Der Anfang vom Ende I

Hätt ich vorher gewusst was passiert, ich wäre zu Hause geblieben. Hätt ich doch nur nicht dies gesagt. Hätt ich nur nicht das gesagt. Hätte...hätte...Fahrradkette...
>>Richtig krass! Heut Nacht wurd einer vorher der Burg umgefahren.<< rief mein Mitfahrer aus.>>Was? Wer?<< fragte ich schockiert.>>Weiß man nicht.<<
In meinem Kopf begann es zu rotieren. Umgefahren? Was soll das heißen?
>>Schlimm?<< fragte ich und versuchte den Blick angestrengt geradeaus zu halten.
Gegen 17 Uhr hatte ich zwei fremde Jungs in Berlin eingesammelt. Vor uns lagen zuzüglich Pause rund 5 Stunden Fahrt. Beide waren jünger als ich, aber wir kamen alle drei aus der selben Kleinstadt, auf die wir zusteuerten, oder besser gesagt ich. Magnus und Leon. Natürlich kannten wir uns nicht, aber unsere Stadt zählt weniger als 100.000 Einwohner. Gemeinsamkeiten finden sich immer.
>>Die ganze Straße war voll mit Blut. Sah wohl extrem übel aus.<<>>Woher weißt du das?<< wollte ich wissen und blickte zwischen Straße und Rückspiegel hin und her.>>Meine Freunde waren gestern feiern und haben das mitbekommen. Die eine schreibt gerad...<< sagte Magnus und senkte den Blick zurück auf sein Smartphone.
Die Burg. Home Sweet Home. Eigentlich nichts besonderes und eigentlich auch nur ein Bistro. Bis auf Samstag. Dann kommen die Djs, die Tische werden verrückt und die Stadtkinder kommen zum feiern reingeströmt. Man trifft immer jemanden, den man kennt. Und da meine Freunde und ich Stammkunden sind, wurde mir bei Magnus' Nachricht kotzübel.Ich ging alle meine Freunde durch und hoffte, dass ich niemanden vergaß, als ich zu dem Schluss kam: keiner von uns!Draußen waren es um die Null Grad und ich zwang mich nach einem fast dreistündigen Stau und drohendem Blitzeis trotzdem gezügelt zu fahren. Ich wollte an mein Handy. Meine Mädels fragen, ob sie was wüssten.Erst gegen 1 Uhr Nachts ließ ich den letzten raus und fuhr direkt nach Hause und in mein Bett. Ich erreichte an diesem Abend niemanden mehr und auch im Internet war nichts zu finden. Anders am nächsten Morgen. Ich checkte Facebook und stieß auf ein ,,Alles Gute! Du schaffst das!". Ich ging auf seine Seite und stellte fest, dass ich mich letzte Nacht geiirt hatte. Ich kannte ihn doch. In unzähligen Kommentaren wurde spekuliert und gebetet. Keiner wusste was genau passiert war, nur das er im Koma liegt. Ich aktualisierte jede Minute den Stand. War fassungslos. Ich rief meine Freunde an, aber keiner von ihnen kannte ihn. Man muss sagen wir waren auch keine Freunde, eher Bekannte, aber das machte die Sache nicht besser.
Ich rief meine angehende Arztfreundin an.
>>Ein Bekannter von mir wurde nach dem feiern von einem Auto erfasst.<<>>Oh. Pech oder eigene Schuld?<< fragte sie emotionslos.>>Schwer zu sagen. Jedenfalls liegt er im Koma und sei zu 80% Hirntot. Was genau heißt das?<<>>Tot! Sollte er wach werden, kann er mit etwas Glück alleine atmen und mit den Augen blinzeln.<< >>Hmm...<< war alles was ich dazu sagen konnte.>>Nimmt dich das mit?<<>>Ja schon.<<>>Dann tut es mir sehr leid. Sollte er tatsächlich noch aus dem Koma erwachen, wird er nie mehr derselbe sein.<<

