Der Hesse, der mit den Wölfen tanzt

Von Martinaunddayo

Schon seit dem Frühling ist dieser Ausflug geplant: Unser Hundeverein, der VSGH Niddatal, hat einen Vereinsausflug organisiert und zwar in den Wolfspark Werner Freund und mit Hunden. Bei unserer Zusage war mir im ersten Moment allerdings nicht klar, wo dieser Wolfspark liegt. Ich habe damals nur gesehen, dass die Postleitzahl mit 6 beginnt … das kann ja nicht so weit von Frankfurt entfernt sein … hahahahaa … um genau zu sein, befindet sich der Wolfspark im Stadtwald Kammerforst nördlich der Stadt Merzig. Und Merzig ist im Saarland. Die Kreisstadt an der unteren Saar ist damit also 255 Kilometer von Frankfurt entfernt. Na ja, egal – es verspricht ja eine interessante Exkursion zu werden. Treffpunkt ist 10.30 Uhr auf dem Parkplatz vor dem Wolfspark. Wir starten also kurz nach 7.30 Uhr mitsamt Fleischwurstbrötchen (für uns – nicht für die Hunde) und erreichen unser Ziel auch absolut pünktlich.

Dann hat auch das Rätselraten ein Ende, denn wir haben uns die ganze Zeit gefragt, wie viele Vereinsmitglieder wohl die weite Strecke in Kauf nehmen würden, um Werner Freund und seine Wölfe zu besuchen. Die Vermutungen schwankten zwischen 80 (!) und 40 Personen …

80 Teilnehmer waren es dann nicht, aber 40 auf jeden Fall

80 Teilnehmer waren es dann nicht, aber 40 auf jeden Fall und natürlich jede Menge Vierbeiner. Und dann ging es auch schon  los …

… auf geht’s zu den Wölfen …

Der Tier- und Verhaltensforscher Werner Freund legte 1977 mithilfe der Stadt Merzig und einem Freundeskreis vier große Freigehege an, aus denen mittlerweile sieben Gehegeanlagen geworden sind zuzüglich eines Reserve- und eines Aufzuchtgeheges. Hier leben streng nach Art getrennt Polarwölfe, europäische und sibirische Wölfe sowie Timber- und mongolische Wölfe.

Wir sind mit Werner Freund am Gehege der Arktiswölfe verabredet. Das Heulen der Wölfe hat uns bereits auf dem Parkplatz willkommen geheißen, und die ersten Wölfe “begegnen” uns direkt am Parkeingang.

Timberwölfe zur Begrüßung

Die Timberwölfe streifen nervös am gesicherten Zaun entlang. Sie sind Besucher (auch mit Hunden) natürlich gewohnt, aber irgendwie finden sie uns alle nicht besonders lustig. Vielleicht auch deshalb, weil wir ihnen nicht die Aufmerksamkeit zukommen lassen, die ihnen gebührt, denn wir haben ja ein Date mit dem Chef.

Beobachten ist angesagt

Dayo lassen die Wölfe und vor allem die damit verbundenen Gerüche völlig kalt. Er findet die neue Umgebung wohl an sich schon spannend genug, sodass er fast keinen Blick auf die wilden Schönheiten wirft. Suri dagegen scheint genau zu verstehen, dass sie hier an einem ganz besonderen Ort ist. Ihre Rute steht gerade, die Ohren sind aufmerksam nach vorne gerichtet und die Nase liegt im Wind … was sie wohl denken mag?

Wo geht’s denn hier bitte zu Herrn Freund?

Nach ein paar Minuten erreichen wir den Treffpunkt mit Werner Freund.

Kleine Einführung in die Wolfssprache

… vorsichtiges Interesse …

Während wir uns alle sammeln, schaut ein Polarwolf neugierig hinter einem Baum hervor. Was er bei dem Anblick unserer Truppe mitsamt Hunden denkt, wird auf ewig verborgen bleiben. “Mein Güte, jetzt geht der Quatsch mit diesen komischen Zweibeinern schon wieder los!” Das wäre ein möglicher Gedanke …

Warten auf den WolfsFreund

Während wir alle wie die Verrückten auf die Auslöser unserer Kameras drücken, um den einen weißen Wolf zu fotografieren, bringt sich Werner Freund in Position.

