Dawson - Inuvik: Blutzoll auf dem Dempster HWY

Um dies für andere potentielle Dempster-Ciclistas einfacher zu machen, habe ich diesen Bericht schön brav und systematisch in die einzelnen Tage aufgeteilt. 

1. Tag, Dawson City – Wolf Creek, Km-Marker 50, 92.89 km in 6:44 Stunden Die ersten gut 40 km auf dem Klondike HWY von Dawson zur Klondike River Lodge waren flach und verliefen ereignislos. Bei der Lodge liessen wir unsere Dempster Pässe stempeln. Die hatten wir in Dawson im Visitor Center erhalten und wenn man alle Stempel im Büchlein hat, kann man an einer Verlosung teilnehmen und einen Diamanten gewinnen. Nicht, dass wir an solches Glück glauben, aber Stempelchen sammeln macht Spass und der Pass wird gut als Souvenir dienen. 

Dawson - Inuvik: Blutzoll auf dem Dempster HWY

Beginn des Dempster Highways.


Nach der Abzweigung (unmittelbar nach der Lodge) waren noch rund 6 km asphaltiert, dann begann Schotter. Wobei der gar nicht so schlecht war, z.T. etwas loses Kies aber insgesamt ok. Links und rechts war alles grün, dichter Wald und Berge dahinter. Die Strasse führte mehr oder weniger dem West Klondike River entlang, wobei sich der aber unten im Tal seinen Weg suchte und von der Strasse kaum je sichtbar war. Der Verkehr war nicht allzu mühsam, Staub flog aber selbstverständlich jedes Mal wenn jemand vorbei fuhr obwohl die meisten eigentlich anständig waren und abbremsten. Trotzdem suchten wir für unsere Mittagspause einen Ort, wo wir von der Strasse weg konnten und fanden eine schlammige Liechtung, wo eine Art Bagger rumstand, der Ketten montiert hatte. Schlamm- an Stelle von Schneeketten? 
Ansonsten passierte nicht allzuviel im Laufe des Tages. Martina fand, es sähe aus wie zu Hause und fand die Sache darum nicht allzu speziell. Mir gefiel es gut, eben weil es aussah wie Martinas Zuhause und das Bünderland gefällt mir schliesslich auch. Am Nachmittag dachten wir dann irgendwann daran, Wasser zu tanken, damit wir campen konnten, wo wir wollten. Der Name Glacier Creek war vielversprechend, das Wasser dann aber eher nicht so hübsch. Da wir aber nicht riskieren wollten, kein Wasser zu haben, kletterten wir eben die steile Böschung hinunter und füllten unsere Flaschen. Nicht allzulange später kamen wir am Bensen Creek vorbei, der so schön hellblau war, wie man sich das eigentlich gewünscht hätte. Tja, Pech. Um 18 Uhr trafen wir einen Motorradfahrer, der in Dawson auf dem Zeltplatz neben uns gewohnt hatte. Er hatte es nicht bis nach Inuvik geschafft weil der MacKennzie River Hochwasser führte und die Fähre nicht fuhr (Dock weggeschwemmt). Was wohl auch der Grund für den mässigen Verkehr gewesen war. Er erwähnte den Wolf Creek, der sich etwa 2-3 km weiter vorne befinden sollte und einen guten Campspot abgeben würde. 

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Dempster HWY am ersten Tag.


In Realität waren es dann eher 8 km bis wir den Bach fanden, kurz nachdem wir die Grenze des Tombstone Territorial Parks passiert hatten. Dort standen auch ein paar Hütten, die unbewohnt aber abgeschlossen waren. Wir stellten unser Zelt quasi in den Vorgarten nach dem wir einen kurzen und bei uns schwachen Regenschauer abgewartet und die Regenbögen im Tal bewundert hatten. Natürlich flatterten da einige Moskitoes herum, allzu schlimm war es aber noch nicht. 
2. Tag, Km-M 50 – Km M 124 (Government Airport), 76.96 km in 5:48 Stunden 
Uns blieben noch etwas mehr als 20 km bis zum Interpretive Center des Parks, von dem wir gehört hatten, dass es sehr schön und informativ sein sollte. Gemäss Höhenprofil (im Western Arctic Visitor Center in Dawson erhalten), ging es bis dahin noch einiges bergauf. Aber es war angeblich schon tags zuvor bergauf gegangen, durch das konstante Auf und Ab war das aber gar nicht so sehr aufgefallen. Das Tal wurde schmaler und wir sahen nun auch den West Klondike River ab und zu. Bewaldete Bergtäler mit blauen Flüsslis sind schon besonders hübsch. Auch spiegelnde Seen trugen zur schönen Landschaft bei und mit solcher Ablenkung merkten wir kaum, dass es eigentlich bergauf ging. 

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Spiegelnder See im Tombstone Territorial Park.


Inklusive Besichtigung des Interpretive Center machten wir fast eineinhalb Stunden Pause. Die Information dort war auch tatsächlich interessant, von Flora und Fauna über verschiedene Arten von Gebirgen, den Einheimischen der Region (die die Errichtung des Parks initiiert hatten) über die Geschichte des Highways gab es da vieles zu lesen. Schon verschiedentlich hatte ich die Story der Lost Patrol gelesen. Ab 1904 führte die Northwest Canadian Mounted Police zwischen Dawson City und Fort McPherson Patrouillen durch, u.a. zwecks Auslieferung von Post. Das sind rund 765 km durch Berge, Tundra, Flüsse und Bäche ohne irgendwelchen Kontakt mit der Zivilisation. Im Dezember 1910 führte Inspector Fitzgerald eine Patrouille von Fort McPherson in den Süden, allerdings ohne einen der Natives, die die Weissen normalerweise als Führer begleiteten. Dazu kamen ungenügende Vorräte und schlechtes Wetter und die Männer kamen nie ans Ziel. Im März 1911 leitete Corporal William Dempster eine Suchaktion und fand die Leichen der Vermissten. Zu Ehren des Herrn Dempsters wurde die im Jahre 1979 fertiggestellte Strasse nach ihm benannt. Die Moral von der Geschichte? Wenn Weisse glauben, sie brauchen die Hilfe der Einheimischen nicht, kann das tödlich enden. Der heutige Highway ist 736 km lang, folgt mehrheitlich der alten Schlittenhunde-Route und liegt auf einem 1 – 3 Meter dicken Stein- und Kiesbett, das als Isolation für den Permafrost dient. Ohne diese Steinschicht würde der Permafrost schmelzen und die Strasse würde im Boden versinken. 
Nun, für uns war die Navigation nicht so kompliziert wie für die Polizisten vor 100 Jahren, da ja eine Strasse vorhanden war. Die letzten 8 km auf den North Fork Pass waren z.T. zwar steil, sonst aber nicht problematisch. Oben war dann wieder eine Futter-Pause angesagt und nun testeten wir zum ersten Mal unsere neuen kanadischen Tortillas. Nett, dass es sowas in Dawson überhaupt gegeben hatte, leider war unsere Füllung nicht ganz so luxuriös wie auf der Verpackung vorgeschlagen. Bemerkenswert war aber der Markenname. 