Er wachte nicht mehr auf und am Dienstagmorgen wurden die Geräte abgestellt. Das wars also. Ich erfuhr es natürlich wieder im sozialen Netzwerk. Als ich die klagenden Kommentare las war es auch um mich geschehen. Ich heulte Rotz und Wasser. Ich wusste nicht was ich tun soll. Das erstmal in meinem Leben bin ich mit dem Tod konfrontiert worden. Mit seiner Unnachgibigkeit und seiner Grausamkeit. Ich wollte das mich jemand tröstet. Ich wollte von jemandem getröstet werden der ihn auch kannte und mit dem ich gemeinsam trauern konnte. Und da gab es nur einen Menschen. Die erste Person an die ich dachte, als ich vom Unfall hörte und die erste an die ich dachte als ich erfuhr, wen es da erwischt hat: Mr. X. Sagen wir der einfachheitshalber mein Ex-Freund. Die zwei Männer waren in den letzten Monaten wie Pech und Schwefel, hat man den einen gesehen, konnte der andere nicht weit sein. Ich wollte mich nicht bei Mr. X melden, denn ich wusste, dass die halbe Stadt ihn mit Fragen bombardiert. Aber er war nun einmal meine einzige Verbindung und die einzige Person, dessen Nähe ich gerade wollte. Das das ein einseitiges Gefühl ist, machte die Sache nicht einfacher. Wir schrieben, aber sahen uns erst ein paar Tage später auf der Beerdigung. Ein  furchtbarer Tag. Ich dachte ich gehe dahin, erweise meinem Bekannten die letzte Ehre und verschwinde wieder. Mir war natürlich klar, dass er nach muslimischen Ritus beigesetzt wird, die Unterschiede jedoch nicht.Es war ein bitterkalter Dezembermorgen. Ich betrat den Vorhof zur Moschee und stand zwischen unzähligen Männern. Weit und breit keine einzige Frau. Weit und breit kein bekanntes Gesicht. Ich war alleine und vollkommen fehl am Platze. Irgendwann kam Mr. X mit zwei Freunden. Die einzigen deutschen Gesichter und die einzigen die in angemessener Kleidung erschienen. Ich war so erleichtert als ich die drei sah und da ich niemanden kannte, hängte ich mich natürlich an die drei. Irgendwann gingen alle Männer in den Gebetsraum und ich wurde nach oben zu den Frauen geschickt. Es gab keine letzte Bank in der ich mich verkriechen konnte, sondern nur einen mit Teppich ausgelegten, unbeheizten Raum in dem etwa 15 Frauen in ihren dicken Jacken verhüllt auf dem Boden saßen. Und ich mitten drin, nur zwei Meter entfernt von der Mutter und seiner Schwester. Ich verhüllte meine Haare unter meinem Schal, setzte mich in die letzte Ecke, zog die Knie unter mein Kinn und lauschte dem türkischen Gebet. Ich verstand kein Wort. Das einzige was ich wahrnahm waren die Wehlaute der Frauen und die Apathie der Mutter. Ich wollte weg. Es war so schrecklich kalt. Das Zimmer und die Atmosphäre. Nach unzähligen Minuten erhob sich der Frauentross und ich trabte unwissend hinterher. Ich hatte keine Ahnung was nun geschieht und verschwinden war schon lange nicht mehr möglich. Die Mutter vorangehend, schlürften die anderen langsam wieder die Treppe hinunter zum leeren Vorhof. 
>>Was passiert denn jetzt?<< fragt ich eine Frau die sowohl Deutsch als auch Türkisch sprach.>>Ihr könnt euch jetzt verabschieden?<<>>Was? Wie?<<
Darauf erhielt ich keine Antwort mehr, aber anhand der Geräusche die von ganz vorne zu mir hoch drangen machte sich eine unschöne Ahnung in mir breit.Draußen auf dem Vorhof wurde die Leiche offen, in einem weißen Leinentuch aufgebahrt. Das war zu viel. Ich wollte weg gehen, aber eine Frau schubste mich die ganze Zeit zum Sarg. Ich hatte hier nichts zu suchen. Die Mutter war am schreien. Er wirkte in seinem Sarg so zerbrechlich und klein wie ein Kind. Ich schlug mir die Hände vor die Augen und lief ans andere Ende des Vorhofes. Nachdem alle Frauen am Sarg vorbei gingen, kamen nun die Männer raus. Ich suchte mit meinen Augen nach Mr. X. Ich wollte so sehr einfach nur mal in den Arm genommen werden. Er kam als einer der letzten raus und als ich sein Gesicht sah und seinen Blick zum Sarg, begann ich erneut zu weinen. Wenn er litt, litt auch ich. Das war wie ein Gesetz. 
Ich wollte so unbedingt weg, aber ich wartete und hoffte auf eine Umarmung, die ich nicht bekam. Irgendwann ging er mit seinen Kumpels an mir vorbei. Seine Augen waren blutunterlaufen und ich roch aus zwei Metern Entfernung, dass er vermutlich die letzten Nächte seine Gedanken in Alkohol ertränkt hat.Er blieb kurz stehen um sich zu verabschieden und verschwand anschließend um die nächste Ecke.Ich setzte mich ins Auto und hatte einen sehr unschönen Esskick. 
