Der Brexit wird England ins Verderben führen

Von Nu

Der Brexit (British exit from the European Union / Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union) ist auf der Insel das große Thema in der Politik. Die Stimmen dafür oder dagegen halten sich zur Zeit in etwa die Waage, aber die Stimmen der EU-Gegner sind lauter und marktschreierischer. Es ist nicht sehr karrierefördernd für die EU zu sprechen. David Marquand, ehemaliger Labour-Abgeordneter und emeritierter Politik-Wissenschaftler tut es. Er hat eine interessante Beschreibung des britischen Europa-Dilemmas unter dem Gesichtspunkt, dass es ein englisches Dilemma ist, geschrieben.
In seinen Ausführungen geht er unter anderem darauf ein, dass die Europhilen den Kopf ansprechen und die Europhoben das Herz. Er führt aus: “Sie (die Europhoben) appellieren an den glorreichen Mythos der insularen Selbstbeschränkung, die die jahrhundertealte Verwicklung in die kulturelle, religiöse, ideologische, politische und militärische Geschichte des europäischen Festlandes einfach so auf die Seite wischt. Dies ist ein eigenartiger Mythos, um es gelinde auszudrücken. Wenn man die Sensationspresse liest oder die europhoben Reden im Unterhaus hört, dann denkt man, dass der Holländer Wilhelm von Oranien nie König von England war; dass König Georg I nicht deutscher Herkunft war; dass Waterloo nicht genauso ein deutscher wie britischer Sieg war; dass der echte Engländer George Orwell nicht im spanischen Bürgerkrieg an der Seite der spanischen Anarchisten und Trotzkisten gegen die spanischen Faschisten gekämpft hat und dass nicht tausende britischer Männer und Frauen in Weltkriegen getötet wurden, die durch ethnische Konflikte in Ost- und Zentraleuropa ausgelöst wurden.”
Marquand fährt fort damit, dass er sagt, dass in der Schlacht zwischen Kopf und Herz die Fakten nur wenig zählen. Die englische Selbstbezogenheit habe tiefe Wurzeln, die von den Größen der Literatur wie Shakespeare und John Milton genährt worden seien. Dort könne man sehr viel über den englischen Chauvinismus erfahren. Er fährt dann fort: “Es gibt einen Widerspruch in der Sache, die die Anhänger des Brexit völlig ignorieren. Die Herzen, zu denen sie sprechen, sind englisch, nicht britisch.” Nördlich der Grenze und im Westen hätten die Poeten des Englischtums keine Resonanz. Erfährt weiter: “Es ist wert zu erwähnen, dass eine signifikante Mehrheit der Schotten nichts von einem Austritt Großbritanniens aus der EU halten, während die Waliser in dieser Sache geteilt sind. Aber die Umfragen sind weniger wert wie die stärkeren Kräfte der Erinnerung und Mythen, die das Selbstverständnis einer Nation und ihre existentiellen Entscheidungen ausmachen. Die englische Geschichte könnte nicht verschiedener sein. Für England, wie damals für Russland, war der Verlust des Reiches traumatisch und noch weit entfernt davon den Schlag verkraftet zu haben wurde dieses Trauma beim Eintritt in die EU mit eingeschliffen. Der Kontrast zu Frankreich und Deutschland, den zwei Kernstaaten der EU, ist besonders lehrreich. Für diese Staaten war Europa eine Hoffnung, der Ausweg aus drei Jahrhunderten blutgetränkter Rivalität. Für England bedeutete Integration der Übergang von Demoralisierung zur Verzweiflung – Abstieg vom Großmächtestatus, eine kleinliche Zukunft anstelle einer großen Vergangenheit. Die Kämpfer für den Brexit präsentieren diesen deshalb als eine Rückkehr zur Größe. Aber ehrlich gesagt, der Brexit wird die Kleinlichkeit nur noch bestätigen.”
Marquand erklärt dann, dass der Brexit nur wegen der überwiegenden englischen Stimmen gegen die nicht so zahlreichen Stimmen der Schotten und Waliser durchgesetzt werden könne. Dies werde der Grund dafür sein, dass das Vereinigte Königreich auseinanderbrechen würde. Wales und Schottland würden in der EU bleiben und England wäre auf sich allein angewiesen. Es wäre leicht abzusehen, dass die Isolation England dazu zwingen würde, mit den Realitäten klar zu kommen. Dies würde ein schmerzhafter Prozess, aber doch besser als die endlose Selbsttäuschung sein. Und er schließt mit der Aufforderung: “Das beste wäre eine gut begründete und leidenschaftliche Herausforderung der Sozialdemokraten und Sozialliberalen mit den Europhoben. Das haben wir bisher nicht gesehen, aber es ist immer noch Zeit dazu”.
Informationsquelle
First Brexit, then break-up – New Statesman