Der Fall Collini

Von Pressplay Magazin @pressplayAT

Der Fall Collini

5Polit-Thriller

Es hätte ja auch klappen können. Die Voraussetzungen für eine gelungene Literaturverfilmung schienen durchaus gegeben. Die Besetzung machte auf jeden Fall schon mal neugierig. Und diese ist es dann auch tatsächlich, die am wenigsten enttäuscht in diesem sehr durchwachsenen Film.

2001 in Berlin bringt ein älterer italienischer Gastarbeiter namens Fabrizio Collini (Franco Nero) den Großindustriellen Millionär Jean Baptiste Meyer um. Collini stellt sich der Polizei in Erwartung seiner Strafe. Nur über sein Motiv will er nicht sprechen. Der junge Anwalt Casper Leinen (Elyas M’Barek) wird mit der Pflichtverteidigung beauftragt. Dieser nimmt an, ohne vorerst zu ahnen wer das Opfer ist. Denn Casper verbindet eine persönliche Geschichte sowie zu dem Opfer als auch dessen Nichte Johanna (Alexandra Maria Lara) mit der er in jungen Jahren eine Liebesbeziehung hatte. Diese bittet ihn den Fall abzugeben. Zuerst will Casper dies auch tun, lässt sich aber u.a. von seinem ehemaligen Professor Mattinger (Heiner Lauterbach) überzeugen an dem Fall dran zu bleiben. Und fördert bald viele unangenehme Wahrheiten ans Tageslicht.

Den 2011 erschienenen gleichnamigen Roman von Ferdinand von Schirach zeichnet das aus, was ganz allgemein die große Stärke und Qualität des Autors ist: Eine kurze, prägnante Sprache, auf den Punkt und direkt. Schnörkellos wird eine spannende und dramatische Geschichte auf knapp 200 Seiten erzählt. Der Film verkehrt diese Dramaturgie ins absolute Gegenteil. Er ist überlang, wird behäbig, langatmig, unnötig pathetisch und senkt das Niveau auf das eines durchschnittlichen Tatort. Alles ist furchtbar brav, geradezu bieder und man fragt sich schon sehr: Wer genau ist denn das Zielpublikum dieser Hochglanzproduktion? Dabei sieht eben alles toll aus. Bilder, Kamera, Schauspieler – alles hübsch anzusehen. Aber junge Zuseher holt man sich mit so etwas nicht ab. Und Ältere greifen wahrscheinlich lieber (und besser) zur Lektüre.

Elyas M’Barek ist für seine Darstellung wohl nicht preisverdächtig, aber er kann den Film durchaus tragen, in einer für ihn ungewohnt ernsten Rolle. Alexandra Maria Lara und Franco Nero geben glaubwürdige Nebenparts ab. Schauspielerisch ist es aber vor allem Heiner Lauterbach, der voll überzeugen kann – auch wenn optisch etwas gewöhnungsbedürftig. Kaum erkenntlich unter einem grauenvollen Toupet, gehören dennoch ihm die stärkeren Momente in diesem Film. Während Schirachs knappe Prosa mit einer dichten Dramaturgie punktet, zerfasert in der Verfilmung alles in Richtung gepflogener Langeweile. Das ist nicht wirklich schlimm und auch nicht wirklich schlecht. Aber irgendwie zahnlos und der sehr guten Vorlage einfach nicht würdig.

Regie: Marco Kreuzpaintner, Drehbuch: Robert Gold, Jens-Frederik Otto, Christian Zübert, basierend auf dem Roman von Ferdinand von Schirach, Darsteller: Elyas M’Barek, Franco Nero, Alexandra Maria Lara, Jannis Niewöhner, Heiner Lauterbach, Filmlänge: 118 Minuten, Kinostart: 18.04.2019

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Autor

Benedict Thill

Schon als Kind sah er sich am liebsten heimlich Horrorfilme an und hat seitdem einen Schaden weg. Wenn er nicht gerade Schundfilme schaut, schreibt er Theaterstücke für Kinder und Jugendliche, die dann auch regelmäßig aufgeführt werden. Kein Scherz.