DEAD MAN WALKING von Jake Heggie in Erfurt – Todesstrafe auf der Opernbühne

Von Theaternomadin

Film ab! So lautet das Motto der aktuellen Spielzeit am Theater Erfurt. Daran wird man sich spätestens beim Besuch der aktuellen Produktion erinnern: Dead Man Walking. War das nicht dieser großartig bewegende Film mit Susan Sarandon und Sean Penn? Ganz genau. Und dieser Film von 1995 basiert auf dem Buch der Ordensschwester Helen Prejean, welche 1993 ihre Erfahrungen mit zum Tode Verurteilten in Buchform veröffentlichte. Prejean setzt sich nach wie vor für die Abschaffung der Todesstrafe ein. Es gibt aktuell in 93 Ländern eine gesetzlich geregelte Todesstrafe, wobei diese nicht in allen durchgeführt wird. Laut dem jüngsten Bericht von Amnesty International wurden 2017 die meisten Hinrichtungen in China, Iran, Saudi-Arabien, Irak und Pakistan vollstreckt. Aber auch in den USA gibt es immer noch staatlich sanktionierte Tötungen.

Dead Man Walking - Eine politische Oper

Das Thema Todesstrafe ist nicht nur auf juristischer und gesellschaftlicher Ebene hoch umstritten, sondern berührt auch existenzielle Fragestellungen nach Schuld und Vergebung, Rache und Gerechtigkeit, Liebe und Hass. Komponist Jake Heggie und Librettist Terrence McNally haben sich mit ihrer Oper also ein Thema vorgenommen, das für diese Kunstgattung mehr als prädestiniert erscheint. Für mich - und sicherlich für viele andere Besucher der Premiere auch - war es die erste Begegnung mit diesem Stück. Zur Vorbereitung hatte ich erst wenige Tage zuvor die Verfilmung gesehen. (Das Theater Erfurt hatte den Film bereits im Februar auf der Großen Bühne gezeigt.) Das Faszinierende am Film war für mich die facettenreiche Beziehung zwischen Nonne und Todeskandidat, welche sich zwischen professioneller Distanz, Intimität, Freundschaft, sexueller Spannung, Unverständnis und Liebe abspielte. Die Oper Dead Man Walking setzt ihren Schwerpunkt woanders, nämlich ganz klar auf Helen Prejean und ihren Leidensweg. Außerdem zeigt die Oper zu Beginn das Verbrechen und damit die Schuldhaftigkeit des Verurteilten. Im Film ist sein Geständnis kurz vor der Hinrichtung der Höhepunkt, da die Zuschauer bis dahin im Unklaren über den Tathergang gelassen wurden. Diese veränderte Dramaturgie der Oper habe ich als Defizit empfunden.

Raum ohne Ort

Das Bühnen- und Kostümbild von Hank Irwin Kittel verfolgt einen minimalistisch-futuristischen Ansatz. Weder Zeit noch Ort werden definiert, sodass eine Konzentration auf Handlung und Figuren möglich wird. Die reflektierenden und teilweise mit LEDs besetzten Flächen werden mit einem surreal farbigen Lichtdesign kombiniert. Das erzeugt Fremdheit und Abstraktion. Allerdings fühlte ich mich öfters von den sich ständig bewegenden Lichtreflexionen geblendet und gestört und konnte mir auch keinen inhaltlichen Mehrwert für diesen Effekt herleiten.

Bühnenpersonal im Rampenlicht

Wie ihr wisst, habe ich selbst ein paar Jahre lang als Regieassistentin am Theater Erfurt gearbeitet. Ich besitze also Insider-Wissen, an dem ich euch im Zusammenhang mit dieser sehr besonderen Inszenierung teilhaben lassen möchte. Regisseur Markus Weckesser lässt die Vorstellung mit einer typischen Probensituation beginnen. Wir sehen den echten Regieassistenten und Abendspielleiter des Abends Cristiano Fioravanti, der einer Sängerin Korrekturen gibt. Daneben sitzt die echte Souffleuse des Abends Tatjana Zeller, die eben auch bei jeder Probe dabei ist, um die Darsteller zu unterstützen und die eventuellen Problemstellen zu notieren. Im Verlauf der Vorstellung sehen wir noch weitere Mitarbeiter des Theater Erfurt, welche sonst nicht im Rampenlicht stehen: Bühnenmeister Ronald Genau, Leiter der Requisite Jan Beyer oder Vorarbeiter René Trautvetter gehen bei Dead Man Walking in gewohnter Professionalität ihren Aufgaben auf der Bühne nach. Das habe ich persönlich nicht nur als kleine Hommage an das großartige Backstage-Team des Theaters gesehen, sondern auch als sinnigen Ansatz für die Auseinandersetzung mit diesem hochemotionalen Thema, das vor allem in der Opernfassung oft die Gefahr des Kitsch birgt. So schüttet beispielsweise ein Requisiteur einen Eimer voll Kunstblut auf das ermordete Mädchen. Ein vollkommen nüchterner Vorgang, der diese grausame Tat abstrahiert und damit ertragbar macht. Leider ist dieser verfremdende Regie-Ansatz nicht ganz konsequent durchgeführt worden - in weiten Teilen gerät der Zuschauer dann doch in ein illusionistisches Theatererlebnis.

Oper vs. Film?

Die Oper Dead Man Walking hat mich persönlich nicht so sehr bewegt, wie ich es mir erhofft hatte. Vielleicht war mir der Film noch zu präsent und man sollte Oper und Kino nicht vergleichen? Aber das Theater Erfurt provoziert mit ihrem Spielzeitmotto ja genau das und gibt zu jedem Stück auch Filmempfehlungen ab. Diese und weitere Fragen kann man beim öffentlichen Nachgespräch am kommenden Sonntag, 31. März um 18:15 Uhr im Foyer des Theater Erfurt stellen. Hier stehen nicht nur Regisseur Markus Weckesser und Kammersänger Máté Sólyom-Nagy Rede und Antwort, sondern auch zwei Experten zu den Themen Todesstrafe und Moraltheorie.

Dead Man Walking. Oper in zwei Akten von Jake Heggie und Terrence McNally nach dem Buch von Sister Helen Prejean (UA San Francisco 2000)

Theater Erfurt
Musikalische Leitung: Chanmin Chung
Regie: Markus Weckesser
Ausstattung: Hank Irwin Kittel
Dramaturgie: Larissa Wieczorek

Besuchte Vorstellung: 23. März 2019 (Premiere)