Delirium Tremens

Delirium Tremens Nun hatte ich also eine Arbeit.
Als Bedienung im Schnellrestaurant eines Bahnhofes verdient man nicht wirklich viel. Bei mir waren es DM 8,40 brutto/Stunde. Damit konnte ich zwar noch keine Wohnung für die Kinder und mich finanzieren, aber ich konnte zumindest meine Eltern entlasten und meinen Beitrag zum Lebensunterhalt leisten. Das war mir sehr wichtig. Außerdem wollte ich auch Geld für den Umzug in die eigene Wohnung sparen, wenn es dann mal soweit sein sollte.
Wie gesagt, es war ein Anfang.
Während ich arbeitete, waren die Kinder bei meinen Eltern im Laden. Ich brachte sie nachmittags dahin. Wenn es die Zeit erlaubte, dann ging meine Mutter mit ihnen in den nahe gelegenen Schlossgarten auf den Spielplatz. An den Nachmittagen, an denen viel los war und sie zu zweit ihre Kundschaft bedienen mussten, engagierten sie immer meine Tante, damit die mit den Kindern an die frische Luft ging. Manchmal kamen sie mich dann im Restaurant besuchen.
Was hätte ich in dieser Zeit nur ohne meine Eltern gemacht. Erst durch ihre Hilfe war es mir möglich Schritt für Schritt voran zu kommen.
Ich hatte noch nie in meinem Leben als Bedienung gearbeitet. Durch die Arbeit im Schnellrestaurant weiß ich, was für ein schwerer und anstrengender Beruf das ist. Jeder, der diese Tätigkeit ausübt, hat meinen ganzen Respekt verdient! Stundenlang auf den Beinen zu sein, schwere Gläser und Teller heben, immer freundlich zu den nicht immer einfachen Gästen zu sein, das war kein Zuckerschlecken. Aber ich hielt durch und gewöhnte mich relativ schnell daran. Meine Beine schmerzten mir jeden Abend nach Feierabend, das hörte nie auf, das blieb mir bis zum letzten Arbeitstag.
Italo versuchte fast täglich, mich telefonisch zu erreichen, ich war aber immer noch nicht bereit, mit ihm zu reden. Nach ungefähr 5 Tagen stellte er seine Versuche ein. Er hatte begriffen, dass ich ihn vorerst nicht sprechen wollte. Doch er gab nicht auf. Etwa 10 Tage nachdem ich ihn verlassen hatte, bekam ich einen Anruf von seiner Schwester. Sie erzählte mir, dass Italo seit 5 Tagen in Deutschland war. Er war mir nachgereist, um mit mir zu reden und mich wieder zurück zu gewinnen. Um dieses Ziel auch zu erreichen hatte er - nachdem er 3 Tage nach meiner Flucht fast ununterbrochen getrunken hatte - mit dem Alkohol aufgehört. Er wollte mir beweisen, dass er es dieses Mal wahr machte und er in der Lage war, die Finger vom Alkohol zu lassen. Er wollte ein paar Tage abstinent sein, bevor er mich kontaktierte, damit ich den Beweis hatte, dass er es ernst meinte. Am fünften Tag seiner Abstinenz fiel er in ein lebensgefährliches Delirium Tremens. Er hatte Wahnvorstellungen, sah die Wände des Raumes, in dem er sich gerade aufhielt, auf sich zukommen und bekam Panikattacken. Er dachte, er würde von den Wänden zerquetscht werden. Er sah die berühmten weißen Mäuse. Er bekam Fieber, zusätzlich ein starkes Zittern, das er nicht kontrollieren konnte, sein Kreislauf spielte verrückt, sein Herz raste. Er war nicht ansprechbar, schlug in wilder Panik um sich.
