Das typische Beratungsprojekt gibt es nicht – Christian Jacob im Interview

Von Neo_freeman

Digitalisierung, Industrie 4.0, Cyber Sicherheit. Inzwischen vergeht kein Tag, an dem sich die Wirtschafts- und Fachpresse nicht einem IT-Thema intensiv widmet. Auch für die Beratungsbranche gilt: Technik ist Trumpf – Kunden wollen in Sachen IT beraten werden.

Consulting-Life.de hatte Gelegenheit Christian Jacob, einen erfahrenen IT-Experten zu interviewen. Im Gespräch verät der Bereichsleiter, Blogger und Familienvater, warum ihm die Investition in Juniorberater so wichtig ist und in welchen Feldern sich Consulting Firmen digitalisieren sollten.

Consulting-Life.de: Herr Christian Jacob. Seit mehr als 13 Jahre bist Du bereits Unternehmensberater. Was hält Dich nach über einer Dekade noch in dieser Branche?

Christian Jacob: Vereinfacht gesagt der stetige Wandel und die Arbeit mit Menschen. Angefangen habe ich als Berater mit Schwerpunkt Software-Entwicklung. Entgegen klassischer Beratungsunternehmen funktioniert mein Unternehmen TOP TECHNOLOGIES CONSULTING dabei zwar nicht nach dem Up-or-Out Prinzip, sprich: Du kannst Dich bei uns auch horizontal entwickeln.

Dennoch hat es mich nach oben gezogen und inzwischen leite ich einen unserer Geschäftsbereiche. Dadurch steht die Arbeit mit Menschen sogar noch mehr im Vordergrund, als es vorher der Fall gewesen ist und mir gefällt diese Herausforderung.

Wie verläuft ein typisches Beratungsprojekt bei Dir?

So etwas wie das „Typische Beratungsprojekt“ gibt es nach meiner Erfahrung nicht. Projekte sind bereits der Definition nach einmalig. Und während wir natürlich versuchen, unsere Kompetenz in Form sogennanter Dienstleistungsprodukte immer wieder zu verkaufen, ist doch jedes Projekt irgendwie anders.

Typisch ist dabei nur, dass wir mit unserer langjährigen Erfahrung optimalen Kundennutzen bieten können und in unseren Projekten interdisziplinäre Anforderungen umsetzen, egal ob es sich dabei um Management-Themen, IT Infrastrukturen, Anwendungsentwicklung oder das Software Asset Management handelt.

Was magst Du an Deinem Job? Und worauf könntest Du getrost verzichten?

Ich habe nicht die eine Sache gelernt und wende sie bis an mein Lebensende an. Mein Job fordert mich heraus, täglich etwas Neues zu lernen und dabei freue ich mich noch heute darüber, wenn ich über Wissen stolpere, dass ich sofort adaptieren und zum Einsatz bringen kann. Spannenderweise verschiebt sich dabei mein Fokus immer weiter weg von der Technologie hin zu Themen rund um den Vertrieb, die Mitarbeiterführung und das Business Development.

Im Laufe der Zeit sammelt sich dabei aber auch vieles an Wissen, Werkzeugen, Unterlagen und Prozessen an, das sich entweder selbst überholt hat oder grundsätlich nicht mehr zeitgemäß ist. Darauf könnte ich getrost verzichten; aber es fällt mir schwer, einen „Müll-Entsorgungs-Prozess“ zu implementieren…

Digitalisierung, Industrie 4.0, Internet of Things: die IT-Sparte boomt. Spürt ihr diesen Trend ebenfalls in Euren Beratungsprojekten?

Ja richtig. Alle sprechen von der vierten industriellen Revolution (wirklich alle,… nur Deutschland spricht von Industrie 4.0). In der Tat spüre besonders ich mit meinem Geschäftsbereich die Auswirkungen seit bereits einiger Zeit.

Positiv daran ist, dass beispielsweise die Behörden die Zeichen der Zeit erkannt haben und daraus viele treibende Projekte für uns entstehen.