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Nomen est Omen.


Nach dem Pass ging es wie es sich gehört erst mal schön fetzig und auf guter Strasse abwärts. Und danach endlos lange mehr oder weniger flach duch grüne Tundra. Büsche gab es nur noch entlang dem North Fork River, der an einigen Stellen noch von grossflächigen Schneefeldern bedeckt war. Wir befanden uns in einer weiten Ebene, auf beiden Seiten waren zwar Hügel oder Berge zu sehen, die jedoch weit entfernt waren. Beim Two Moose Lake stoppten wir kurz, sahen aber keine Elche und konten den See sowieso nicht lange würdigen, da wir sonst von Mücken ausgesaugt worden wären. Also ging’s weiter. Und natürlich kam bald mal die selbe Frage auf wie immer. Je nachdem, wo wir campen wollten/konnten, würden wir Wasser brauchen. Und da wir nicht wussten, wie lange der Fluss uns begleiten würde, unternahmen wir die mühselige Aktion, zu einem Seeli hinunter zu steigen und Wasser zu holen. Mühselig darum, weil der Tundaboden so weich war, dass darauf herumspazieren erhöht anstrengend war. Dazu kratzten all die winzigen Büschlis an den Beinen und erinnerten einen daran, dass dort Mückenstiche juckten. In der Tundra blühten aber auch diverse Blumen, einige die sehr ähnlich aussehen wie gewisse Alpenblumen zu Hause, andere, die ich noch nie gesehen hatte. Bald darauf lagen natürlich mehrere Tümpel direkt an der Strasse, aber wie hätten wir das denn wieder wissen sollen? 

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Tundra-Blume.


Die Suche nach einem becampbaren Ort führte uns schliesslich auf einen Flugplatz. Oder besser gesagt, eine Piste. Schotterpiste, wohlbemerkt. Sich da mitten draufzusetzen wäre wohl etwas riskant gewesen, am hinteren Ende am Rand zu den Büschen fühlten wir uns aber sicher und in niemandes Weg. Ob der Elch, den wir dort sahen, sich je solche Gedanken gemacht hatte, darf ja bezweifelt werden. Der Platz war aber nicht schlecht geeignet, da wir auch einen Zugang zum Fluss hinunter fanden. Von wo wir uns aber schnell und fluchtartig wieder davon machten als sich eine Armada blutrünstiger Insekten auf uns stürzte. Später kam ich zurück um sauberes Flusswasser zu tanken, nun aber bewehrt mit ganzkörper Moskito Suit. Wie sich später herausstellte, stechen sie Sausiechen aber auch da hindurch obwohl der Suit angeblich mit Insektizid behandelt sein soll um genau das zu verhindern. 

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Ganzkörper Bug Suit.


3. Tag, Km-M 126 – Airfield km 137, 117.12 km in 6:53 Stunden 
Nach nicht allzuvielen Kilometern hatte sich das Tal wieder verengt und wir fuhren nun meist direkt am Ufer des Flusses entlang. Da blühte schon wieder eine Menge Blumen, die den Strassenrand bunt färbten und uns Ciclistas mit diversen Fotostops aufhielten. Jene Strecke empfand ich als den schönsten Teil des Dempsters. Nicht spektakulär, aber ganz einfach paradiesisch schön. Etwas später öffnete sich das Tal, wir bogen nach Westen ab und die Hügel ringsum waren alle vegetationslos und grau. An den Südflanken wuchsen noch einige Bäume, ansonsten war der Weg zum Windy Pass hinauf von grauen Kieshaufen gesäumt. Merkwürdige Landschaft und krasser Wechsel zum Flusstal zuvor. 

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Sumpfgras?

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Noch mehr Blumen.

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Zum Windy Pass hinauf.


Auf dem Pass gab’s Znüni (obowhl es schon fast 11 Uhr war), danach ging es rasant hinunter, zwischen mehr grauen Hügeln hindurch und wieder in den Wald. Wir überquerten den Engineer Creek und ich beschloss, beim nächsten Bach meine Flaschen zu füllen. Nicht weil das dringend nötig war, sondern weil das Wasser so hübsch aussah. Blöd nur, das war der letzte saubere Bach gewesen für etwa ein halber Tag. Was danach kam, war rot. Das gab eine supercoolen Kontrast zu der grünen Umgebung, wenn man aber auf der Suche nach trinkbarem Wasser ist, dann ist das nicht optial. Noch weniger erfreulich war das weissliche, nach Schwefel stinkende Rinnsal, das da auch irgendwo aus dem Hang tropfte. Ok, ich blieb also bei dem, was ich noch in den Flaschen hatte. 
Es war nun flach, die Strasse war in einem super Zustand (meist harte Oberfläche, kaum loses Kies) und wir kamen schnell vorwärts. Das Tal war mal eng, mal weit, mal grüne, mal graue Hügel und wir sahen eine Menge Haufen Bärenkot auf der Strasse. Einen Bären selber haben wir zwar seit dem Glen HWY in Alaska nicht mehr gesehen. Es sah aber durchaus so aus, als gäbe es hier eine dichte Population. Wir wurden auch einmal von einem RV-Fahrer gewarnt, er habe vor etwa 3 km ein Grizzly gesehen die Strasse überqueren, der zeigte sich aber nicht wieder. So pedalten wir also stundenlane dahin bis wir zum Engineer Creek CG kamen. Der hatte eine Shelter, die sich perfekt zum Zmittagessen eignete. Wie entspannend, einmal essen zu können, ohne dass man einem konstanten Luftangriff ausgesetzt ist. Wasser gab es da auch nur aus dem Bach und der war da unten nicht mehr so schön wie weiter oben. Aber gut, es hätte schlimmer sein können. 
Einen Übernachtungsplatz zu finden, war auf jener Strecke nicht ganz einfach. Ringsherum Taiga, also moosiger, weicher, ja sumpfiger Boden und lichter Wald. Ab und zu führte ein Weg vom Highway weg, der nun parallel zu Ogilvie River verlief, dort war aber entweder der Bodenzu hart (auf einem Kiesplatz) oder es hatte so viele Mücken, dass wir Hals über Kopf flohen. Zu unserer Freude fanden wir aber bei Km 137 wieder ein Flugfeld, diesmal sogar mit zwei grossen Kiesplätzen daneben, wo wir uns hinpflanzen konnten. Der Boden war auch da hart, Zelt aufstellen ging aber gerade so. Es gab da sogar einen Tümbel mit recht sauberem Wasser, so dass ich wieder meinen Mosie-Anzug anzog und eine Weile lang Wasser filterte. Jene offenen, schattenlosen Plätze stellten uns nun vor das Problem, dass es in der Nacht nicht nur hell ist, sondern auch noch sehr warm. So schlafen wir zu Beginn also jeweils nur mit den Seidenschlafsäcken und allenfals Sarong, nur um dann irgendwann frierend zu erwachen und nach dem (bereitliegenden) Daunenschlafsack zu suchen. Unter dem wir dann aber wiederum fast verschmachten. 
4. Tag, Airfield Km 137 – Eagle Plains Km-M 302; 66.58 km in 5:52 Stunden 
Wir wussten, dass wir an diesem Tag zu den Eagle Plains hinaufsteigen mussten und dass es dort oben kein Wasser gab. D.h. wir mussten für 130 km Wasser schleppen, aufzufüllen am Ogilvie River gleich vor Beginn der Steigung. Nach gut 6 km kamen wir an eine Stelle, wo der Fluss gut erreichbar war, das muss um den Km-M 144 gewesen sein. 

