"Dead Man Walking - Sein letzter Gang" / "Dead Man Walking" [USA 1995]


Wo Sidney Lumet in seinem (Debüt-)Meisterwerk "Die zwölf Geschworenen" bereits indirekt die Todesstrafe verhandelte und in letzter Konsequenz gegen sie argumentierte, argumentiert Tim Robbins weder für noch gegen sie, sondern in beide Richtungen. Sowohl Todesstrafenbefürworter als auch Todesstrafengegner bekommen auf dem Gang des Todes ihre Plattform, um sich wiederum für sie oder gegen sie auszusprechen. Das ist bemerkenswert, weil Robbins damit nicht moralisch indoktriniert oder mit dem schulmeisterlichen Zeigefinger winkt, er überlässt unentgeltliche Meinungen stattdessen derer, die ein Recht darauf haben, sie sich zu bilden – die Zuschauer, so ganz ohne manipulative Lenkung des Regisseurs im Hintergrund, ohne Polemik, intensiv, schonungslos, in einer fast spirituellen Dimension.
Robbins variiert objektiv immer wieder Opfer- und Täterperspektiven, Opfer- und Täterhandlungsstränge, Handlungsfetzen der einen und der anderen Seite, Erklärungen und Schicksale, Gründe und Zukunftsperspektiven, die Diskrepanz zwischen Zorn und Reue, und zeigt, dass Befürworter meist aus Hass und Zynismus mit Bibelzitaten des Alten Testaments emotional hantieren (und der Hass, das vermittelt die Schlussszene, wird zusammen mit dem Täter vergeblich begraben), zeigt, dass Gegner häufig mit dem Neuen Testament dagegenhalten, wonach die Menschenwürde über jedem Verbrechen steht, das begangen wurde, schon gar über Täter, die Verantwortung übernommen haben bis zur reinigenden Katharsis.
Selbst in der erschütternden Hinrichtung schneidet Robbins Schnipsel des Verbrechens in seiner ursprünglichen, jetzt wahrheitsgemäßen reinen (in Farbe visualisierten) Form hinein, um auch hier beide Gruppen der Todesstrafe intellektuell zu stimulieren. Es ist also dieses Analysieren beider Ebenen, die gleichermaßen Zeit beanspruchen, allerdings darauf abzielen, was Gegner und Befürworter in aller Regel ausblenden: dass die Medaille eine Kehrseite hat, der Diskurs Pro und Contra geführt werden sollte. "Dead Man Walking" studiert Pro und Contra mit der jeweils gleichen Energie. Und ist am stärksten, wenn zwei Parteien von ihren Vorurteilen entlarvt werden – die vermeintlich unbefleckte Nonne vor dem Gitter (engagiert: Susan Surandon), der vermeintlich mit brauner Ideologie verseuchte Mörder hinter ihnen (verletzlich bei allen zugefügten Verletzungen: Sean Penn).
In einer Szene muss sich Schwester Helen (Sarandon) rechtfertigen, weil sie es gewagt hatte, Matthew (Penn) anhand seiner Tattoos (darunter einige Hakenkreuze) vorschnell als schlechten Menschen zu beurteilen, was uns allen passiert. In einer anderen Szene muss sich Matthew für seinen Rassismus rechtfertigen, sodass schlussendlich feststeht, dass Matthews Rassismus aus Vorurteilen gegenüber Afroamerikanern und seiner Aversion gegenüber Faulen resultiert – eine regelrecht absurde Enthüllung eines Verblendeten. Solche Filme sind nicht schlecht, nicht gut, sind wichtig, nur wichtig. Toll, dass es sie gibt.  
7 | 10

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