Werner Freund ist Jahrgang 1933 und stammt ursprünglich aus Hessen, was man ihm trotz seiner langen Jahre im Saarland durchaus noch anhört. Aber das mag vielleicht daran liegen, dass er seine Zeit eher mit Wölfen denn mit Menschen verbringt. Auf nuschelig-kauzige Art und Weise erläutert er uns erst einmal seinen Lebensweg. Je länger er redet, umso besser verstehe ich ihn … Gärtner, Raubtierpfleger und Expeditionsleiter war er, bevor der heute 80-Jährige zur Bundeswehr kam und dort zum Schluss zum Ausbilder bei den Fallschirmjägern avancierte. Seit 1972 lebt er in Merzig, wo 1977 sein Wolfspark entsteht, der weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt wird und die saarländische Zeit zur Wolfsstadt gemacht hat.

… von Hand aufgezogen …

Werner Freunds Leidenschaft für Raubtiere begann allerdings nicht mit Wölfen, sondern mit Bären. Während seiner Zeit bei der Bundeswehr gehörte er dem Fallschirmjägerbataillon 262 an, das seinerzeit auf der Suche nach einem fallschirmjägergerechten Maskottchen ist. Als ehemaliger Raubtierpfleger wird er bestimmt, ein passendes Tier auszusuchen und zu betreuen … Freund entscheidet sich für einen Bären. 1972 bekommt Werner Freund seinen ersten Wolf – Ivan – und muss im Laufe der Zeit feststellen, dass sich Bären und Wölfe nicht riechen können. Nachdem er sich 17 Jahre mit Bären beschäftigt hat, widmet nun sein Leben den Wölfen.

… weiter geht es zum nächsten Ort des Geschehens …

Während des ganzen Vortrags haben wir Gelegenheit, dem “Wolfsmenschen” unsere Fragen zu stellen. Obwohl fast alle Wölfe von Werner Freund mit der Hand aufgezogen werden (dabei übernimmt er – kurz nachdem die Wolfswelpen geworfen wurden – zeitweise die Position der Mutter), können sich fremde Menschen diesen Wölfen nicht nähern. Sie akzeptieren nur diejenigen, die zum Rudel gehören. Und wer nur einmal im Wolfspark vorbeischaut, der gehört definitiv nicht zum Rudel!

Paparazzi, wohin das Auge blickt …

Und jetzt geht es für uns zur Raubtierfütterung und zwar zu einem Gehege, das von einem Rudel Polarwölfe bewohnt wird. Auf die Frage, wie groß so ein Gehege für ein ganzes Wolfsrudel ist, murmelt der kauzige 80-Jährige nur: “Die haben schon genug Platz!” Dann begibt er sich – ausgestattet mit reichlich Fleisch und Ochsenziemern in das gut gesicherte Gehege.

Jetzt werden die Wölfe zu Tisch gebeten

Ein kurzes Heulen seitens Werner Freund reicht aus, um die majestätischen Wölfe an die gut gedeckte Tafel zu locken …

Die Wölfe holen sich ihr Futter direkt beim Chef ab

Es ist faszinierend, dabei zuzuschauen, wie die weißen Schönheiten (die im übrigen – wie alle Wölfe, die wir an diesem Tag gesehen haben – einen extrem gepflegten, gesunden und wohlgenährten Eindruck machen) Werner Freund das Fleisch aus dem Mund nehmen. Schön der Rangfolge nach, einer nach dem anderen. Ja, Ihr habt richtig gehört. Der Hesse, der mit den Wölfen tanzt, füttert seine Wölfe direkt aus dem Mund …

Zart nimmt der Polarwolf das Stück Fleisch auf

Bei uns draußen vor dem Zaun herrscht staunende Stille. Die Fütterung geht völlig ruhig und geregelt vor sich. Es gibt kein Knurren und Beißen der Wölfe untereinander (oder zumindest bemerken wir das nicht). Das Fleisch wird friedfertig “abgeholt”, an einem etwas ruhigeren Platz gefressen (im Gegensatz zu Hunden schlingen Wölfe ihr Futter nicht einfach hinunter. Sie beißen und kauen es ordentlich durch), und dann wird sich eine neue Portion abgeholt.

