verbindung mit Fanatismus alles anrichten kann. 
Inspiriert von Protokollen damaliger Hexenprozesse entwirft Eggers ein düsteres Sittengemälde jener Zeit. In ärmlichen Verhältnissen lebt die junge Thomassin mit ihrer Familie auf einer Farm. Das Leben ist hart und die strenggläubigen Eltern setzen all ihre Hoffnungen auf Gottes Macht, ihnen beizustehen. Für unbedarfte Zuschauer mag es irritierend wirken: Eggers bleibt seinem Realismus in Sachen Sets und Kostüme auch in puncto Dialogen treu. Die Figuren klingen, als wären sie einem Shakespeare-Stück entsprungen, eben ganz so, wie im 17. Jahrhundert gesprochen wurde. 

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„The Witch“ ist weniger Horrorfilm als Drama mit Horrorelementen. Geschickt spielt Eggers mit der übernatürlichen Macht der Hexe, der Adoleszenz Thomassins und all den Irrungen und Wirrungen, die eine junge Frau in dieser Zeit erwarten. Nicht nur lassen sich sämtliche paranormalen Ereignisse als Aberglaube einer gottesfürchtigen Familie erklären, nein, „The Witch“ flicht in seine Geschichte noch das Heranwachsen Thomassins mit hinein. Wenn der Vater seinen Kindern einbläut, sie wären schon sündig auf die Welt gekommen, wie soll Thomassin mit ihrem sexuellen Erwachen und ihrer Weiblichkeit fertigwerden? Wie soll sie ganz sie selbst sein und sich emanzipieren ohne unter der Last Gottes zusammenzubrechen? Dasselbe gilt für ihren jüngeren Bruder, der ebenfalls durch seine Eltern in völliger Unsicherheit und Angst lebt. 

 Fazit

Hier entfaltet „The Witch“ seine ganze, unheimliche – wenn auch nicht im Sinne von Horror – Wirkung. Er zeigt, wie Religion zum Pulverfass verkommt und jegliche Rationalität hinter Irrglauben und religiösem Fundamentalismus zurückstecken muss. Religion ist in „The Witch“ nicht nur das Heilmittel, sondern gleichwohl Ursache. Untermalt wird das mit grau-trüben Bildern und einem Score, der die Haare zu Berge stehen lässt. Kein Film für den Jump-Scare-Enthusiasten auf der Suche nach dem nächsten Kick. Dafür fehlt es dem Film an einem durchgängigen Spannungsbogen oder dem Interesse an den Konventionen des Genrekinos. Regisseur und Drehbuchautor Eggers ist an Höherem interessiert und das macht „The Witch“ so wertvoll. Ein Film, der sich im Unterbewusstsein des Betrachters einnistet und dank seiner kompromisslosen Machart für Unbehagen sorgt. Der Schrecken hält sich zwar in Grenzen, aber verstörend ist das Monster des Films dafür umso mehr. Schicht um Schicht entfernt „The Witch“ das intellektuelle Korsett seiner Figuren, bis nichts mehr bleibt außer Instinkten und Emotionen. Die Hexe im Film ist da lediglich Ausdruck des Abgrundes, der im Menschen lauert. 

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BEWERTUNG: 7,5/10Titel: The WitchFSK: ab 16 freigegebenLaufzeit: 87 MinutenGenre: Horror, DramaRegisseur/Autor: Robert EggersDarsteller: Anya Taylor-Joy, Kate Dickie, Ralph Ineson, Harvey Scrimshaw, Ellie Grainger, Lucas Dawson