Depressionen

Ich fange ausdrücklich nicht mit dem Artikel an, der gerade - wieder und wieder zusammengekleistert aus ein und derselben Agenturmeldung - die Runde macht und mich zugegebenermaßen inspiriert hat, nämlich über eine Studie von Allianz und RWI. Ich fange mit dem hier an:

Psychologen prophezeien Japan ein posttraumatische Wachstum
auf ZEIT.de

Wir wundern uns und bewundern zugleich die zumindest oberflächlich zu besichtigende stoische Ruhe, mit der die Japaner die apokalyptischen Verheerungen ertragen und bewältigen, die sie im vergangenen Monat heimgesucht haben. Obgleich sie gleich zwei filmreife Weltuntergänge in Kombination erlebt haben und immer noch erleben, ist die Nüchternheit zwischen Nachbeben und täglich neuen Hiobsbotschaften aus dem havarierten ALW bestechend.

Das hat sicherlich was zu tun mit der japanischen Kultur, in der, sehr verkürzt gesagt, Hysterie an sich unschicklich ist. Vor Kameras in nur allzu menschliche Emotionen auszubrechen wäre ein Fauxpas, als würden wir hierzulande splitternackt zwischen den Trümmern herumturnen. Und dann ist da natürlich die japanischen Geschichte, in der so ziemlich alles, was wir nur aus Hollywood-Verfilmungen kennen, schon mal bittere Realität geworden ist, sogar und weltweit einzigartig "The Day after".

Wobei uns die Bilder ja nicht völlig fremd sind, auch wenn wir sie nur noch aus dem Geschichtsbuch kennen.

trümmer

Die deutschen Trümmerfrauen sind keine beliebte Legende, obwohl seinerzeit durchaus bewundert; erinnern sie uns doch in erster Linie an ein Kapitel unserer Geschichte, das wir ganz gerne vergessen würden.

Wenn es aber zu Depressionen kommt, und das ist ja mein eigentliches Thema, dann hört man häufig davon: Wir haben einen ganzen Krieg mitgemacht und sind auch nicht depressiv geworden. Wir haben gehungert. Tod, Elend, danach Ruinen und Besatzung, und wir haben die Ärmel hochgekrempelt und gearbeitet, und seht Euch jetzt mal um. Über Jahrzehnte wurden jene, die unter ihrem eigenen Leben zusammenbrachen, an ihrer Vergangenheit, an ihrer Zukunft, gerne mit diesem finalen Totschlagargument gegeißelt: Schau mal, was wir durchlitten haben und wie gut es Dir dazu im Vergleich geht. Japan hilft denen, die so denken, ungemein, zu besichtigen auch in den Kommentaren dort:

Ob man sich einer posttraumatischen Belastungsstörung, oder einem posttraumatischen Wachstum zuwendet, ist auch zu einem guten Teil eine Willensentscheidung.

Ist es nicht.

Das sieht man an einem Wort, vielleicht ist es Ihnen ja aufgefallen. Das hatten Japan und Deutschland, das hatten alle kriegszerrütteten Nationen gemeinsam, das hat Japan jetzt auch wieder. Und dieses Wort ist "Wir". Wir haben den Krieg durchgemacht. Wir haben im Bombenkeller gesessen. Wir haben unsere Angehörigen verloren. Wir wußten nicht mehr wie es weitergeht. Wir haben angefangen, alles wieder aufzubauen.

Es fällt trotzdem schwer, diese Zeit als das zu begreifen, was sie auch war: Ein Gemeinschaftserlebnis. Und sie deswegen nicht gleichzusetzen mit dem, was Depressionen sind, auch wenn sie mittlerweile zur Volkskrankheit stilisiert wurden und die Zahl der Betroffenen in die Millionen geht: Einzelschicksale. Einsam. Allein. Individuell. Und nicht zuletzt deswegen so schwer zu überwinden, weil da draussen Millionen rumlaufen und so stark sind, so fleissig, so unerschütterlich, sogar im Krieg, sogar danach.