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Ogilvie River.


Kurz darauf ging es dann auch ernst zur Sache. Es war Schluss mit der guten Strasse und es ging bergauf. Steil und kiesig bergauf. Dazu war es heiss und um den Spass noch etwas zu verzieren und garnieren, wurden wir von agressiven Kampfjet-Mücken angegriffen, die uns den letzten Nerv raubten. Diese Steigung, mit mal mehr, mal weniger steilen Abschnitten, war insgesamt um die 12 km lang und endete bei einem Aussichtspunkt mit wirklich cooler Sicht. Wobei, wenn man da mit dem Velo raufgekrochen war, hat man schon die ganze Zeit immer mal wieder eine Pause gemacht, einerseits um ein paar Mücken zu erschlagen, andererseits um die Sicht ins Tal zu geniessen und festzuhalten. Das sah schon bemerkenswert gut aus. Was sich später am Tag noch negativ auswirken sollte. 

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Aussicht während Aufstieg zu den Eagle Plains.


Einmal oben auf den Eagle Plains haben wir weder Adler gesehen noch eine richtige Ebene gefunden. Es ging ununterbrochen auf und ab, meistens aber nicht steil und meistens auf nicht schlechter Strasse und so konnte man problemlos auch mal wieder ins Tal runter gucken. Hätte „man“ aber nicht so oft machen sollen, denn zwischendrin waren die Abfahrten durchaus steil und dazu noch mit losem Kies bedeckt. Schlechte Kombi, wenn man nicht top konzentriert ist oder zumindest langsam genug fährt. Was passiert, wenn dem nicht so ist? Nun, unter Umständen ist es, bis man das lose Kies entdeckt, zu spät zum bremsen und der panische Versuch, das Versäumte nachzuholen führt zu unkontrolliertem Schliggern und ... krach, wumm, päng, autsch ... zu einem äusserst schmerzhaften Aufschlag auf dem trotzt Kies hartem Boden. Und so ein aufgeschlitzter Unterarm kann ganz schön bluten! Folgt ein kurzes Abchecken der wichtigsten Köperteile und die Erkenntis, dass nichts lebensbedrohliches passiert ist, die doofe Blutung aber gestop(f)t werden muss, bevor alles versabbert ist. Also Velo vom Boden aufhieven, Nastuch raussuche und auf Wunde kleben, dann abgebrochene Teilchen zusammenlesen. Da lag folgendes rum: Rückspiegel (nicht gut), linker Bremshebel (Scheisse!!!), Lenker-Anschlag-Teil und Gallionsschlumpf (sniff!). Die Finger, die an den Bremshebel geklammert gewesen waren, waren, wenn auch gestaucht, noch dran. Soweit so gut. Der rechten Hand und dem linken Zeigefinger fehlten ein paar Stückchen Haut, auch dort trat etwas roter Saft aus. 
Bald darauf kam Martina an und half mir, das Velo von der Strasse zu fugen und den Arm zu verarzten. Sie machte das ja nicht zum ersten Mal, auf der Carretera Austral sei Fazl umgeflogen und das sei noch um einiges übler gewesen. Nicht gut ist aber, wenn man an einer staubigen Strasse sitzt und versucht, eine Wunde zu verpflastern und Verkehr kommen hört. Da war schliesslich schon genügend Dreck drin, mehr wäre eigentlich nicht nötig gewesen. Haben dann das Velo inspitziert und festgestellt, dass ausser dem abgebrochenen Bremshebel kein nennenswerter Schaden entstanden ist (ok, Löcher in den Taschen). Aber immerhin, eine Bremse weniger ist natürlich nicht gut. D.h. ein Stück des Hebels war noch dran, ich hatte also noch etwa eineinhalb Bremsen. Es gibt weder in Dawson noch Inuvik einen Bike Shop, das wird also frühstens in Whitehorse behoben werden können. Werde ich es damit (und mit meinen eigenen beschädigten Körperteilen) nach Inuvik schaffen? Ein „Nein“ als Antwort hätte geheissen, aufzugeben und zu versuchen, nach Whitehorse zu hitchen, was für mich überhaupt nicht in Frage kam. Also blieb ein „Ja, aber mit gebührender Vorsicht“. 
So ging es dann weiter, langsam und vorsichtig, und da eh bald Futterzeit war, stoppten wir beim nächst besten Ort und machten eine Pause. Während wir so dasassen, passierte etwas eigenartiges. Vor meinem linken Auge flatterte plötzlich ein kleiner, bunter Schmetterling. Das sah etwa so aus, wie wenn man lange auf eine bestimmte Form starrt und die hinterher noch eine Weile sieht, obwohl man woanders hinschaut. Ich hatte aber keinen Schmetterling angestarrt und dieses komische, kunterbunte Ding wurde auch noch grösser und erinnerte bald eher an eine Sonnenbrille. Nein, ich hatte keine Drogen genommen und weiss nicht, woher diese „Erscheinung“ kam. Wir sind dann halt etwas länger als geplant sitzen geblieben, da man auf einer Kiesstrasse keine tanzenden Formen vor den Augen haben möchte. Die ist nach ein paar Minuten auch wieder verschwunden und wurde seither nicht mehr gesichtet. 

