Der Antifaschismus, der bloß einer ist, weil er seine Ruhe will

Der Antifaschismus, der bloß einer ist, weil er seine Ruhe will

Foto von Ben Heine

Das Hannoveraner Hotel, das der Alternative für Deutschland neulich die Zimmer stornierte, erhielt Anerkennung und Likes. Ist ja auch nachvollziehbar, denn das Hotel hat damit einer Veranstaltung dieses rechtspopulistischen Vereins in seinem Räumlichkeiten einen Strich durch die Rechnung gemacht. Einige Tage später las man, dass die AfD gar nicht das Geld hat, um Rechnungen zu begleichen. Glück gehabt, wieder einen Zechpreller vereitelt! Aber um bei der Sache zu bleiben: Anerkennung und Likes muss es für Zivilcourage schon geben. Sie kommt doch so selten vor. Und es ist wahrlich eine gute Entscheidung der Hotelführung gewesen. Trotzdem darf man das Handeln von Unternehmen nicht überhöhen. Es ist mitnichten »antifaschistisches Gedankengut«, das sie zu solchen Entscheidungen treibt. Die Gründe sind doch oft viel profaner. Moral erlaubt der Markt ja auch gar nicht, denn cancelt ein Hotel die Zimmer, stehen schon drei andere in der Warteschleife, die gerne solche Funktionäre bewirten.

Zivilcourage alleine ist das nicht. Man hat als Unternehmen gerne seine Ruhe. Droht aber ein Medienhype, ein Shitstorm, die öffentliche Ächtung und die Ablehnung in Wort und Schrift, muss man den Webmaster Überstunden machen lassen mit Entkräftungen oder die Website und den Facebook-Auftritt gleich temporär unerreichbar machen. Und das ist dann schlechte Presse, ein eklatanter Imageschaden. Man kann mit Zimmer für Petry und Kollegen Geld verdienen. Aber es ist eine kurze Einnahmequelle, die sich vielleicht nach dem Parteiereignis negativ ausschlägt. Möglich, dass das Hotel dann gemieden wird, weniger Buchungen erfolgen. Dann lieber unliebsame Gäste vor die Tür setzen und mit einiger Sicherheit wissen, dass es weitere Gäste gibt. Nebenher erzeugt das positive Schlagzeilen und mancher wird das Hotel wohl aufsuchen wollen, wenn er in Hannover ist. Dorthin kommen ja nicht viele. Aber ein moralisches Hotel ist doch eine feine Sache. Greengewasht und moralingestärkt. Damit hat man ein Alleinstellungsmerkmal.
Man darf dem Hotel nicht Kalkül unterstellen. Es klang in den Zeilen zuvor sicher ein wenig so, aber ich möchte das eigentlich nicht. Nur weiß ich eben auch, wie man sich auf dem Markt positionieren muss, wenn man überleben will. Man wägt Entscheidungen eben ab. Und in politischen Zeiten kann man nicht mehr unpolitisch dienstleisten. Man will aber auch nicht zu politisch sein, denn es geht um Geld und nicht um Anschauungen. Mit letzterem begleicht man seine Ausstände nicht und Personal hätte auch lieber Bares als Wahres. Wir haben alle unsere Sachzwänge auf der Sollseite unserer Girokonten. Natürlich kann man ein moralischer Unternehmer sein. Aber jede Entscheidung lebt nicht von der Moral alleine. Sie hat andere Seiten, die man mit in die Kalkulation aufnehmen muss. Zivilcourage ist ein Faktor, der sich nebenbei auch noch in gute Presse wandeln lässt. Aber es gibt noch andere Faktoren und die sind auch Motivation für eine Entscheidung.
Es gibt ohne Zweifel in Deutschland einen »Antifaschismus«, der nur einer ist, weil er seine Ruhe haben will. Wenn der Shitstorm entbrennt, weil ein Moderator im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ein braunes Hemd trägt und man darin ein Bekenntnis zum braunen Mob wittert, die Sendeanstalt sich daraufhin in aller Form entschuldigt und verspricht, sie würde auf die Klamottenwahl ihrer Angestellten künftig besser achten, dann ist das keine beseelte Zivilcourage gegen rechte Umtriebe, sondern gelinge gesagt nur Feigheit und Heuchelei. Man handelt so, weil man Ruhe im Laden haben will, schlechte Presse vermeiden muss, um weiterhin interessant für Werbekunden zu bleiben. Würde ein Shitstorm länger anhalten und den Sender in Misskredit bringen, dann könnten bald schon Werbekunden abspringen. Die wissen zwar auch, dass an den Vorwürfen nichts Essentielles dran wäre, aber darum geht es nicht. Man würde ihnen nämlich unterstellen, dass sie mit einem Sender kooperieren, der ja bekanntermaßen rechtslastig ist. Und weil man schlechte Presse vermeiden und Ruhe haben möchte, legte man eine Zusammenarbeit zunächst mal auf Eis.

Das ist vereinfacht gesagt die Grundlage des Antifaschismus, wie wir ihn heute kennen. Es geht um Ansehen. Nicht um Anschauung. Man mag die Stille, in der man Geschäfte betreibt, um Geld zu scheffeln, um Produkte unter die Leute zu bringen. Wenn die Leute missmutig werden, dann muss man ihnen entgegenkommen und sie besänftigen. Dann sagt man »Sorry für das braune Hemd, guckt weiter unsere Sendungen mit Werbeblöcken« und hofft das Beste. Man darf gespannt sein, ob Lindt standhaft bleibt gegen den total verblödeten Mob, der dem Unternehmen unterstellt, einen Islam-Adventskalender ins Sortiment aufgenommen zu haben. Ausgeschlossen erscheint es nicht, dass man einlenkt, um weiter als Marke interessant zu bleiben.
Wer am Markt steht und unter Wachstumsdruck agiert, der kann sich mutige Zivilcourage gar nicht leisten. Der muss fast schon zwangsläufig auf Feigheit setzen. Manche mutige Tat, wie das Stornieren von Hotelzimmern, ist letztlich nicht so arg mutig. Es ist die Konsequenz aus Abwägungen und eine persönlich getroffene Marktanalyse, die einem in Aussicht stellte, dass das Geschäft schleppender geht, wenn man die Bande ins Haus holt. Formiert sich heute ein Mob gegen »Die Linke« und droht mit Boykott des Hotels, falls dort eine Parteiveranstaltung stattfinden sollte, wird man auch da abwägen. Und »Die Linke« dürfte nicht mal sauer sein, wenn man sie wieder von der Gästeliste streicht. Sie weiß nämlich, dass Markt und Moral nicht zusammengehen. Es geht immer nur ums Geschäft.

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