Denkmal und Namen

Seit sechs Jahren warte ich darauf, dass ich für Yad Vaschem arbeiten darf. Inzwischen ist es soweit und seit drei Wochen mache ich dort auch dasselbe:

Der Mario, der hats weit gebracht. Seite 7 im Osttiroler Lokalblatt!

Der Mario, der hats weit gebracht. Seite 7 im Osttiroler Lokalblatt!

Akten nummerieren.

Ich weiß, das hört sich unheimlich spannend an. Ist es auch. Hin und wieder ist es dann glücklicherweise möglich, die zu nummerierenden Akten auch zu lesen – und das ist dann das wirklich Interessante dabei.

Die „richtige“ Arbeit, der ich im Großteil des Jahres nachgehe erlerne ich kommende Woche, da es erst dann zu einer richtigen Einführung kommt, aber Akten paginieren hat manchmal auch etwas für sich.

Bis dato habe ich immer nur davon geschrieben, was ich selbst so in Jerusalem treibe, wo es mich hinverschlägt, aber heute möchte ich einmal davon schreiben, was sich so im Archiv tut.
Einmal wurde ich gefragt, wozu diese Arbeit denn nach Israel ausgelagert werden muss. Das alles könnte doch ganz bequem in Österreich und Deutschland gemacht werden. Historisch gesehen sollte alles dort gemacht werden, praktisch wird ein Teil davon dort bearbeitet, de facto hat sich in den acht Jahren NS-Regime ein beträchtlicher Haufen Akten zusammengesammelt. Was in den Kartons liegen sind aber nicht nur „ein paar Akten“, sonden so ziemlich alles, was irgendwie mit dem Holocaust in Verbindung gebracht wird.

Wie ich gehört habe, warten im Archiv noch etwa 5km unbearbeitete Dokumente…

Einige Beispiele:

  • Zeitungsartikel aus der DDR über Sondersitzungen in der Volkskammer betreffend Opfer des Nationalsozialismus
  • Eingezogene Pässe des Österreichischen Konsulats in Schanghai aus dem Jahr 1938
  • Bücher von Holocaustüberlebenden (Teilweise Selbstverlag)
  • Broschüren kleinerer Gemeinden aus Deutschland, die ehemalige Bürger in den 80ern eingeladen haben
Akten über die Auschwitz-Prozesse

Akten über die Auschwitz-Prozesse

Einen spannenden Teil der Sammlung machen die Auschwitz-Prozesse aus.

Meiner Meinung nach sind sie besonders interessant, zeigen aber auch, wie sehr sich der Rechtsnachfolger des Dritten Reiches um die Opfer gekümmert hat – im Guten wie im Schlechten.

Allerdings stammen sie fast ausschließlich aus den Jahren 1958/59 – zumindest die, die ich in Händen gehalten habe. Es wird darin nach den Namen der Mörder in Auschwitz gefragt, nach den Handlungen dieser und nach den persönlichen Erlebnissen der Überlebenden.

Großteils war ich überrascht, wie gut sich die Betroffenen an alles erinnern konnten… bzw. mussten.

Einen dieser Berichte habe ich ausgewählt und möchte sie auch hier publizieren. Ganz offen will ich detailliertere Informationen nicht schreiben, da es ggf. Probleme mit dem Datenschutz geben könnte.

Protokoll:

Im Mai 1944 wurde Emma I. nach Auschwitz deportiert, da sie Juden in ihrer Verwandschaft hatte. Sie selbst ist zwar seit sie auf der Welt ist evangelisch, jedoch hat dies die Gestapo nicht von der Inhaftierung abgehalten. Nach der Ankunft selektiert man ihre Gruppe und sie muss feststellen, dass in ihrer Gruppe großteils ältere Menschen sind. Sie und ihre Freundin wenden sich an einen SSler und erzählen ihm, dass sie nicht ins Gas wollen, da sie doch arbeitsfähig und arbeitswillig sind.

In einer anderen Akte konnte ich lesen, dass ein Arbeiter ins Gas gehen sollte, weil er angeblich krank war. Auch wenn es ihm nicht direkt gesagt wurde wusste er, wie es weitergehen würde – jeder in Auschwitz hat gewusst, dass es dort Gaskammern gibt und wofür sie gut waren – und er beklagt sich einem der umstehenden Wachen, er wäre doch noch arbeitsfähig.

Daraufhin… wurde er auf der Stelle erschossen.

Emmi und ihre Freundin schienen mehr „Glück“ gehabt zu haben, der SSler versicherte ihnen, es gäbe natürlich keine Gaskammern und hat sie nach neuerlicher Selektion in die arbeitsfähige Kolonne verfrachtet.

Einige der Frauen in den Baracken waren zu dieser Zeit schwanger und konnten ihre Kinder trotz der mieserablen zur Welt bringen.

Sobald die SS im Lager das mitbekommen brachte man sie unter Druck:
Wenn sie das Kind behalten würden – so müssten sie in die Gaskammer.

Die einzige Rettung wäre – das Kind selbst umzubringen. Eine bestialischere „Wahl“ gibt es nicht. Eine Frau wurde derart genötigt, dass sie ihr eigenes Kind selbst umgebracht hat.