Negativ ist aber auch anzumerken, dass viele das sich immer schneller drehende Rad vollkommen falsch interpretieren: Schnell heißt nicht, dass man auf Qualität verzichten kann. Unglücklicherweise leiden aber nahezu alle qualitätssichernden Prozesse unter dem Trend der stetigen Beschleunigung.

Abgesehen von der Fachlichkeit: worin siehst Du den Unterschied zwischen einem Fachangestellten und einem IT-Berater?

Mit der Frage werde ich regelmäßig indirekt in Bewerbungsgesprächen konfrontiert.

Während meiner Berufsschulzeit haben wir damals die Berater immer scherzhaft als Universaldilletanten bezeichnet und das war nicht einmal besonders weit weg von der Realität: IT-Berater sammeln aufgrund der regelmäßig wechselnden Projekte und auch Sozialkontexte schneller mehr Erfahrungen als Festangestellte, die in einem Business agieren. Diese werden zwar zu Experten in ihrem eigenen Umfeld, wir IT-Berater sind aber deutlich breiter aufgestellt und können somit mehr Kunden nutzen bringen.

Persönlich halte ich letzteres auch für interessanter. Aber das muss jeder für sich selbst entscheiden.

Auf blog.toptechnologies.de geben Deine Kollegen und Du seit 2009 Tipps & Tricks von Techies an Techies weiter. Als Unternehmer: wie ist Deine Erfahrung mit dem Medium Blog?

Da fragst Du den falschen Aspekt meiner Persönlichkeit.

Zunächst einmal ist das Ziel dieses Blogs maßgeblich das Konservieren von Wissen. Außerdem hat man mir bereits in der Schulzeit ein gewisses Mitteilungsbedürfnis attestiert. Insofern nutze ich das Medium, um mein Wissen mit einer potentiell breiten Masse zu teilen und auf der anderen Seite, um ein Nachschlageweg für mich selsbt zu schaffen. Das hat mir in der Vergangenheit übrigens bereits oft geholfen. Tatsächlich sind die Besucherzahlen aber vernachlässigbar. Im Business-Umfeld – und ohne dass das Medium gezielt als Marketinginstrument eingesetzt wird – haben Internet-Nutzer kaum Interesse an solchen Blogs.

Anders ist es mit dem von meiner Frau und mir privat geführten Bücherblog, auf dem wir maßgeblich Rezensionen veröffentlichen (tthinkttwice.de). Im Vergleich zu blog.toptechnologies.de boomt die Seite.

Seit diesem Jahr führst Du unter berater-werkzeuge.de ebenfalls einen Blog für Unternehmensberater. Wie kam es dazu?

In meinem Leben vollzieht sich gerade ein Wandel. Ich bin letztes Jahr Vater geworden und gleichzeitig stelle ich in meiner Firma auch viele Junior-Berater ein. Natürlich bieten wir Seminare an und investieren bereits viel Zeit in die Ausbildung unserer Mitarbeiter.

Aber genau wie ich inzwischen privat das Bedürfnis entwickle, mein Wissen und meine Erfahrung an meine Tochter weiterzugeben, entstand daraus auch der Gedanke, dass ich in meinem Beruf viele Erfahrungen gemacht habe, die es nun Zeit wird, mit Junior-Beratern zu teilen, um ihnen den Berufseinstieg zu erleichtern.

berater-werkzeuge.de befindet sich noch im Aufbau, aber nach und nach wird sich daraus eine unverzichtbare Quelle an Ideen, Tipps und Erfahrungen entwickeln, von denen junge Berater hoffentlich profitieren können

Und was macht ein Christian Jacob, wenn er mal nicht Kunden in technischen Fragestellungen berät oder an seinen Blogs schreibt?

Ich lese sehr viel und natürlich bestimmt meine Tochter zurzeit meine Freizeit. Vor ihrer Geburt habe ich mich viel mit Musik beschäftigt und auch selbst produziert, mich über das Erscheinen neu entwickelter Commodore 64 Spiele gefreut und mich gleichzeitig damit beschäftigt, wie man solche entwickelt. Das mag zwar nerdig klingen, aber die Brotkiste ist nun einmal nicht totzukriegen und es ist erstaunlich, wie viel man von ihr auch heute noch lernen kann. Ansonsten koche ich leidenschaftlich gerne und liebe das Familienleben mit meiner Frau und meiner Tochter.