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So ähnlich hätte die Sturzstelle aussehen können.


Zum Glück waren die Wellen an jenem Nachmittag dann meistens eher sanft und mein einbremsiges Vorwärtkommen war soweit nicht sehr problematisch. Mühsam war aber, dass ich keinen Rückspiegel mehr hatte und mich halb blind fühlte. Als Campsite wählten wir einen recht kleinen freien Platz neben der Strasse, ungefähr bei Km-M 302, da wir seit längerem keine guten Stellen mehr gesehen hatten und nicht sicher waren, ob wir später noch einen annehmbaren Ort finden würden. Velo fahren war ja noch ok gewesesen, mit den beiden beschädigten Fingern an der einen und dem beschädigten Arm auf der anderen Seite wurde meine Mithilfe beim Camp aufbauen etc. nun aber auf ein klägliches Minimum reduziert. Mann, fühlte ich mich invalid. Und nach einer Pause tat der Arm bei der kleinsten Bewegung so sauweh, dass ich das schliesslich mit einem Ponstan behob. Ironischerweise hatten wir ja in Ensenada unsere Apotheke massiv reduziert und nun nur noch ein Minimum dabei, sehr weit würde unser Verbandsmaterial also nicht reichen. Irgendwo würde sich das aber schon aufstocken lassen. Problematisch waren aber nicht nur Arbeiten, die es zu verrichten galt, sondern auch Dinge wir Haare kämmen. Speziell, wenn man das zwei Tage aus Faulheit unterlassen hat und sich klebriger Staub angesammelt hat und man eher das Gefühl hat, einen Haufen Stroh kämmen zu wollen. Stroh auf dem Kopf, Stroh im Kopf?!? Ist manchmal schwer zu sagen. 
5. Tag, Eagle Plains Km-M 302 – Eagle Lodge, Km-M 369, 67.68 km in 5:42 Stunden 
Wie (fast) erwartet, stellten wir fest, dass es auf den nächsten 4-5 km ein paar grosse mögliche Campplätze gegeben hätte. Ja, hinterher ist man immer schlauer. Aber egal, auch klein war ja fein. Dieser Tag wurde öde. Es war alles wellig und grün, die Strasse steinig, kiesig und staubig und es hatte einiges an Verkehr, wobei RVs und die meisten Lastwagen recht rücksichtsvoll waren, etliche PW-Fahrer aber in der Mitte der Strasse vorbeiblochten und uns (absichtlich?) von oben bis unten einstaubten. Wir kamen an einem Baucamp vorbei, das ich erst für ein Strassenreparatur-Camp hielt, weil da eben gerade die Strassenoberfläche erneuert wurde, das sich dann aber als Ölbohr-Camp entpuppte. Später passierten wir sogar noch einen vollständig geschlüpften Bohrturm, der da wie ein hässlicher Schandfleck in der Landschaft stand. Aber sind wir ehrlich, wir verdanken diese Strasse hier dem Ölvorkommen da oben im Norden. 

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Bohrturm.


Abens um 17 Uhr erreichten wir die Eagle Lodge und fragten uns, ob die grauen Wolken hinter uns wohl noch Regen bringen würden. Taten sie. Und zwar keine zehn Minuten nach unserer Ankunft und begleitet von heftigem Sturm und Gewitter. Wir checkten in der Lodge für den Campingplatz ein und setzten uns dann in die Lounge um den Regen abzuwarten. Für den CG hatten wir $ 15.75 bezahlt, was die Duschen zu unserer Überraschung mit einschloss. Wow, anderswo kostet der Platz mehr und man bezahlt für die Duschen separat. Das Problem war nur, dass wir bei dem Regen nicht rausgehen wollten und schon gar nicht in den Taschen wühlen, also musste die Dusche warten. Und warten, und warten. Der Besitzer des Hotels hatte offenbar Mitleid mit uns und bot uns schliesslich an, im Sanitätszimmer der Lodge zu schlafen. Wir dürften es aber niemandem sagen, das ist hier also keine Werbung oder Aufforderung an andere Ciclistas, danach zu fragen. Wir waren aber natürlich froh über den trockenen Platz und nahmen das Angebot gerne an. Die für das Zimmer verantwortliche Lady hatte zwar, als sie das später rausfand, gar keine Freude, konnte aber nichts dagegen unternehmen. Unter der Dusche weichte ich dann den natürlich total verklebten Verband auf und konnte ihn schliesslich von der Wunde ablösen. Dass da noch eine Menge Dreck drin war, war klar gewesen, ebenso klar war, dass der in der Dusche nicht rausgeschwemmt werden würde. Den muss der Körper schon selber (r)ausschaffen. 

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Dicker anschwellen geht wohl nicht.

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Autsch!