Nach der Fütterung haben wir erneut die Gelegenheit, Werner Freund mit unseren Fragen zu löchern. Auf die Frage hin, ob es denn schon einmal zu brenzligen Situationen gekommen sei, zuckt der Wolfschef mit den Schultern und sagt: “Wölfe sind ja keine Meerschweinchen!”

… unser Rudelchef …

Erstaunlich ist auch, dass unsere mitgeführten Hunde so ganz ruhig und entspannt sind, was natürlich nur daran liegen kann, dass alle Hunde unter der Anleitung unseres Rudelchefs – Wolfgang Schmidt – hervorragend ausgebildet wurden. Böse Zungen behaupten jedoch, dass die Hunde mit dem Wolfsgeruch nichts anfangen können, außer dass es eben ein neuer, fremder Geruch ist. Noch bösere Zungen behaupten, dass die Hunde einfach nur müde von den vielen Eindrücken sind …

Suri ist definitiv entspannt!

Im Laufe der vergangenen 40 Jahre zogen Werner Freund, seine Frau und seine Mitarbeiter mehr als 70 Wölfe auf. Hier in Gefangenschaft werden die Wölfe rund 13 Jahre alt (wobei der älteste Wolf sogar 17 Jahre alt geworden ist). In freier Wildbahn sterben rund 90 Prozent aller Wölfe vor dem siebten Lebensjahr. Man mag über Werner Freund, seinen Wolfspark und die Art und Weise, wie er sich in das Herz der wilden Wölfe schleicht, denken, was man will, aber er hat mit Sicherheit viel dazu beigetragen, dass das Verhalten und Leben des Wolfes vom Menschen besser verstanden wird. Viele Menschen, die ihn und seinen Wolfspark besuchen, haben hinterher sicherlich auch eine andere Einstellung, diesen schönen und ursprünglichen Raubtieren gegenüber.


Natürlich bin ich auch durch den Park gelaufen und mir haben sich Gedanken aufgedrängt wie “Haben die Wölfe ausreichend Platz?”, “Die armen Kerle – sie werden Tag und Nacht von irgendwelchen Besucher bestaunt und fotografiert” oder “Kann man die Verhaltensweisen von Raubtieren wirklich in Gefangenschaft studieren?” Fakt ist jedenfalls, dass sie – würden sie in der freien Natur leben – so hier in Deutschland nicht zu beobachten und zu bewundern wären. Nach wie vor haben wir Menschen eine Urangst vor diesen Tieren. Und wie viele Zeitungsschlagzeilen bezeugen: Trifft der Mensch auf einen frei lebenden Wolf, dann erschießt er ihn, aus welchen Gründen auch immer.

… ob er wohl ein Honorar dafür bekommt, sich so zu präsentieren?

Es gibt sie übrigens wieder – frei lebende Wölfe in Deutschland. 1998 wurden auf einem Truppenübungsplatz in Sachen zwei und im Jahr 2000 sogar sechs Wölfe – Eltern und Jungtiere – von Revierförstern beobachtet. Seit dem zogen die beiden Elterntiere jedes Jahr Welpen auf. Dabei handelt es sich um graubraune europäische Wölfe (Canis lupus), die im Familienverband leben. Information, wo es bisher frei lebende Wölfe in Deutschland gibt, sind beim NABU zu finden. In Hessen gibt es (noch) keine Wölfe.

Informationen:

Der Wolfspark Werner Freund ist ganzjährig von Tagesanbruch bis Sonnenuntergang geöffnet. Der Eintritt ist kostenlos. Hunde sind im Park willkommen und müssen verständlicherweise angeleint sein. Parkplätze gibt es direkt vor dem Eingang zum Park.

An jedem ersten Sonntag im Monat findet eine kostenlose Führung durch Werner Freund statt (um 16.00 Uhr). Treffpunkt ist das Gehege der Arktiswölfe. Die Führung findet bei jedem Wetter statt und natürlich auch an Feiertagen.

Gruppenführungen wie wir sie hatten sind ab 40 Personen möglich und müssen natürlich vorher angemeldet werden. Wir haben pro Person fünf Euro bezahlt und diesen Beitrag auf zehn Euro erhöht. Somit hat jeder fünf Euro an den Park gespendet.

Adresse:

Wolfspark Werner Freund
Kammerforst Merzig
Waldstraße 204
66663 Merzig / Saarland
Tel.: +49 (0) 6861 – 911 818


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