... dass ich nichts weiß

Schämen sich die Leute denn nicht? Eine Meinung haben, schön und gut - die haben wir alle. Gleichwohl viele nur meinen zu meinen, doch auch das kann gemeint sein, wenn man Meinung vertritt. Lausche ich diesem Völkchen, dass sich selbst als Volk von Ökonomen begreift, dann schäme ich mich. Fremdschämen! Kürzlich erst wieder, da hörte ich verstohlen zwei Männern zu, wie sie versuchten und rangen, die Rettung des Euros ökonomisch zu analysieren. Inflation war ein häufig gebrauchtes, inflationär benutztes Wort. Umschuldung war auch mehrmals zu hören. Zwei Finanz-Asse in der Fußgängerzone. Ich gebe es ja zu, manchmal habe ich mich auch schon dabei ertappt, ein wenig Ökonomisch zu sprechen - wenn ich mir dann mitten im Satz gewahr werde, wie geschwollen das dröhnt, dann schäme ich mich anstandslos. Warum ich das tue, ist leicht erklärt, mit einem kurzen Satz: Weil mich das Gefühl beschleicht, dass ich von Ökonomie keine Ahnung habe.

Dieser Satz im Bezug auf die Fährnisse und Wirrungen des Malstroms Ökonomie, dieser Satz, in dem man seine relative Ahnungslosigkeit aufrollt, den hört man viel zu selten. Der wäre aber angebracht - und wenn man solchen, wie diesen zwei Männern zuhört, dann wäre er vermutlich sogar dringend geboten. Was ist denn dabei, auch mal etwas nicht zu wissen? Zu wissen, dass man nichts weiß - war das nicht mal eine Einsicht von höchster, von philosophischer Weisheit? Im Volk der Ökonomen, in dem jeder mitredet, jeder etwas weiß, jeder Fachjargon quälen will, ist der Satz nicht mehr weise, nicht mehr philosophisch, sondern das demütigende Eingeständnis, nicht auf der Höhe dieser protzig wichtigtuerischen Zeit zu sein. Man muß doch heute, wenn man sonst schon nichts hat, so doch wenigstens eine Meinung haben! Nichts zu wissen, kann in einer Epoche, da Philosophie als brotlose Disziplin verunglimpft und aus den Universitäten verjagt wird, wahrscheinlich keine Weisheit mehr sein, sondern nur das Gegenteil.

Natürlich: nicht jeder ist ökonomisch ungehobelt. Ich vielleicht auch nicht gänzlich. Dass so einfache Allgemeinplätze wie jener, dass Angebot und Nachfrage sich bedingen, nicht grundsätzlich stimmen, habe ich schon bemerkt. Oder dass der freie Markt angeblich pluralistische Konsumwelten schaffe, erkenne ich anhand des Warensortiments in Supermärkten, wo es beinahe nur noch standardisiertes Gemüse und Obst gibt, auch als beliebte Lüge an. Bauchgefühl würde ich dieses Wissen nennen. Ohnehin, so vermute ich stark, wenn ich die Taschenspielertricks der momentan schnieken Ökonomen so verfolge, scheint dieses Metier mehr auf Bauch als auf Kopf zu bauen. Da gibt es diesen Geschäftsklimaindex, den das ifo Institut unter Leitung Hans-Werner Sinns monatlich an die Presse schickt. Geht er dreimal in Serie abwärts, so heißt das Pi mal Daumen: Trendwende! Und das, obwohl dieser Index sich nur aus einigen tausend Meinungen von Managern und Führungskräften zusammensetzt. Je nach Lust und Laune können diese das Ergebnis beeinflussen. Es kann also sein, dass sich die Herbstdepression manches in der Midlife-Crisis steckenden Managers, dann als Klimaindex-Schwankung niederschlägt. Stichhaltig nach persönlichen Befindlichkeiten analysiert - muß man da viel Ahnung von der Materie haben? Da bin ich mit meinem Bauchgefühl recht gut dabei, glaube ich.

Das bisschen Ahnung, das man hat, das kann man ja verwenden. Aber dass plötzlich, da man nur noch von Krise, von Rettung, von Finanzdschungel hört und liest... dass da plötzlich jeder dick auftragen will, das ist doch peinlich. Es sind eh Zeiten, in denen wir leben, die sich nicht leicht kategorisieren lassen. Ist Bankenrettung gut oder schlecht? Es widerstrebt einen, diesen Aasgeiern auch nur den kleinen Finger hinzuhalten. Nur, wenn man es nicht tut, dann mag die Katastrophe perfekt sein. Und die Milliarden für Griechenland: ja oder nein? Ich bin ehrlich, ich weiß es nicht. Es gibt Argumente dafür und dagegen - und je nach Gestimmtheit und Wetterfühligkeit leuchtet mir entweder die oder eine andere Ansicht darüber ein. Da ich nicht weiß, was richtig ist, halte ich vorsichtshalber mein Maul. So beschämt es weniger.

Vermutlich würde es der gesamten Branche nicht schlecht tun, wenn man mal freiweg feststellen würde, dass man nichts Genaues weiß. Dass es so oder auch so kommen könnte, dass es sich als richtig oder aber als ganz falsch erweisen kann. Dass es so viele unkalkulierbare Faktoren gibt - angefangen beim Verhalten der Aktionäre, aufgehört beim Stuhlgang der Manager, die für den Klimaindex befragt werden, und die ihre Scheißlaune in die Fragebogen kloppen können. Ich meine, dass drei und drei unter den herrschenden Naturgesetzen sechs ergibt, das ist genaue Wissenschaft - wenn man drei und drei im Sturm ausrechnen soll, kopfüber und unter Einflüsterungen, dass auch sieben richtig sein könnte, dann sieht die Geschichte ganz anders aus, denn dann sind da ein Übermaß an Faktoren im Spiel, die man berechnen muß, die aber letzthin unberechenbar bleiben. Unter erschwerten Bedingungen ist genaue Wissenschaft kaum noch drin - die Ökonomie ist ja auch nie solche gewesen. Das erklärt man den Menschen aber nicht ausdrücklich, weswegen sie die Straßen mit ihren Ökonomie-Sprech überziehen. Ökonomie ist religiöser Terror - sie wirkt unantastbar.

Der Wirtschaftsexperte, der offen erklärte, er wisse nicht, was geschieht und es könne gleichwohl rot wie auch grün, windig wie auch sonnig kommen, der sein begrenztes Wissen nicht über die Grenzen ausweitete, sich nicht in Sophistereien ergösse, dem würde ich glauben.


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