Um meiner Wunde am Arm und den armen Fingern zumindest eine kurze Pause zu gönnen, blieben wir einen Tag bei der Eagle Lodge. Aber natürlich nicht im Sanitätszimmer, das hätte der uns nicht so freundlich gestimmte Hausdrachen niemals erlaubt, war bei dem nun guten Wetter aber auch kein Thema. Wir stellten das Zelt auf, verbrachten den Tag dann aber mehrheitlich entweder in dem Laundry Room, wo es Strom gab und wir die Tür zumachen konnten (Mücken!), später setzten wir uns für eine beschränkte Zeit ins Restaurant und die Lobby. Nicht zu lange, um niemanden sauer zu machen. Wir mussten auch die Menge Food, die wir dahin schicken liessen, nun in unser Gepäck verstauen, was nicht ganz einfach war. Es zeigte sich auch ab, dass wir vermutlich nicht viel mehr als zehn Tage brauchen würden (+ 1 Tag Pause) und darum zuviel Essen schleppen mussten. Aber es war wie so häufig schon, irgendwie passt es schon rein. 
6. Tag, Eagle Lodge – Rock River CG, Km-M 445, 78.39 km in 6:28 Stunden 
Am Morgen drohte Regen, der zog aber schliesslich an uns vorbei. So starteten wir bei trockenem Wetter und erst mal ging es um die 9 km abwärts zum Eagle River. Und danach etwa 10 km wieder bergauf auf die nächste „Hochebene“. Dort oben sah es ähnlich aus wie die Eagle Plains, es ging auf und ab durch ein Mix aus Taiga und Tundra, meist mit Aussicht auf tieferliegende Täler. Da wir das schon während eineinhalb Tagen gesehen hatten, war es nicht mehr übermässig faszinierend. Der böige Wind, wie immer meistens von vorne, machte die Sache nicht witziger. Eine Attraktion wartete an jenem Tag aber durchaus auf uns. Wobei das eher eine imaginäre Attraktion war, der Polarkreis nämlich. Wie würde man den wohl erkennen? An einer Mauer aus Schnee und Eis??? Oder doch eher nur an einem menschengemachten Info-Schild? Wir würden es ja sehen, falls wir je dort ankommen sollten. Dazu mussten wir über eine Menge Wellen und Hügel kurven. Noch einen und noch einen. Bis endlich, nach rund 37 km, die ersehnte Mauer, äh, die Info-Tafel, endlich in Sicht kam. 

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The Long and Windy Road...

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... führt zum Polarkreis.


Tatsächlich wäre der Arctic Circle ohne diese Tafel nicht erkennbar gewesen. Was ja aber auch nicht wirklich überrascht hat, beim Äquator war das ja genau gleich gewesen. Da der Ort aber für jeden Touri ein Grund zum stoppen war, trafen wir dort ein Deutsches Päärchen, Jasmin und Bernhard, die mit einem Landrover unterwegs und ebenfalls vor etwa zweieinhalb Jahren in Argentinien gestartet waren. Interessante Leute. Wir nutzten den Luxus von vorhandenen Tischen und Bänken für’s Mittagessen, wobei wir immer wieder verhindern mussten, dass unsere Tortillas nicht davongeblasen wurden. Es war schon nach 16 Uhr bis wir uns wieder auf die Velos schwangen. Nun ging es wieder ein Stück bergab, dann relativ flach den Richardson Mountains entlang. Dort unten windete es immer noch, nun meist von der Seite, ab und zu auch mal für ein paar Minuten von hinten. 
Wir fuhren nun lange durch fast baumlose Tundra und begannen uns irgendwann mal zu fragen, wo wir da wohl je ein Zelt aufstellen konnten. Wenn möglich an einem Ort mit Wasser in der Nähe. In einem engeren Tal wuchs wieder so richtig dichter Wald, was die Sache aber auch nicht erleichterte, da der Boden überal überwuchert und dazu sehr weich war. Was blieb, war ein offizieller Zeltplatz, einer der Yukon Territorial Campgrounds. Vorteil: Shelter, Nachteil: kostete $ 12. Wir kamen gerade vor einem losbrechende Gewitter an und schafften es, all unser Zeug in die Shelter zu verfrachten, bevor die ersten Regentropfen fielen. Der erwartete heftige Regen und auch das Gewitter blieb jedoch aus, bzw. verfehlte uns wieder einmal. Wir liessen aber das meiste unserer Sachen in der Shelter, das war für uns viel einfacher so. Diese Territorial CG sind in unseren Augen etwas komisch. Bei jenem in Dawson gab es zwei Foodboxen für den gesamten Zeltplatz, hier gab es zwei Food-Aufhänge-Vorrichtungen, von denen eine defekt war. Was ist die Idee, wenn viele Leute ohne Auto da sind??? Hat das schlicht nicht vorzukommen? Dazu war diese Shelter irgendwie nicht mückendicht, d.h. wir mussten auch dort drinnen Anti-Mosie einschmieren um nicht aufgefressen zu werden. 

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Sieht aus wie, ist aber kein Schnee.


7. Tag, Rock River CG – „Gewittercamp“, NWT-K-M 21, 42.88 km in 4:53 Stunden 
Den nächsten Tag hätten wir uns sparen können. Er begann mit einer supersteilen Subida, was die tausenden von Mücken gnadenlos ausnutzten. Und schon nach etwa 10 km kam der erste Regenschauer vorbei, kaum hatten wir begonnen, Regenzeug zu montieren war aber wieder fertig. Dafür begann die Steigung auf den Wright Pass und die zog sich lange dahin. Ich glaube, da oben hatten wir etwa 20 km abgestrampelt, das müsste also etwa Km-M 465 gewesen sein, wobei meine Kilometerzählung nicht genau mit jener der Strasse überein stimmte. Da der Wright Pass auch gleich die Grenze zwischen dem Yukon und den Northwest Territories darstellte, begann dort oben die Km-Markierung wieder bei 0. Was etwas hohl war, da sämtliche Km-Angaben, die wir hatten, vom Klondike HWY aus zählten. Sehr spektakulär war die Landschaft bis dahin nicht gewesen, die gleichen von weissen (von irgendwelchen „Strubbelkopf“-Pflanzen bedeckten) Hügel wie tags zuvor, dafür am Strassenrand einige Blumen, die etwas Farbe in das unendliche grün-weiss-grau der Tundra und Berge brachten. 

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Fire Weed...

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...und noch mehr Blüemli.


