Der EU Austrittswähler

Von Medicus58

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GTL | 31.8.2013 | Kommentare (0)

Der EU Austrittswähler

Etwas geschafft von der langen Reise, schließlich tritt die EU-Austrittspartei nur im Ländle hinter dem Arlberg an, treffe ich auf meinen heutigen Gesprächspartner.

„Ich bin furchtbar enttäuscht, oder?“ Begann das Gespräch mit einem hageren, etwas gehetzt wirkenden Mann mit schütterem Haarwuchs und betont aufrechtem Gang. Auf den ersten Blick erkennt man: Milizsoldat, Handygegner und mit seiner Jugendliebe verheiratet.

„Ich habe ja damals auf alle vertraut, den Vranitzky, den Mock, die Ederer und den ORF, nur bin ich halt von der EU so bitter enttäuscht worden. Es ist höchste Zeit auszutreten und wieder ein souveräner Staat zu werden, eher alles zusammenbricht und der TEUro weniger wert wird als unser Schilling. Wenn wir schon nicht aus Österreich austreten können, dann wenigstens aus der EU.“

Ich frage ihn, ob es denn außer dem EU-Austritt noch etwas gäbe, das die Partei erreichen möchte.

„Wir wollen mehr Selbstbestimmung und Mitsprache des Bürgers.“

Also mit einem Wort „Direkte Demokratie“, aber das versprechen ja ohnehin schon alle Parteien einschließlich der Piraten, die aber als Voraussetzung dafür noch einen Internetzugang fordern!, werfe ich ein.

„Österreichisches Steuergeld muss in Österreich bleiben und unseren Kindern und nicht den Banken zur Verfügung gestellt werden! Und auch die Korruption gehört abgeschafft.“

So weit, so Strache, denke ich bei mir.

„Mehr Grenzkontrollen, dass da nicht jeder rein und raus gehen kann!“

„Auch wenn die Heimat grad’ nicht verschneit und vermurt ist“, versuche ich mich ihm anzubiedern.


„Wir müssen massive Zugangsbeschränkungen einführen, damit die aus ihren Pleitestaaten nicht alle zu uns kommen. Dafür sollen alle unsere Soldaten aus dem Ausland abgezogen werden und unsere Grenzen verteidigen!“

Mich beunruhigt der Gedanke einer Kriegserklärung Liechtensteins nun weniger, aber meinetwegen. Auf die Frage, warum er denn nicht gleich die FPÖ wählt, reagiert er gereizt aber bleibt die Antwort schuldig, die umso notwendiger wäre, je mehr er von den „Lobbyisten in Brüssel“, der „abgehobenen Beamtendiktatur“ und den „Gurkenkrümmungsradien“ spricht. Als ich darauf insistiere, meint er, dass die FPÖ nur so tue, als wäre sie gegen die EU, in Wirklichkeit wollen die den ganzen Balkan in die EU bringen.
OK, mit der blauen Nächstenliebe hat es mein Gegenüber also weniger.

„Die Handy- und Atomstrahlen machen nicht an unser Grenze halt, wenn wir nicht etwas dagegen unternehmen.“

Vor meinem geistigen Auge legt sich ein riesiger Faradayscher Käfig um das Ländle, statt der Landesfahnen wehen kleine Aluminiumfetzchen und die Armbrust wird vorsorglich auf jeden Näherkommenden angelegt, … OK, das wäre Tirol!

Inzwischen hat mein Gegenüber die Spitze seiner Krawatte durch das beständige Herumfingern gehörig ausgefranst. Was würde denn ein EU-Austritt Österreichs bewirken?, versuche ich das Gespräch in Gang zu halten.

„Ganz einfach, das Leben würde wieder einfacher werden. Beim Einkaufen müsste man nicht alles durch 13,76 dividieren.“

Glaube er denn wirklich, dass die Partei, die es gerade einmal in Vorarlberg auf die Stimmzettel geschafft hat, ihr Ziel erreichen wird?

„Wir im Ländle waren immer schon im Herzen wie die Schweizer.“
Nur die wollten euch schon 1919 nicht, fuhr es mir durch den Kopf.

„Wir müssen ja die Menschen ohnehin nicht mehr davon überzeugen, dass wir aus der EU müssen, oder!“

Ich kann mir nicht helfen, mich verunsichert die alemannische Relativierung am Satzende immer wieder, als ob man sich den Rückzug in eine gegenteilige Meinung offen halten wollte.

„Die EU-Austrittspartei hat als einzige Partei, die ein klares Programm für die Befreiung Österreichs von der EU vorgelegt hat:

2013: Nationalratswahl
2014: Volksabstimmung über den EU-Austritt
2015: Österreich ist wieder frei, oder?!?

Als zu allem Überfluss auch noch mein Handy anschlug, spürte ich eine gewissen Feindseligkeit bei meinem Gesprächspartner und ich verabschiedete mich rasch, ehe ich noch um ein Visum ansuchen muss, um wieder in den Osten zu kommen.