Denn Käse ist nicht gleich Käse

Johannes Lingenhel ist in der Kulinarik-Szene kein Unbekannter. Immerhin war er fast 20 Jahre lang für das Delikatessengeschäft Pöhl am Naschmarkt als Geschäftsführer tätig. Mitte Juni eröffnete der Feinkost-Experte sein neues Imperium in einem Biedermeierhaus auf der Landstraßer Hauptstraße. Feinkostladen, Restaurant, Weinbar und – das Highlight: sogar Wiens erste Stadtkäserei – alles unter einem Dach. Gemeinsam mit Wasserbüffelzüchter und Käseexperte Robert Paget stellt Lingenhel – so wie der Chef heißt dieses Lokal übrigens auch – nun vor den Augen der Besucher Käse her, nur durch eine Glasscheibe abgetrennt. Paget kommt dabei zweimal pro Woche nach Wien, um mit dem Neo-Lokalbesitzer gemeinsam zu mozzen. So wird von den beiden der Vorgang genannt, wenn sie aus Büffelmilch frischen Mozzarella herstellen.

In dem rund 250 Jahre alten denkmalgeschützten Haus ist während des Umbaus kaum ein Stein auf dem anderen geblieben. Es stand lange Zeit leer und beherbergte zuletzt eine Videothek. Um die hygienischen Anforderungen einer Käserei zu erfüllen, wurde eine Hygieneschleuse integriert. Die Innenraumgestaltung übernahm das Destilat Design Studio. Den Restaurantbereich und die Schaukäserei schmücken ein riesiger Tisch mit rohen Holzbalken, zwei minimalistische Luster aus Draht und antike Pferdetränken. All diese hübschen Interieurstücke bilden einen Gegensatz zur sehr sterilen Käserei (eh klar, dort muss es steril sein).

Der Fokus im Lingenhel liegt also klar bei Käse und Milchprodukten. Die gut gefüllte Theke ist ein Paradies für Käseliebhaber, es finden sich an die 120 nationale sowie internationale Sorten, aber auch verschiedene Prosciutto-Varianten, Salami, Antipasti und andere Delikatessen.

Für so viel Käse braucht man natürlich auch Milch, viel Milch. Um die 400 Liter Büffelmilch werden jede Woche aus Bergamo angeliefert, die Besitzer der hiesigen Büffelfarm kennt Johannes Lingenhel persönlich. So ganz regional und nachhaltig ist das natürlich nicht, die Milch aus Italien zu importieren. Doch ob des Mangels an artgerecht gehaltenen Wasserbüffeln in Österreich bleibt wohl kaum eine andere Möglichkeit, auch wenn die eigens angelieferte Büffelmilch alles andere als günstig ist. Weil er trotzdem regionale Milch verwenden und mit diversen Geschmäckern experimentieren will, wird Lingenhel viele seiner Käsesorten mit Bio-Ziegenmilch mischen. Diese Milch aus dem Waldviertel und die angelieferte Büffelmilch werden vom Lingenhel-Team zu frischestem Frischkäse, Joghurt, Camembert, Mozzarella und cremigem Burrata verarbeitet.

Im hauseigenen Restaurant ist Daniel Hoffmeister Küchenchef, der zuvor etwa im Hangar 7 und im Motto am Fluss war. Er wird hier naturgemäß eine milch- und käselastige Speisekarte anbieten und mit Produkten aus den besten Manufakturen Europas, dem hausgemachten Käse und marktfrischen Zutaten der Saison kochen. Auf der Speisekarte steht beispielsweise Spinatsuppe mit Stundenei und Knusperspeck (€ 6), Risotto mit Petersilie, Champignons und Schwarzbrot (€ 14), über Heu geräucherte Hendlbrust mit Sellerie, Schmorzwiebeln und Buchweizen (€ 18) oder Schweinebauch mit Pulpo, Melanzani und Jungzwiebeln (€ 22). Hmmm… da kriegt auch der, der kein sonderlicher Käsefreund ist, Appetit auf mehr. Nachspeisen gibt’s auch ein paar: geräuchertes Molkeeis auf Ricotta mit Dille (€ 7) oder extra cremige Creme Catalana mit Honigmelone und Feige (€ 8). Ja, da wird schon recht Vieles, das das Gourmetherz höher schlagen lässt, abgedeckt.

Die Weinbar kann mit über 140 Weinen aus Österreich aufwarten. Viele davon gibt’s auch glasweise zu probieren. Frühstück – auch eine genüssliche Sache im Lingenhel – wird bis 11:30 serviert, die kleine aber feine Auswahl spricht für sich: Bio-Stundenei mit Knusperspeck, Rührei mit Kaviarbutter und Brunnenkresse, Ziegenmilch-Joghurt mit Früchten und Minze und noch ein paar weitere Schmankerl.

Einmal im Monat werden Käsekurse stattfinden, der Gastgarten für noch mehr Genuss im Freien ist für nächsten Sommer geplant und wer weiß, was Johannes Lingenhel noch so alles vorhat, mit den käsehungrigen Wienern. Wir dürfen jedenfalls gespannt bleiben!

Fazit:

Das Lingenhel ist definitiv ein neuer Platz für Genießer. Ein Ort wo Qualität ganz oben steht. Das hat zwar ihren Preis, doch das verzeiht das Geldbörserl spätestens dann wieder, wenn wir gekauften Käse zuhause auspacken und jedes Stück davon genießen. Bravo!

Lingenhel

Landstraßer Hauptstraße 74

1030 Wien

Tel. 01/710 15 66 40

www.lingenhel.com

Geöffnet: Montag bis Samstag 08-22 Uhr