Nun ging es wieder abwärts in ein weites Tal, das glaub Richardson Valley hiess. Wir assen noch bei Sonnenschein Zmittag, bald begann sich aber über unseren Köpfen ein Unwetter zusammenzubrauen und wir hörten drohendes Donnergrollen immer näher kommen. Regen alleine wäre ja, wenn auch wegen aufgeweichter Strasse mühsam, aber soweit noch ok. Mitten in einem Gewitter in einer Ebene auf einem Stahlesel zu sitzen, fanden wir dann aber nicht ratsam und so verkrümelten wir uns irgendwann schnell in den Strassengraben unter unseren Tarp. Strassengraben hiess da nicht einfach ein paar Centimeter neben der Strasse sondern fast im Gebüsch, was etwa 1.5 - 2 Meter niedriger war als die Fahrbahn. Wir hoben uns also nicht mehr ab und hofften, so keinem Blitz mehr ein lohnendes Ziel zu bieten. So sassen wir da, lauschten dem Regen, der auf unsere Plache prasselte und der uns nach nicht allzu langer Zeit zu unterspühlen begann. Aus irgendeinem merkwürdigen Grund turnte mir die ganze Zeit ein Kinderlied durch den Kopf, das mit der Situation aber auch gar nichts gemeinsam hatte: „Wär kännt scho d‘Not vom chliine Hippie-Gschpängschtli..., wär kännt scho siini Sörgeli u Ängschtli...“ Ok, etwas Gemeinsames gab es vielleicht doch. Ich fühlte mich dort auch wie ein kleines Bici-Gschpängschtli mit seinen Sörgelis, um die sich jedoch niemand scherte, jedenfalls nicht, wer immer dort für das Wetter zuständig war. Glücklicherweise war es gar nicht so kalt, abgesehen davon, dass mein Rücken langsam kühl wurde, war mir eigentlich nicht kalt. Und als der Regen dann wieder nachliess, packter wir uns wieder aus und begutachteten die Strasse. Hätte schlimmer sein können. So setzten wir uns wieder auf die Sättel und pedalten weiter. Mühsamer als auf einer trockenen Strasse war es schon, das muss man zugeben. Und es ging aufwärts aber keine Ewigkeit mehr, dann ging’s wieder bergab und das Tal wurde wieder enger. Für mich eine Überraschung war eine Kurve, die den Ausgang aus dem Talkessel andeutete. Ich hatte mich nämlich schon gewundert, wo und wie wir da wieder rauskommen sollten. 

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Marmot oder Ground Squirrel??


So begann die Steigung zum nächsten Pass, zum Glück war es aber nicht steil. „Wär kännt scho d’Not vom chliine Bici-Gschpängschtli... ... ...“. Wir fuhren einem Bach entlang, wo wir am späteren Nachmittag noch Wasser tankten. Nicht lange darauf begann es wieder zu regnen, ja so richtig zu pissen und auch diesmal war natürlich ein lautstarkes Gewitter mit von der Partie. Also wieder Velos abstellen, Tarp rausziehen und uns darunter vergraben. Diesmal stellten wir die Velos aber etwas weiter weg ab. Hallo, ihr da draussen, falls ein Blitz in ein Fahrrad einschlägt, wie weit weg will man da sein, damit man nicht gefährdet ist? Und zweite Frage: Zieht Aluminium auch Blitze an? Ist man in einem Zelt mit Alustangen also sicher, ja oder nein? Würde eine Antwort drauf echt schätzen. Jedenfalls sassen wir jetzt wieder eher da und mit der Zeit wurde es wieder recht unbequem, und draussen prasselte der Regen nieder. „Wär kännt scho d’Not ... ... ...“ 
Ich weiss nicht, wie lange wir da gesessen hatten, aber als der Regen etwas an Intensität verlor, juckten wir raus, falteten in aller Eile den Tarp wieder zusammen und zogen den Rest des Regenzeug, sprich Hosen und Schuhüberzüge an und fuhren wieder dahin zurück, wo wir hergekommen waren. Martina hatte einen Kiesplatz in Erinnerung, den wir nach nicht mal einem Kilometer erreichten. Wir begutachteten den Boden und speziell allfällige Wasserrinnen und fanden schliesslich einen Platz, der uns halbwegs brauchbar erschien. Der Boder war aber sehr weich, weshalb wir grosse Steine anschleppten um die Nägel zu beschweren oder die Schnüre gleich darum zu ziehen. Inzwischen hatte der Regen ganz aufgehört und wir fühlten uns schon bald wieder wohl. 
8. Tag, NWT-K-M 21 – Sendeturm-Camp, NWT-Km-M 108 (?), 88.63 km in 7:44 Stunden 
So bewältigten wir das kurze Pässli eben am nächsten Morgen. Die Strasse war zwar noch feucht und etwas klebrig, aber trotzt allem in viel besserem Zustand als am Abend zuvor. Nach dieser ersten Steigung ging es wie immer grün und leicht wellig weiter. Am Morgen noch bewölkt, brach später die Sonne durch und trocknete die Strasse. Einerseits schön, andererseits katastrophal da es weiter vorne eine Baustelle gab und dutzende Lastwagen hin und her fuhren und Steine schleppten und uns jedes Mal von Kopf bis Fuss einstaubten. Einige der Fahrer waren zwar ganz nett und bremsten ab, oberübel war das Ganze trotzdem. Die Strasse war nun auch sehr kiesig, was die Staubmassen noch zusätzlich unterstützte und uns das Vorwärtskommen erschwerte. Es windete zwar, aber immer von links her, so wurde sichergestellt, dass die Staubwolke uns auch tatsächlich jedes Mal traf. 

Dawson - Inuvik: Blutzoll auf dem Dempster HWY

Nach einem halben Tag sieht das dann so aus.


Bei einem View Point führte ein Weglein von der Strasse weg zu einer Aussichts-Plattform, von wo aus man ins MacKenzie-Delta hinunter sah. Und wo es auch schön windete und uns so die Mosies wenigstens ein wenig fern hielt. Wir sahen auch zum Peel River hinunter und stellten Vermutungen an, wo sich wohl das nächste Dorf, Fort McPherson, verstecken könnte. Vorher mussten wir aber noch den Peel River überqueren. Dafür war eine gratis Fähre zuständig, die uns zwar erst etwas warten liess, uns dann aber ohne Probleme am anderen Ufer absetzte. Nur kurze Zeit später hatten wir den Nitainlaii Territorial Park erreicht, wo wir einen weiteren Stempel besorgen mussten. Evtl. hätten wir da auch übernachtet, $ 22.50 (der Standard-Preis für NW Territorial CG) war uns aber zu teuer. Der ältere Herr, der dort arbeitete, meinte, einige Kilometer nach Fort McPherson stehe eine Art Turm, dort habe es viel Platz. Klang nicht schlecht. So fuhren wir erst mal weiter und trafen unsere Deutschen Freunde mit Auto, nun auf dem Rückweg von Inuvik, nochmals an. In 100 km Entfernung läge der schönste Campspot bis Inuvik. Ok, ok, das könnte vielleicht für den nächsten Tag klappen. Erst mussten wir ins Dorf, da es dort schon wieder einen Stempel-Stop gab und wo wir unsere Wasser-Flaschen auffüllen konnten. 

Dawson - Inuvik: Blutzoll auf dem Dempster HWY

Schneemobil-Verbot in Fort McPherson.