Das sieht man auch an der Zahl, die in dem eingangs erwähnten Bericht betont wird, man sieht es sogar noch mehr daran, wie sie betont wird:

Depressionen verursachen nach Angaben von Forschern jährlich einen volkswirtschaftlichen Schaden von bis zu 22 Milliarden Euro.

und

Am teuersten aber seien nicht Behandlungskosten und Fehlzeiten, sondern die Minderleistung von Mitarbeitern, die ausgebrannt und depressiv seien und dies verheimlichten. "Mit 9,3 Milliarden Euro der größte Kostenblock ist darauf zurückzuführen - das war die überraschende Erkenntnis der Studie“

so steht das auf Welt.de

Der Wert von Menschenleben ist ja nicht erst seit heute eine Größe, die man in Euro messen kann, der sogenannte "Volkswirtschaftliche Wert". Ich schreibe das ausnahmsweise mal nicht, um daran zu verzweifeln, sondern weil die Leute mittlerweile ja genau so von sich selbst denken.

Mein Haus, mein Auto, mein Boot - das sind nicht nur einfach Statussymbole, das sind mittlerweile Zertifikate, dass Du eine Existenzberechtigung hast. Du bist vielleicht nicht Deutschland, aber Du schaffst es auch nicht ab. Du bist jeden Tag draussen an der Front,und wenn Du schon keine Reichtümer mit nach Hause bringst, dann doch zumindest Verletztenabzeichen. Kreislauferkrankungen. Erodierende Gelenke. Chronische Schmerzen. Was uns nicht umbringt, macht uns härter. Und dabei schnallen wir noch den Gürtel enger. Auf Partys zeigen wir unsere Narben und führen uns unsere mittlerweile zum Grundnahrungsmittel gewordenen Medikamente vor wie seinerzeit eisernes und Mutter-Kreuz. Wehe dem Arzt, der zugegen ist und öffentlich bescheinigen kann: Wir gehören dazu, und sei es auf Krücken, nicht wahr, Frau Merkel?

Dafür ist natürlich kein Mensch gemacht. Vor allem kann aber systembedingt auch nicht mehr jeder mitspielen. Gleichzeitig gibt es aber immer weniger Ausreden, nicht mitzuspielen. Tatsächlich bist Du in dem Moment, in dem Du - aus welchem Grund auch immer - nicht mehr mitspielen kannst, allein. Draussen. Wertlos. Eine Belastung. Ein Desserteur. Eine tragische Figur, am Pranger der Gesellschaft, Futter für die Propaganda der Generäle in OHKs wie der Bundesbank. Nicht nur zum Existenzminimum verdammt, sondern bereits beim Erwachen konfrontiert mit der allgemeingültigen Wahrheit: Du hast keinen Platz. Du gehörst nicht dazu. Du bist wertlos, sie haben es ausgerechnet und aufgeschrieben, ein nutzloser Fresser, ein Versager nicht nur an Dir selbst, sondern am ganzen Land.

Da springt man doch motiviert aus dem Bett, nicht wahr? Und so will keiner enden. Getrieben vom letzten verbliebenen Ehrenkodex beissen wir uns durch alles durch, Schicksalsschläge, Verrat, Betrug, Liebeskummer, Einsamkeit, Lügen, getrieben von zerbrochenen Träumen und mit dem irren Ziel, so gesund so alt zu werden, dass wir uns endlich mal ausruhen können. Tagtäglich lesen wir, dass diese Hürde immer höher gesteckt wird, und natürlich auch, wie wenig Anerkennung jene erfahren, die es bis dahin geschafft haben. Auch Rentner sind eine beliebte Zielgruppe des Volkszorns, und dass häufig vom Armutsrisiko im Alter die Rolle ist, macht Rentner nicht beliebter und die Aussichten nicht besser.

