Das Scheinwerferlicht – Vorurteile, Demütigung und soziale Verachtung

Die kleinen schmutzigen Geheimnisse die wir hinter verschlossenen Türen aufbewahren, machen uns zu Menschen. Wir glauben daran eher von Anderen akzeptiert zu werden wenn wir uns perfekt präsentieren. Wir bauen uns eine optimierte Version unseres Selbst in dem wir unsere kleine Macken und Kanten verstecken. Hierdurch beschützen wir unser zerbrechliches Herz vor quälendem Schmerz durch Vorurteile, Demütigung und sozialer Verachtung.

Bist Du aber eine Elternteil eines behinderten Kindes dann hast Du keine Geheimnisse mehr! Du kannst die Behinderung Deines Kindes nicht verstecken!
Gehhilfen, Rollstühle, abweichende Verhaltensnormen (Auffälligkeiten) alarmieren unsere Umwelt und unsere Umgebung mit unserer unerwünschten Anwesenheit. Wir sind Enttarnte und verwundbare, hilflose Opfer und Geiseln von unerwünschten Blicken, Kommentaren und Kritiken einer ignoranten Öffentlichkeit.
Wenn Du dich der Welt und der Gesellschaft zeigen möchtest was, wer und wie Dein Kind ist dann bist Du nicht mehr länger unauffällig. Du fügst Dich nicht länger! Du trittst in das Scheinwerferlicht!
Wie Du das „ Scheinwerferlicht " allerdings nutzt liegt vollkommen bei Dir.

An den meisten Tagen lässt Du die Blicke und Kommentare mit abgehärteter Toleranz und höflicher Unempfänglichkeit an Dir abgleiten. Dann wiederum gibt es Tage in welchen Du ihnen mir Zorn entgegen trittst, mit Traurigkeit, mit Scham, vielleicht sogar mit Vergeltung.
Aber welcher Emotion du auch immer unterliegst - Du verlierst die Möglichkeit Dein Herz zu beschützen.

Ich erinnere mich an eine Schulveranstaltung.
Meine Tochter und ich kamen in eine kleine Sporthalle in der ein Stück aufgeführt werden sollte.
Ich kenne meine Tochter und daher suchte ich nach einem Platz, möglichst weit hinten und mit einem kurzen Weg zum Ausgang. Manchmal schreit sie schrill und in hohen Tönen, zumeist wenn ihr etwas nicht passt. Sie kann auch nicht still sitzen. Sie ist nun mal ein kleines Mädchen mit Hummeln im Hintern und ich finde das auch gut so, denn ich kenne Ihre ganze Geschichte und bin froh darüber. Die Wenigsten allerdings kennen uns und von daher habe ich mir bereits im Vorfeld Gedanken gemacht und sämtliche mögliche Szenarien mit ihr in Gedanken durchgespielt.
Kinder sind unheimlich feinfühlig und sie merken sofort wenn etwas nicht stimmt. Und so habe ich den Druck den ich auf mich aufbaute wohl auch auf meine Tochter übertragen.
Ich war Nervös und ich wusste dass ich unter Druck stand aber Verleugnung bzw. Ausblendung innerer Emotionen ist eine gewaltige Droge verzweifelter Eltern.
Der Saal füllte sich so langsam mit Kindern und Eltern.
Eine Bekannte kam kurz vorbei, begrüßte meine Tochter herzlich und hielt einen kurzen Smalltalk mit uns.
Alleine dieser kleine Akt der Freundlichkeit nahm bereits ein kleines bisschen meiner Furcht und Anspannung.
Das änderte sich aber kurz darauf wieder.
„Da sitzen!"
Und meinte die Fensterseite des Saales.
„Wir bleiben nun hier sitzen"
„Neeein!!!" kreischte sie und die Köpfe im Saal drehten sich nach uns um.
Wir setzten uns also zur Fensterseite und sie war tatsächlich eine Weile ruhig, denn sie konnte die Welt draußen beobachten.
Die Vorstellung begann mit einer ewigen Einleitung in welcher alle Darsteller, Mitwirkenden und Unterstützer genannt wurden. Ein Monotones herablesen einer Liste mit Namen.
„Keine Lust mehr"
Ich sagte Ihr dass wir zuhören müssten und dass es bald anfängt.
„Nein, will nicht!"
Sprang vom Stuhl auf und rannte im hinteren Teil des Saales hin und her. Natürlich bin ich hinterher, fing sie ein (sie fand Fange spielen recht lustig und lachte lauthals) aber in dem moment wo cih sie hatte und versuchte sie wieder auf den Stuhl zu setzen ging das Geschrei richtig los.
„MAG NICHT, NEIN LASS DAS, WILL NICHT"
Der Sprecher hielt inne und der ganze Saal drehte sich wieder nach uns um. Meine Wangen glühten und ich verlor meine Sicherheit.
Es fühlte sich an als würden sich hunderte tot bringende, rote Laserpunkte auf meinen Körper befinden, ausgestrahlt von den scharf dreinblickenden und verachtenden Augen eines Saals voll mit aufgebrachten Eltern.