Inzwischen war es schon 18 Uhr und netterweise hatte der Wind nachgelassen. Da es nun ziemlich flach war, kamen wir auch zügig vorwärts. Hier unten im Fluss-Delta hatte es überall kleinere Seelis und Weiher verstreut, die etwas Abwechslung in die Taiga-Landschaft brachte. Wir hatten keine Ahnung, was für einen Turm der ältere Herr gemeint hatte und wie viele Kilometer „einige“ hier waren. Fast 20 km nach dem Dorf erkannten wir aber eine Art Sendeturm in der Entfernung, wir mussten aber nochmals etwa 5 km strampeln bis wir dort ankamen. Ich weiss nicht mehr, welcher KM-M da am nächsten gewesen war, könnte so 106-108 geewesen sein. Der Turm selber ist jedoch das bessere Merkmal und der steht über 20 km von Fort McPherson entfernt. Dort gab es linker Hand grössere offene Kiesplätze, rechter Hand führte eine Service Road zum Mast. Da wir lieber etwas weiter weg von der Strasse zelteten, fuhren wir dort hinauf und kriegten von gerade anwesenden Arbeitern die Erlaubnis dazubleiben. Einmal mehr drohte ein Gewitter, einmal mehr entlud es sich aber in einiger Distanz. 
9. Tag, Sendeturm-Camp – Rengleng River Camp, NWT-Km-M 178, 72.34 km in 6:11 Stunden 
Zur Abwechslung hatten wir am Morgen für etwa eine Stunde oder so Wind schräg von hinten. Das Land war platt, zu sehen gab es nicht viel. Willkommene Unterbrechung bot da der MacKenzie River, wo wir wieder eine Fähre nehmen mussten. Dort, bei der Einmündung des Arctic Red Rivers in den MacKenzie, liegt auch Tsiigehtchic, ein kleines Dorf, das vor allem von Einheimischen des Gwich’in Volkes bewohnt wird. Die Fähre fährt also ein Dreieck zwischen den beiden Enden des Highways und dem Dorf. So muss man manchmal schon einen Moment warten, je nachdem, welche Ecke gerade dran ist. In Tsiigehtchic hätte es noch einen Stempel gegeben, Lust auf einen solchen Umweg hatten wir aber keine. Das Schiff selber dient einer Menge Vögel als mobiler Nistplatz, die ihre Nester, oder besser gesagt, selbst gebaute Höhlen dort unter dem Dach hinhängen und in waghalsigen Manövern die ganze Zeit ein- und ausfliegen. Wegen Fahrtwind zusätzlich zu sonstigem Wind mussten einige schon mehr als eimal ansetzen um an ihre Häuser ran zu kommen. 

Dawson - Inuvik: Blutzoll auf dem Dempster HWY

Taiga-Seelis.

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Tsiigehtchic und MacKenzie River.

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Vogel-Höhlen auf Fähre.


Bevor wir von Bord gingen, erfuhren wir noch, dass die Unterschrift des Kapitäns anstelle des Stempels gilt. Wunderbar, so mussten wir nichts auslassen. Der Wind hatte sich inzwischen selbstverständlich in böigen Gegenwind gemausert und nervte wieder einmal gewaltig. Dazu war alles platt und langweilig. Bei Km-M 157 fanden wir eine Seitenstrasse, wo man perfekt hätte campen können. Oder Zmittag essen. Zu unserem totalen Unglauben wurden wir dort von keiner einzigen Mücke belästigt. Ob das mit dem Wind zusammen hing? Keine Ahnung, war auf jeden Fall genial. Ebenfalls bei Km-M 166 (mit Seezugang) und Km-M 174 hätte man zelten können. Nun war das Land etwas welliger geworden, als wir unvermittelt über dem Tal/der Schlucht des Rengleng Rivers standen, war aber die Überraschung gross. Das musste der Ort sein, den die Deutschen erwähnt hatten. Fast wie eine Oase in der Wüste. Auf dem grossen Kiesplatz waren wir von der Strasse aus zwar noch sichtbar, aber weit genug weg um nicht jedem ins Auge zu stechen. Und mückenfrei, zumindest für den Moment. Wind sei Dank! 

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Spruce Tree-Zäpfchen.

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Rengleng River-Camp.


Wir hatten mit einem kleinen Bächli, das durch den Kiesplatz floss, sogar unsere eigene Wasserversorgung und einen Campspot gleich am Steilhang oberhalb des Flusses mit supercooler Aussicht. Wenn das nicht mal ein 1A Platz war, der jeden offiziellen CG um Längen schlug. Und der Wind wehte noch lange, so dass wir entspannt den noch relativ frühen (ca. 17.30 Uhr) Nachmittag geniessen konnten. Auch die grauen Wolken zogen vorbei und bewässerten das Land anderswo. Sehr rücksichtsvoll, was will man mehr?. Auch die Futterverstauerei weg von der unmittelbaren Campsite war inzwischen zur Routine geworden und wenn, wie hier, irgendeine komische Vorrichtung das noch erleichtert bzw. sich die Säcke vom Regen geschützt verstauen liessen, umso besser. 
NWT-Km-M 178 – Inuvik, Happy Valley CG, 95.00 km in 6:48 Stunden 
Kein Wind – Katastrophe! Wir hatten schon vor Tagen festgestellt, dass es einen besonderen Kick verursachte, sich an einem moskitoverseuchten Bach auszuziehen um sich zu waschen, aber die Attacke, der ich an jenem Morgen ausgesetzt wurde, als ich mal „in die Büsche“ musste, schlug alles. Bekanntlich sucht man sich für solche Gelegenheiten einen etwas geschützten Ort, was aber diesbezüglich fatal war. Diese Mistviecher respektieren nichts und niemanden und auch keine Privatsphäre beim Scheissen... Mann, zum Glück war das der letzte Morgen auf dem Dempster, viel länger hätten wir das echt nicht ausgehalten! Das ist traumatisch, fast noch schlimmer als der Wind in Patagonien! 
Nun gut, es ging weiter, nun mit leichtem Gegenwind, der, zumindest auf der Strasse, die Mosies fern hielt, nicht jedoch die riesigen Bremen, die einem den ganzen Tag lang non-stop um den Kopf kreisten und sausten und ab und zu mal irgendwo reinblochten oder sich unter die Sonnenbrille verirrten. Und zwischendurch mal heimtückisch irgendwo reinstachen, bissen oder was immer die eigentlich tun. Ebenfalls Sauviecher. Es ging vorläufig flach weiter und auf den nächsten rund 40 km hätte es nochmals einige mögliche Wild Camp-Plätze gegeben, allerdings ohne Wasser. D.h. dann und wann hatte es schon mal einen Bach oder einen Tümpel, aber meist nicht mit sehr appetitlicher Farbe. Wir kamen auch an zwei weiteren Territorial CGs vorbei und näher bei Inuvik gab es zwei Day Use Areas. Die Ebene wurde zwei mal durch kurze steile Hügel unterbrochen, die Strassenoberfläche bot alles von sehr gut bis sehr kiesig. Da wurde nämlich an einer Stelle, so sie schön kiesfrei und hart war, neuer „Belag“ aufgebracht und dazu erst tüchtig unter Wasser gesetzt – ächtz! – und mit neuem Kies-Erde-Mix überdeckt. Das wird dann nicht mal hartgewaltzt, sondern nur verteilt und irgendwie mal kurz platt gedrückt, der Rest wird dann den Autos überlassen. Oder den Velofahrern – haha! Wir blieben fast stecken und fanden’s nicht sooo witzig. 