Kurze Zeit später wurde sie wegen dieses Mordes erschossen.

Eine andere Geschichte ist die des Mannes, der Rassenlehre studiert hat.

Man sieht häufig auf Fotos aus jener Zeit, dass die Juden diesen störenden gelben Stern tragen mussten. Da man dadurch im wahrsten Sinne des Wortes „gebrandmarkt“ war gab es einige Strategien ihn zu verstecken, um ihn ggf. wieder „auftauchen“ zu lassen.
Es war Menschen, die dem Regime nicht gepasst haben schon verboten, öffentliche Verkehrsmittel zu verwenden, der Verzicht darauf war aber selbstverständlich mit großen Nachteilen verbunden.
Eine Jüdin hat den Stern dadurch „verschwinden“ lassen, indem sie eine Aktentasche genau an dieser Stelle getragen hat – so ist sie in einen Bus gekommen und las ein Buch. Plötzlich setzt sich neben sie ein als „schmierig“ und „fett“ beschriebener Kerl, an dessen Fingern sie recht viele Ringe mit Juwelen sehen konnte.

Nachdem er sich gesetzt hatte sagte er beiläufig, aber laut genug, er könne einen Juden sofort erkennen. Fast schon riechen. Und zeigte daraufhin seinen Gestapo-Ausweis. Er habe Rassenlehre studiert und wisse genau, wie er einen Juden sofort identifizieren könne.

Da sie vorher gelesen hatte tat sie so, als würde sie weiterlesen und versuchte ihn zu ignorieren. Ihre Angst war unbeschreiblich. Hatte er sie wirklich erkannt? Eine Bewegung zuviel und die Aktentasche würde verrutschen und sie wäre enttarnt. Vielleicht bluffte er nur.

Nachdem einige Sekunden vergangen waren – wie viel Zeit tatsächlich verging kann ich nicht abschätzen – in solchen Momenten beliebt es die Zeit nicht zu vergehen wie sonst – fragte er sie höflich, ob sie bald in einer bestimmten Straße wären. Nächste Station antwortete sie.

„Halt!“ rief plötzlich ein Passagier aus der hinteren Reihe.

„Übernächste Station“

Der Herr der Rassenlehre bedankte sich und ging seines Weges.

Zwei Dinge sind in dieser Geschichte etwas merkwürdig: Der Mann von der Gestapo sah laut dem Bericht genauso aus, wie man es auf den Karikaturen der damaligen Zeit sah. Allerdings nicht auf den Karikaturen, die Gestapo-Männer zeigten, sondern auf denen man sah wie die Nazis die Juden darzustellen pflegten…
Dass man jemandem seine Religion durch sein Aussehen ansieht ist natürlich kompletter Schwachsinn. Interessant dabei ist, dass in diesem Fall die Gestapo genaus aussah, wie sie die Juden zu denunzieren versuchten.

Die andere Sache ist schon Marko Feingold, dem Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg aufgefallen: Nazis konnten Juden nur durch den gelben Stern „erkennen“, komischerweise sahen sie ohne Stern aus wie gewöhnliche Menschen…

Eine Geschichte zum Abschluss soll noch einmal zeigen, dass auch zur damaligen Zeit (glücklicherweise!) nicht alle Menschen die Nazi-Ideologie übernommen hatten – und möglicherweise auch, dass alles nicht so ist, wie es scheint.

Eine Geschichte in zwei Blickwinkeln:

Sicht der Kunden auf einem Markt:
Auf den lokalen Märkten gab es aufgrund der Lebensmittelknappheit noch öfters etwas zu ergattern. Auf einen hatte sich ein sehr stark zugerichteter – durch den gelben Stern erkennbarer – Jude begeben, um von einem Bauern vielleicht etwas zum Essen zu bekommen. Ein Bauer gibt ihm tatsächlich ein Wenig von seinem feilgebotenen Gemüse.
Kurze Zeit später macht sich ein anderer Herr – besser gekleidet und ebenfalls durch einen Stern gekennzeichnet – auf den Weg zum besagten Bauern, redet kurz mit ihm. Schießlich dreht dieser Bauer komplett durch und verdrischt den Mann, dass er wie ein Häufchen elend am Boden liegt. Einige Passanten, die die Kampfszene beobachtet hatten applaudieren.

Sicht einer Freundin des Bauern, der alles erzählt wurde:
Der erste Käufer war tatsächlich ein Jude, der froh war nach all den Boykotten endlich etwas zum Essen bekommen zu haben. Der Bauer hat seinen Stern „übersehen“, es gab ja keine Vorschrift jeden Kunden zu filzen.
Der Zweite war ein mit einem Judenstern getarnter Gestapo-Mann, der den Bauern anschwärzen wollte. Der Bauer wusste, dass die Menschen im Umkreis seinen Stern gesehen hatten (die Teile waren fast neongelb – kaum zu übersehen) und schlug ihn brutal zusammen, als er sein Büchlein ziehen wollte. Dass Gestapo-Mann „eindeutig“ jüdischer Herkunft war konnte natürlich jeder „sehen“ ;)


Filed under: Geschichte, Mario Schwaiger, Yad Vashem

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