Es ist der absolut perfekte Nährboden eben nicht nur für körperlichen Verschleiß, sondern auch seelischen. Tatsächlich haben Arbeitnehmer für jede Tonne körperlicher Belastungen, die sie in den letzten Jahrzehnten losgeworden sind, mindestens eine Tonne seelischer Belastungen aufgebürdet bekommen. Dazu eine technische Revolution, die Sie mit Arbeitsgerät konfrontiert, das an guten Tagen kompliziert ist und an schlechten Tagen mit bewundernswerter Unlogik das Gegenteil von dem tut, was es soll. Sie müssen alles managen, wo Sie früher gelebt haben, Ihre Privatleben, Ihre Familie, wo sonst ab und zu das Telefon störte, haben Sie jetzt permanent Handy, Email und Pager zu organisieren, Sie sind professionelle Netzwerker, mit Bekannten, Freunden, Verwandten und Angehörigen, und das heißt nicht ohne Grund "Netz".

Wer Pause macht, verliert. Wer innehält, hört automatisch auf, zu funktionieren. Meckern? Klagen? Garnicht gern gesehen. Ausgerechnet dann, wenn Sie wirklich Hilfe brauchen, sind Sie geradezu auf einen Schlag allein, trotz aller Netzwerke, und das nicht mal, weil da draussen nur böse Menschen sind, sondern weil Sie selbst um Ihren volkswirtschaftlichen Wert fürchten.

Dass sich Tragödien, die seit Jahrtausenden alltäglich sind, zu Krankheiten auswachsen können, an denen geschätzt 14.000 Menschen allein hierzulande jedes Jahr sterben, hat ganz viel damit zu tun, dass Sie die Legende glauben, jeder könnte alles allein schaffen, und dass jeder, der Hilfe braucht, schwach ist. In Ihrem persönlichen Krieg, in dem keine Bomben fallen, sondern Kündigungsschreiben, in Ihrem persönlichen Minenfeld aus Pflicht, Disziplin, Rechnungen und Hyptotheken, sind Sie so allein, wie es ein Mensch nur sein kann, weil darüber zu reden nur dann schicklich ist, wenn Sie herausstellen, wie bewundernswert Sie das alles managen und jonglieren.

Dass Sie nicht nur im Weltraum keiner schreien hört, sondern auch am Arbeitsplatz, im Berufsverkehr, am Schreibtisch und am Fließband, darüber spricht man nicht. Dass Sie keine Kraft mehr haben, weil Ihnen das Leben auch sonst übel mitspielt, oder schon mitgespielt hat, manchmal eine ganze Kindheit lang, manchmal auch nur eine unüberlegte Nacht, das macht sich auf Partys ganz schlecht, das schreibt man nicht in eine SMS, sowas mailt man nicht an seine facebook-Gemeinde, da gehört nur der Spaß rein, den man hat, die Erfolge, die man verzeichnet, und wie schwer es einem andere machen, und man läßt sich trotzdem nicht unterkriegen.

Und das ist ja auch das Erfolgsgeheimnis von Depressionen: Damit sich was ändert, müssen Sie sich ändern. In diesem Fall nicht Ihre Ernährung, sondern Ihr Bild von sich selbst und auf Ihr Leben. Und nichts ist schwerer, in einer tanzenden Masse einer sein, der sich nicht bewegt, in einer rennenden Meute stehen bleiben, wenn alle zum Himmel sehen auf dem Boden bleiben, sich die Zeit gönnen, die man nicht hat und Trauer genießen, Verluste auskosten, Mißerfolge feiern... kurzum: Das Gute sehen, wo alle um Sie herum das Schlechte sehen, das meinetwegen auch nur zu einem Zehntel gefüllte Glas und das sein, wovor wir uns am meisten fürchten in unserer ach so freien Gesellschaft: Anders. Zumindest so lange, wie es nötig ist.

Auf jeden Regen folgt Sonne, ich glaube, das kommt sogar aus Japan, irgendwo JWD auf jeden Fall. So gehen wir auch mit unserem Leben um: Als ob Regen nicht auch was Gutes sein könnte. Und als ob Sonne nicht auch manchmal ganzschön übel ist. Und als ob wir bei Regen nur einfach weiterrennen müssen, um wieder in die Sonne zu kommen, die wir dann meist schon deswegen nicht genießen können, weil wir völlig außer Atem sind. Nichts hätte einen Wert, würde das Gegenteil davon nicht existieren. Sogar in der Volkswirtschaft.

Und jetzt sind wir auf dem richtigen Level für das Wetter.