Der gute Nachbar

Im September 2004 sind wir hierher gezogen, und während der 14 Tage Fahrten zwischen alter Wohnung und Hof war er einer der Ersten, den wir gesehen und kennengelernt haben. Mit seiner Pfeife und dem Hut, der Latzhose und dem karierten Hemd. Den Tabak dafür hat er selbst angebaut und er duftete gut.

Natürlich waren die unmittelbaren künftigen Nachbarn alle neugierig, wer da Neues in ihr kleines Bauerndorf zog. Sehr exotisch waren wir damals als Städter, aber bald schon ein wenig anerkannt, weil wir wenigstens ein bisschen Hofwirtschaft hatten mit den Pferden. Zu der Zeit gab es noch nicht so viele Veränderungen durch Zuzügler wie heute. Heute haben wir sogar ein kleines Asylantenheim. (Ja, das funktioniert gut.)

Er kam da also an, in seinem unverwechselbaren Outfit (außer Sonntags zur Kirche, da war er geschniegelt), die Hände in die Seiten gestemmt und beäugte uns neugierig. „Griaß di, bin da Doner“, nuschelte er an der kalten Pfeife kauend, Anton Mayer bürgerlich, „hab euer Haus baut.“ Den Rest habe ich nicht mehr verstanden, denn genuschelter Allgäuer Dialekt und Pfeife, das verträgt sich nicht gut, und so blieb es die nächsten 14 Jahre. Ja, er hat unser Haus gebaut, in dem wir seit 14 Jahren leben.

Jeder Tag begann mit ihm und hörte mit ihm auf. Er war immer da. Sei es, dass er eines seiner hübschen Tiermodelle aus Metall fertigte und bemalte, sei es, dass er Holz verarbeitete, sägte, hackte, stapelte, oder mit kleinem Moped mit Anhänger und Deutschlandfähnchen durchs Dorf pötterte. Oder wenn er die Walnüsse seines prächtigen Walnussbaums mit dem raffinierten Gerät sammelte. Oder wenn er mit der Salz-und-Pfeffer-Katze Milli spazierenging, langsam und gemütlich, natürlich immer die Pfeife im Mundwinkel, mal warm, mal kalt.

Wenn wir die Pferde durch seinen Hof zur Koppel führten, hielten wir meistens ein Schwätzchen (soweit ich ihn verstand halt, aber ich lernte zu erraten). Dann erzählte er beispielsweisevon von seiner Reise nach Kamtschatka, und dass sie heute, er und seine Frau, als ältere Rentner, nun nur noch Busfahrten in die nähere Umgebung unternehmen würden. Aber das sei auch schön, er plauderte über das, was er gesehen hatte, die Erlebnisse.

Er kam unaufgefordert rüber, wenn wir Hilfe brauchten (etwa weil wir im Schnee erstickten oder versuchten, Stützbalken ohne Kreissäge zuzuschneiden), er kam rüber, wenn wir die Oldtimer-Bikes draußen gesammelt aufstellten, um sich darüber zu amüsieren und zu freuen. Er kam rüber, wenn er eine Katze suchte oder gefunden hatte.

Die Tage, die ich ihn in den 14 Jahren nicht gesehen habe, sind zweistellig.

Er kam auch rüber, als wir unser Dach neu machen ließen und war einigermaßen erbost, denn es sei „pfenniggut“, sagte er, er habe es schließlich selbst gebaut. Ja, aber so seien halt heute die Vorschriften, erklärten wir, Dämmung müsse sein. Vor sich hinbrummelnd und murrend zog er ab, nur um dann nach Fertigstellung das Dach fachmännisch in Augenschein zu nehmen und festzustellen: „Aber schee isch scho worn.“

Der Doner war so ein richtiger Bauer von altem Schrot und Korn, vierschrötig, stark, ein harter Kerl. Aber mit einem weichen Kern. Er lachte gern und machte Späße, und er verstand das Leben zu genießen. Bastelte unermüdlich Tag um Tag draußen an der frischen Luft, sägte, hämmerte, schweißte, pinselte, transportierte dies und das, zog Sonnenblumen, Tomaten, Tabak und Kürbisse. Fütterte die Katzen, die bald nicht mehr wegwollten, es sich im Haus gemütlich machten und immer fetter wurden.

Eines Tages klingelte er an unserer Tür, das war in all den Jahren höchstens einmal vorgekommen. „Griaß di, Doner“, sagte ich überrascht, und er: „Griaß di“, und da sah ich, dass er weinte. Seine krebskranke Tochter sei soeben gestorben, beide hätten sie sie gefunden, da unten am Fuß der Treppe.

Es war ein harter Schlag. Wie gut oder ob er es überhaupt verkraftet hat, kann ich nicht beurteilen. Er lebte weiter und ließ sich nichts anmerken, er sprach auch nie wieder über sie.

Letzte Woche sagte ich zu meinem Mann, dass der Doner mir gar nicht mehr gefiele. Er sah auf einmal so grau aus, und er saß oft sehr müde da und starrte vor sich hin. Das war anders, als wenn er sonst gemütlich auf der pinkfarbenen Bank saß, ein Bierchen zwitscherte und fröhlich Pfeife rauchte. Er war erschöpft, kraftlos. Machte aber trotzdem weiter das neue Holz. Doch ich fand, er fiel immer mehr in sich zusammen, wurde kleiner, dünner. Wie zu wenig Butter auf zu viel Brot.

Am Donnerstag Abend ist der Doner einem akuten Herzstillstand erlegen.

Wir vermissen ihn.
Gute Reise, guter Nachbar.


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