Angenommen ich bin Juniorberater und starte mit gerade mit meiner Consulting Laufbahn. Welchen wertvollsten Tipp würdest Du mir anvertrauen?

In einem Wort: Verbindlichkeit. Daraus leitet sich alles ab. Sei verbindlich Dir selbst gegenüber, in dem Du Dir das Erreichen der Ziele, die Du Dir setzt, versprichst und Dein Versprechen auch einhältst. Diese Form der Verbindlichkeit ist auch unabdingbar im Consulting Business: Kunden erwarten, dass Du Ergebnisse lieferst, Chefs erwarten, dass Du Dich an Zielvereinbarungen hältst und Dein Lebenspartner erwartet, dass Du wie versprochen pünktlich Abends zu Hause bist.

Wenn Du Schwierigkeiten dabei hast, Dich zu fokussieren, suche nach Werkzeugen, die Dir dabei helfen und setze diese konsequent ein. Bilde Dich dabei permanent fort und hab Spaß dabei. Beraten kommt nicht von raten, also lies viel, lerne viel und freue Dich auf ein abwechslungsreiches Berufsleben mit ungeahnten Möglichkeiten!

Letzte Frage: alle Welt redet von Digitalisierung. Wo kann und sollte sich eine Unternehmensberatung digitalisieren?

Unternehmensberatungen sind Dienstleister. Und als wirtschaftlich aktive Unternehmen kann man sich darüber streiten, ob sie ihr Ziel – wie von Stefan Merath propagiert – einzig im Kundennutzen sehen, oder – der klassischen Wirtschaftslehre folgend – im Wachstum: In jedem Fall setzen sie unfassbar viele Prozesse und Werkzeuge für interne Zwecke ein: Webpräsenzen, CRM-Systeme, Kollaborationsplattformen, Quellcode-Verwaltungen, Zeiterfassungssysteme und dergleichen mehr.

Im Zeitalter der Digitalisierung ist es wichtig, darauf zu achten, dass sich diese Prozesse vernetzen und vor allem: weitestgehend automatisieren lassen. Zudem sollte man sich die Frage stellen, wie viel davon intern betrieben werden muss und ob vieles nicht aus ausgelagert werden kann. Ich sage immer: Erfinde das Rad nicht neu, es sei denn, Du willst etwas über Räder lernen.

In die Sprache einer Unternehmensberatung übertragen bedeutet das: Wenn Dein Dienstleistungsangebot nicht darin besteht, Kunden bei der Einführung eines CRM Systems zu helfen, dann ist es auch nicht notwendig, selbst eines zu betreiben. Wenn Du es für Deine Vertriebsprozesse benötigst, sprich mit einem passenden Cloud-Anbieter.

Am deutlichsten aber zeigt sich das Thema Digitalisierung hinsichtlich nicht gut vernetzter Prozesse im Identity und Access Management (IAM) einer Unternehmensberatung. Ohne saubere IAM-Prozesse sind neue Mitarbeiter erst Tage nach der Einstellung arbeitsfähig oder es braucht Wochen, bis die Berechtigungen auf alle Systeme korrekt vergeben sind. Das kostet Zeit, verbrennt Ressourcen und demotiviert. In diesem Kontext beraten wir unsere Kunden übrigens sehr aktiv

Vielen Dank für das umfassende Interview!

Das Gespräch führte Christopher Schulz, 19. Juli 2017.

Christian Jacob
Christian Jacob leitet einen Geschäftsbereich der TOP TECHNOLOGY CONSULTING GmbH im Norden Deutschlands. Der Erfolg und die Zufriedenheit seiner Mitarbeiter und Kunden stehen für ihn im Vordergrund. Dazu engagiert er sich intensiv, unter anderem in der internen Wissenvermittlung und seit 2017 auch mit seinem privaten Blog berater-werkzeuge.de. Sein Ziel:  jungen Menschen den Einstieg in die Beraterbranche zu vereinfachen.