Das Sterben lernen

Von Marc Schanz
Afghanistan, dein vergessener Krieg ist wieder zurück. Eine blutige Explosion hallt tausendfach in den Medien nach. Diesmal traf es keinen der Frontsoldaten, die zum Sterben auserkorenen sind. Es zerfetzte eine hochrangig besetzte Sicherheitskonferenz in Talokan mit Gouverneuren, Polizeichefs und Kommandeuren der ISAF, die Eliten des Krieges also, die es gewohnt sind, außerhalb der Gefahrenzone zu agieren, um in diesem Schutz den Krieg kontrollieren zu können.
Lange, viel zu lange war in Afghanistan kein Krieg. Wir bauten schließlich im Schutze des Militärs nur Kindergärten und Brunnen. Erst im Laufe der Jahre lernte die Bundeswehr am Hindukusch das Kriegshandwerk: das Töten. Keiner hat diese Lektion bisher besser verstanden als Oberst Klein. Die deutsche Justiz sprach zu dem Flammeninferno am Fluss Kunduz mit über hundert afghanischen Toten, das es gut war.
Wir kommen voran, wir sind auf dem richtigen Weg, verspricht uns die Politik. In der Tat, die Exekution Osama bin Ladens hat uns nicht nur die ersehnte Kriegstrophäe beschert, sie führt auch zur gewünschten Eskalation im Kriegsgebiet.
Ein Krieg ohne Gewalt, Leid und Tod ist kein Krieg. Zuerst muss Blut fließen und es müssen Köpfe rollen, nur dann kann die Kriegsgier der Heimatfront geweckt werden. Das schafft endlich die ersehnte Voraussetzung dafür, dass die Militärmaschinerie auf Hochtouren laufen kann. Ohne Skrupel und mit dem immer gleichen Ziel: einem möglichst langen und möglichst teuren Krieg.
Letzten Samstag ist den Taliban ein Enthauptungsschlag gegen die Bundeswehr gelungen. Mehrere Selbstmordattentäter griffen die Sicherheitskonferenz an, unter den zahlreichen Toten sind zwei deutsche Soldaten. Der Kommandeur der Internationalen Schutztruppe ISAF in Nordafghanistan, der deutsche General Kneip, wurde bei dem Anschlag verletzt. Die Taliban verfügen nicht über das professionelle Background wie die NATO oder die USA. Ihr Enthauptungsschlag wurde nicht mit geheimen Stealth-Helikoptern durchgeführt, die Filmrechte an diesem Plot werden nie von Hollywood gekauft werden, doch militärisch ist es eine gelungene Antwort.
Die Taliban dürfen sich über diesen tödlichen Erfolg freuen wie eine Kanzlerin. Der Anschlag zeigt: die Taliban fühlen sich nicht nur stark genug für einen solchen Enthauptungsschlag gegen ISAF und Bundeswehr – sie können ihn sogar erfolgreich durchführen. Die Konsequenz ist klar: es werden weitere folgen.
Die Kriegslogik mit ihrer eskalierenden Gewaltspirale zieht uns in Afghanistan immer tiefer in den Abgrund. Eine schreckliche Lektion des Krieges, den die Afghanen nur zu gut kennen, lernen wir nun: das Sterben. Es ist unser Wunsch, denn es ist unser selbst gemachtes Vietghan.

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