Seine Familie wusste sich nicht zu helfen und rief den Notarzt. Damit retteten sie ihm das Leben. Der Notarzt konnte ihn mit einem Beruhigungsmittel ruhig stellen und brachte ihn sofort ins Krankenhaus. Dort wurde er auf die Intensivstation gelegt. Es stand nicht gut um ihn. Sein ganzer Körper und seine Psyche spielten komplett verrückt. Erst nach 3 Tagen war klar, dass er es schaffen würde. Seine Familie weinte an seinem Bett. Sie wussten um seine Alkoholprobleme, aber dass er so schwer alkoholkrank war, das hatten sie nicht bemerkt. Sie fragten sich nach dem Warum. Und kamen zu dem Schluss, dass ich daran schuld sein musste. Schließlich verließ Italo Deutschland, da ging es ihm noch einigermaßen gut. Erst nach der Zeit mit mir in Italien war er so schwer erkrankt. Da lag es für sie auf der Hand, dass ich die Ursache sein musste. Einer seiner Brüder schwor an Italo's Krankenbett Rache, sollte er sterben.
Italo überlebte. Nach 5 Tagen wurde er von der Intensivstation auf Normalstation verlegt und machte eine 3-wöchige Entgiftung. Diese wurde psychiatrisch begleitet. Ein paar Tage bevor Italo aus dem Krankenhaus entlassen werden sollte, rief mich die Psychiaterin an und bat mich um ein gemeinsames Gespräch zu dritt. Diese Bitte brachte mich total aus dem Gleichgewicht. Ich hatte Italo während seines gesamten Klinikaufenthaltes nicht besucht. Zuviel war zwischen uns passiert. Ich konnte und wollte ihn nicht sehen - auch nicht mit dem Wissen, dass es ihm sehr schlecht ging. Ich wahrte den Abstand zu ihm hartnäckig. Vielleicht wäre ich wieder eingebrochen, vielleicht hätte das Mitleid für ihn mich dazu gebracht, alles wieder rückgängig zu machen. Ich war einfach noch nicht stabil genug ihm gegenüber zu treten. Daher lehnte ich die Bitte der Psychiaterin ab. Offensichtlich hatte sie mit meiner Ablehnung nicht gerechnet und versuchte es weiter. Aber je mehr sie mich davon überzeugen wollte, wie wichtig dieses Treffen für Italo war, desto mehr lehnte ich mich dagegen auf. Irgendwann gab sie auf.
Noch nie zuvor hatte ich einem Menschen gegenüber so hart reagiert. Noch nie hatte ich so vehement nur auf mich geachtet und so konsequent gehandelt. Einerseits wusste ich, dass es richtig war. Andererseits ahnte ich, was ich Italo damit antat. Trotzdem! Ich blieb dabei!
Italo muss sehr, sehr enttäuscht gewesen sein. Er hatte Hoffnung gehabt. Hoffnung, dass er nun nach der Entgiftung sein Problem endlich im Griff haben würde und mich und die Kinder dadurch zurück gewinnen konnte. Meine Ablehnung nahm ihm unsanft diese Hoffnung. Es bestand die Gefahr, dass er dies zum Anlass nehmen würde, wieder mit dem Trinken anzufangen. Doch das tat er nicht.
Ich arbeitete bereits ca. 4 Wochen im Restaurant, da saß Italo eines Abends plötzlich an einer der U-Bars in dem Restaurant, in dem ich bediente. Ich war zu Tode erschrocken. Ich erkannte ihn kaum wieder. Sein Gesicht, das vorher vom Alkohol aufgedunsen wirkte, war plötzlich schmal geworden. Er hatte abgenommen, sein kleiner Bierbauch war verschwunden. Das Auffälligste waren seine Augen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sie durch mich hindurch schauten. Irgendwie schien er nicht richtig anwesend. Mir war das unheimlich.
Italo war freundlich und bestellte eine Cola. Er beobachtete mich, sprach aber kaum. Erst, als er aufstand um zu gehen, da sagte er mir, dass er gekommen war, um sich von mir zu verabschieden. Er musste wieder zurück nach Italien, die Arbeit rief. Verlegen und beinahe wortlos stand ich ihm gegenüber. Ich brachte nur noch "Gute Reise und alles Gute" heraus. Er nickte und lächelte mich an. Für einen kurzen Augenblick war er wieder der Italo, in den ich mich verliebt hatte. Für einen kurzen Augenblick vergaß ich, was zwischen uns passiert war.
Dann drehte er sich um und ging. Ziemlich aufgewühlt schaute ich ihm mit Tränen in den Augen nach.
Plötzlich fühlte ich mich sehr einsam.

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