Deine kalten Hände von HAN KANG

Deine kalten Hände von HAN KANGJang Unhyong ist Bildhauer. Er arbeitet ausschließlich mit Gips. Seine Plastiken entstehen aus der Abformung von Körpern. Anders als bei Totenmasken, nimmt Unhyong seine Abdrücke ausschließlich von lebenden Menschen. Seine Skulpturen sind beklemmend und seltsam.
Begegnet man ihm, dann wirkt er wie ein ganz gewöhnlicher, netter Mann. Ende dreißig, schlank und mit Lachfältchen. Doch blickt man tief in Unhyongs Augen, so entdeckt man dort etwas Unheimliches. Eine seiner Besonderheiten ist, dass er Schönheit dort sieht, wo niemand welche findet. Es sind die Aussenseiter, die ihn faszinieren: Als schön empfand ich, was mich elektrisierte … was ich als schön empfand, war für andere ungewöhnlich oder gar abnorm oder etwas, womit sie möglichst nicht in Kontakt kommen wollen (Seite 86).
So verliebt er sich in die zarten kleinen Hände des absolut übergewichtigen Mädchens L. Später wird ihn auch ihr Körper zutiefst faszinieren. Immer sind es eigentlich die Körper junger Männer und Frauen.
Nie aber kann Unhyong den gesamten Menschen lieben, es gelingt ihm einfach nicht. So erspart er sich zwar jede Menge Stress – wo keine Leidenschaft ist, kann kein Schmerz sein – doch er fühlt sich damit beinahe wie ein Alien. Und als das Mädchen L. ihn am Anfang ihrer Beziehung fragt, ob er pervers sei, verliert er komplett die Fassung. Dieses zwanzigjährige Mädchen hielt ihn für krank, weil er sie hübsch fand?! Das war bitter.

Vorerst aber lernen wir im Prolog eine junge Schriftstellerin kennen, die Unhyong einmal begegnet ist und die auch seine Gips-Skulpturen kennt. Sie erhält eines Tages ein geheimnisvolles Manuskript von Unhyongs Schwester, welche ihr in einem beigelegten Brief berichtet, dass Unhyong seit Monaten spurlos verschwunden sei. Zurückgeblieben sind lediglich seine Skulpturen und dieses Manuskript. Es trägt den Titel Ihre kalten Hände. Tagebuchartig beschreibt er darin sein Leben …

Sie wird dieses Tagebuch lesen, das von einer kalten Kindheit, einer herzlosen Mutter und den vielen Begegnungen mit exzessiven jungen Mädchen und Frauen erzählt. Meist leiden diese unter irgendeiner Art von Essstörung wie Magersucht, Bulimie oder Binge-Eating (Essstörung, bei der es zu regelrechten Fressattacken kommt). Han Kang erzählt darüber oft ganz feinfühlig, dann wieder so krass, dass ich den Atem anhalte. Hinter vielen Störungen versteckt sich oft ein ungeliebtes Kind. Dies macht den Text zu einem ganz und gar unvergesslichen Lese-Erlebnis. Jedes dieser Mädchen und auch Unhyong möchte ich umarmen. Mit viel Phantasie lässt die Autorin außerdem vor meinem inneren Auge all die Gipsplastiken erstehen. Extrem unförmige und ganz zarte Hüllen. In einer Welt der Sucht nach Jugend und Schönheit ist dies auch eine Geschichte zum Nachdenken über die eigene Vorstellung von Schönheit und Ästhetik. Vielleicht sage ich es einfach mit den Worten von Han Kang, denn genau so, wie ihr beim Schreiben, ging es mit beim Lesen dieses Romans:

Während der zwölfmonatigen Arbeit verging die Zeit in einem anderen Tempo. Der Roman, der in mir wohnte, veränderte mich. Er veränderte meinen Blick, meine Art zu hören und zu lieben. Still brachte er meine Seele an Orte, an denen sie noch nie gewesen war (Seite 312).

Erst im Epilog wird das Geheimnis um Unyong gelüftet und ich kann hier schon versprechen – es ist ein so stilles wie effektvolles Ende. Und es ist ein Ende, das mich dazu verleitet, diese hoch emotionale Story ein zweites und drittes Mal zu lesen. Tragisch-schön, bitter-zart.

Han Kang. Deine kalten Hände. Aus dem Koreanischen von Kyong-Hae Flügel. Aufbau Verlag. Berlin 2019. 311 Seiten. 22,- €


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