Denn sie wissen nicht, was sie tun

Denn sie wissen nicht, was sie tun

Ein Land ist aus dem Häuschen, gebannt von einem Wunder, das es so noch nie gab. Fernsehsender berichten live, Agenturen kabeln Eil-Meldungen herum, Wissenschaftler sind beeindruckt, die Qualitätspresse ist verzückt. Das Tentakel-Orakel Paul aus dem Oberhausener Aquarium sagt ein ums andere deutsche WM-Spiel richtig voraus: Sechsmal lag der wirbellose Weise bereits richtig.
Schon kommen die ersten Vorschläge, die nächste teure WM einfach ausfallen zu lassen - Paul könne den Weltmeister ja klimafreundlich aus seinem Becken heraus bestimmen. Pieter Moree vom Max-Planck-Institut für Mathematik in Bonn beschreibt die unglaubliche Leistung des Kraken im Biologie-Fachmagazin Bild: „Nach dem sechsten Spiel lag die Wahrscheinlichkeit bei 1/64. Das heißt, dass sich bei einer Umfrage unter 64 Menschen 63 davon beim Ergebnis geirrt hätten.“
Paul irrt nie, weil Paul immer richtig liegt. Sonst nämlich gäbe es ihn gar nicht mehr, zumindest nicht als Medienphänomen.
Dann hieße Paul vielleicht Krallenäffchen Anton (Bild oben) und säße in einem Käfig im Chemnitzer Zoo, oder er wäre der Stachelschweineber Leon, der Kater Poldi aus Kassel oder die Lippenbärdame Renate - nur eine Auswahl aus zahllosen fußballfernen Geschöpfen, die noch vor dem ersten Anpfiff in Südafrika von ihren Pflegern und marketinggeilen Zoodirektoren ausersehen waren, den Ausgang der Spiele der Weltmeisterschaft vorauszusagen. Renate aber, die nicht mehr wusste, als dass zwei Melonen vor ihr lagen, entschied sich für Argentinien und lag damit ebenso falsch wie Krallenäffchen Anton, das den Deutschen schon eine Niederlage gegen Ghana prophezeite, oder der Kraken-Orakel Armstrong aus Hannover, dessen "sehr gute Quote" beim Tippen irgendwann einfach zu Ende war.
Von ihnen allen hat man, das ist das Los aller Orakel, die versagen, anschließend nie mehr etwas gehört. Was auch Pauls traumhafte Tippsicherheit erklärt: Die Tiere wissen nicht, was sie tun. Tun es aber nur genügend viele, muss am Ende eines dabei sein, das immer richtig liegt. Wir sprechen zwar verschiedene Sprachen. Meinen aber etwas völlig anderes.