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Zur Abwechslung mal Rennstrecke.


Nach dem „Mittag“essen, wie immer so von 14-15 Uhr, blieben noch rund 30 km und es ging wieder mal auf harter Strasse leicht bergab. Megageil, wenn’s so weitergeht, sind wir... .... Jaja, klar. Wann immer ich mir „wenn’s so weiter geht...“ gesagt habe, war recht bald fertig lustig. So auch hier. Es wurde nicht nur wieder sehr kiesig, da war auch wieder einer dieser Tanklaster unterwegs, der die Strasse unter Wasser setzte. Wozu war mir diesmal nicht klar. Dazu kam eine Kurve und wir hatten wieder frontalen Gegenwind und durften dazu noch über ein Hügeli kriechen. Mensch, hier wird einem aber auch rein gar nichts geschenkt. So kämpften wir uns also nochmals etwa 10 km voran bis wir dann – endlich – den Asphalt erreichten. Noch 10 km bis Inuvik hiess das. Nicht, dass deswegen der Wind weg oder es weniger hügelig gewesen wäre, aber auf glattem Belag rollt es sich eben schon viel leichter. Langsam aber sicher war die Gegend auch eindeutig bewohnt, es gab Industrie und diverse Häuser in Sichtweite der Strasse. Und dann das ersehnte, aus anderen Blogs bekannte Schild, das uns in Inuvik willkommen hiess: wir hatten es geschafft!!! 

Dawson - Inuvik: Blutzoll auf dem Dempster HWY

YES, GESCHAFFT!


Fast zumindest. Es blieben noch ein paar hundert Meter, inklusive eine steile Steigung ins Dorf hinein. Nein, geschenkt wird einem wirklich keinen Meter. Wir parkierten um 18.40 Uhr unsere Räder vor dem Visitor Center, das um 19 Uhr schloss. Wir wurden aber trotzdem aufs Freundlichste begrüsst, bekamen unsere letzten Stempel und durften das Formular zur Diamanten-Verlosung ausfüllen. Wir bekamen auch ein Zertifikat ausgedruckt, das unsere Überquerung des Polarkreises bestätigte und einige Infoblätter über das Dorf und ich war einfach nur happy, angekommen zu sein. 
Wir schlugen unser Zelt im Happy Valley CG auf, der im Dorf liegt. Für eine Site in der Group Area bezahlen wir $ 15, eine eigene Site hätte die üblichen $ 22.50 gekostet. Das sparten wir uns lieber um es für ein $ 5.99 Frühstück auszugeben. 2 km vor dem Dorf hätte es noch einen Zeltplatz gegeben, der angeblich schöner sein soll. Das mag sein, wenn man dafür aber weiter weg ist, nützt das nicht so viel. Fanden wir zumindest. Bis wir an jenem Abend ins Bett kamen, dauerte es etwas. Besonders lange dauerte es bis sich der Verband von der Wunde an meinem Arm löste, der sechs Tage lang nicht weggekommen war. Scheint aber insgesamt nicht schlecht zu verheilen, speziell wenn man bedenkt, dass die Bedingungen dazu in den letzten Tagen bestimmt nicht optimal gewesen waren. 

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Midnight Sun.


Jetzt stecken wir also erst mal in Inuvik fest. Zumindest bis wir jemanden finden, der uns nach Dawson zurück mitnehmen kann. Im schlimmsten Fall werden wir fliegen müssen, die ganze Strecke zurück pedalen, kommt nicht in Frage. Wir haben da zu viel Blut „liegen gelassen“, nochmals während zehn Tagen die Moskitos füttern ist keine Option. Inuvik ist eigentlich noch ganz interessant. Z.B. sind die meisten Häuser hier auf Stelzen gebaut. Grund dafür ist der, dass man den Permafrost darunter nicht auftauen möchte, da die Gebäude sonst versinken würden. Ebenfalls überirdisch sind sämtliche Wasser- und Abwasserleitungen, aus dem gleichen Grund. Die Preise für sämtliches Futter hier sind hoch, was aber niemanden überraschen kann. Dass so viele ältere Leute besoffen und rauchend auf den Strassen rumhängen, ist schade, und dass der Zeltplatz nicht wirklich sicher ist, da die einheimischen „Kids“ klauen, spricht auch nicht gerade für den Ort. 

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Igloo Church in Inuvik.

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MacKenzie Street, Inuviks Hauptstrasse.


Wir haben den Dempster Highway hinter uns. War es hart gewesen? Ja, eindeutig. Aber nicht so schlimm wie erwartet oder wie anderweitig gelesen. Wobei wir mit dem Wetter insgesamt Glück gehabt hatten, ich möchte ja gar nicht wissen, wie die Strasse nach tagelangen Regenfällen aussieht. Andererseits war dies auch bei weitem nicht die übelste Strasse, auf der wir je gefahren sind. Im Vergleich zur Ruta 40 in Argentinien, der Carretera Austral in Chile und einigen kürzeren Abschnitten in Peru oder Ecuador. Aber  hier sind wir durchschnittlich klar längere Tage gefahren als bisher, das merkt man mit der Zeit schon. Die erste Hälfte hat mir landschaftlich auch sehr gut gefallen, ab Eagle Plains fragten wir uns ab und zu, ob sich der Aufwand eigentlich noch lohnte. Es war schon schön, aber man hatte es dann auch bald gesehen, die Variationen blieben eher aus. Empfehlen kann man die Strecke trotzdem, es ist schlicht cool, da hinaufzupedalen!

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