Am Abend darauf schrieb er mir und am nächsten Morgen ging es weiter. Er war wach, alleine und betrunken. Wahrscheinlich ging das schon die ganze Woche so. Den Drang ihn nach ihm war nicht in Worte zu fassen. Am liebsten wäre ich zu ihm gefahren. Ich hab ihn schrecklich gebraucht. Am Abend schrieben wir erneut. Es war klar worauf es hinaus lief. Er wollte abgelenkt werden mit Sex und ich wollte in seinen Arm. Wenn Sex der einzige Weg war, dann bitteschön. Wir verabredeten uns zu später Stunde in der Burg. Ich hatte keine Lust. Der Gedanke mich herzurichten und auf gut gelaunt zumachen wog Tonnen auf meinen Schultern, aber er war da, dass reichte mir.Ich ging mit ein paar Freunden hin, plauderte hin und wieder mit Mr. X und trank, damit es etwas leichter wird. Nach rund einer Stunde kam er zu mir und erklärte, dass es heut mit uns nichts werde. Einem guten Freund geht es schlecht und der pennt bei ihm. Ok. Schöne Scheiße! Ich lächelte und sagte, er solle sich keinen Kopf deswegen machen. Das wars dann also mit meinem Trost und ihm. 
Später in dieser Nacht stand ich in der Tür zum Keller und blickte suchend in die Menge. Er unterhielt sich mit ein paar Leuten und machte irgendwelche Faxen. Und während ich da stand, gestand ich mir zum ersten Mal ein was er mir bedeutet.Ich hatte ihn zu diesem Zeitpunkt vor über einem Jahr kennengelernt. Wir waren nicht lange zusammen und da ich wusste, das meine Gefühle die seinen überstiegen, machte ich grundsätzlich auf cool. Gegenüber ihm, meinen Freunden und mir. Ein bisschen verknallt, verliebt, Gefühle hier und da. Aber in dieser Nacht stand ich da und gestand mir ein, dass ich ihn heiß und innig Liebe. Ich liebe diesen Mann. Einmal zum Mond und wieder zurück. Scheiße! Und kurz nach dem mir dieser Gedanke durch den Kopf fuhr tauchten zwei Frauen neben mir auf, die sich über ihn unterhielten. Die eine fand ihn ganz süß und wollte ihn ansprechen und die andere machte ihr Mut. Ich erwachte aus meiner Trance und wurde starr vor Angst, als ich sah wie die blonde die Stufen zum Keller herabstieg und direkt auf ihn zu und bekam Panik, als er ihr den ersten Drink bestellte.Mir schoßen die Tränen in die Augen. Das ich betrunken und in Trauer war machte es nicht besser. Ich wollte da hinstürmen und sie wegschubsen. Irgendwas machen. Aber dazu hatte ich kein Recht. Wir waren schon lange nichts mehr. Und trotzdem, dort zu stehen und sich das anzusehen war purer Horror. Ich ging hin und versuchte ihn in ein Gespräch zu verwickeln. Ich weiß, keiner meiner glanzvollsten Momente. Im Gegenteil, ziemlich erbärmlich, aber ich war einfach verzweifelt.
Kurz darauf kam mein Kollege zu mir und fragte was nun ist, da er endlich los wolle. Mir blieb die Sprache weg, aber das war kein Problem. Mr. X antwortete: ,,Nimm die bloß mit!" 
In dem Moment bin ich wie ein Kartenhaus zusammengefallen. Ich holte meine Jacke und ging fassungslos die Stufen hoch zum Eingang. Die Tränen liefen mir heiß die Wange runter und als ich rausging und auf der anderen Straßenseite das Meer aus Blumen und Lichtern sah, war es völlig um mich geschehen. Ich ließ meine Freunde stehen und rannte zum Taxistand. Meine Welt war gerade untergegangen. Ich weinte und weinte und weinte und als Mr. X dann 15 Minuten später mit seiner neuen Errungenschaft an mir vorbei lief ohne mich eines Blickes zu würdigen, wusste ich das ich nichts bin.
Und so blieb mir nichts anderes übrig als zuzusehen, wie er flirtete, seinen Kollegen wegschickte und mit ihr nach Hause ging. Bitter...

Die Tage danach waren hart. Ich war in meiner Wut und Demütigung gefangen.Ich konnte nicht allein sein und hatte Probleme überhaupt in der Stadt zu sein. Ich wollte einfach nur ganz weit weg. Ich lernte zum Glück kurz danach Dänis kennen und der Mann tat mir einfach unwahrscheinlich gut. Die Zeit mit ihm war perfekt, aber irgendwann beendte ich das  mit uns und fiel in den Wochen danach in ein ziemlich tiefes Loch.
Dänis hätte mich nicht besser ablenken können, aber meine Probleme hat er nicht gelöst. Meine Haare fielen aus und wurden teils grau, meine Haut trocknete aus und ich nahm zu. Ich aß und aß und aß. Ich wurde immer unzufriedener und war vollkommen rastlos. Als ich ihn dann ein paar Wochen später mit ihr Hand in Hand und turtelnd durch die Stadt schlendern sah, war der Coup perfekt.

Seit der Nacht im Dezember sind rund 7 Monate vergangen und vor ein paar Wochen hab ich ihm dann zum ersten Mal wieder gegenüber gestanden. 


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