Es war ruhig und jeder wartete ab was als nächstes passieren und was ich tun würde.
Ich ging mit meiner Tochter in Richtung Ausgang.

Ich spürte die Welle des Grolls der Eltern um uns herum, verärgert dass wir Ihr Bedürfnis nach einer perfekten Vorstellung ge- und zerstört haben. Ich blickte auf den Boden und wusste dass ich die Wut in mir nicht kontrollieren konnte. Wut über ihre erdrückende Ignoranz!
Im Herzen betrübt, stellte ich fest dass ich zu viel von meiner Tochter verlangte. Ich hatte sie in einen Saal gesetzt und in eine Umgebung gepresst mit der sie nichts anfangen konnte. Ihre Fähigkeit solch eine Vorstellung zu ertragen und auszuhalten wurde ersetzt durch mein Bedürfnis nach etwas Normalität und Perfektion.

Ich bezahlte für meinen Egoismus!

Als wir draußen waren lag dort ein Ball mit dem wir anfingen zu spielen. Eine Betreuerin, welche meine Tochter aus der Lebenshilfe kannte, kam hinzu und spielte etwas mit uns. Meine Tochter war glücklich, sie lachte, sie spielte und war froh ihrem Bewegungsdrang folgen und mit Menschen spielen zu können die sie liebte. Ich erkannte dass es weitaus wertvoller für meine Tochter ist mit einer Gruppe von Menschen die sie mag aktiv handeln zu können. Das ist Ihre Welt, das ist sie, das benötigt sie und das ist Bedeutungsvoller für sie als alles andere.

Ich kann es ihr nicht verübeln, denn die Zeit die wir miteinander haben und verbringen ist begrenzt. Unter der Woche haben wir unseren Alltag - ich gehe arbeiten, sie zur Schule. Abends haben wir etwa 2-3 Stunden miteinander, mehr nicht. Sie möchte also das Wochenende bzw. die freien Tage aktiv mit den Menschen die sie liebt denn nur so hat man auch etwas von den Menschen. Kontakt, Interaktion, Zusammenhalt, Wärme und Vertrautheit.

Als wir nach Hause fuhren ließ ich mir das Szenario noch einmal durch den Kopf gehen und dachte an die Situation als meine Tochter schrie als sei sie einer blutrünstigen Bestie in Form ihres Vaters begegnet.

Erst jetzt wurde mir klar dass in der Näher des Ausgangs ein Mann stand. Ein Mann der mir zwischen all den zornigen Blicken der Eltern, ein mildes Lächeln und Augenzwinkern zuwarf. Erst jetzt registrierte ich dass diese simple Geste etwas Beruhigendes hatte und erst jetzt registrierte ich, dass neben der Bekannten und der ehemaligen Betreuerin ein völlig unbekannter Mensch war der Mitgefühl hatte und die Schwierigkeiten mit meiner Tochter zu schätzen wusste.
Ich kannte den Mann nicht und vielleicht werde ich ihn nie kennen lernen.
Aber ... im Nachhinein betrachtet half er mir. Er half mir zu erkennen dass wir unser kleine „Geheimnis" offen in die Welt hinaus tragen und zeigen, aber was überhaupt nicht offensichtlich aber viel wichtiger ist ist die Fähigkeit meiner Tochter die Menschen zu demaskieren, welche meinen über sie urteilen zu müssen.
Sie enttarnt die Geheimnisse der menschlichen Persönlichkeit und zeigt mir auf welcher Seite ihrer geistigen Reise sie stehen.
Die meisten Beobachter die gaffen oder blöd kommentieren sind erschrocken, haben Angst, sind kalt, abstoßend Schaulustig und zeigen mit Ihrem Verhalten ihre geistige Unreife.
Aber manchmal sind wir in der der glücklichen Lage die wenigen versteckten aufzufinden. Die wirklich Vorurteilsfreien Menschen. Gute Seelen die unter uns leben. Treu, mit starkem Geist, furchtlos an unserer Seite stehend, auf der Reise neues kennen zu lernen unser spezielles Kind zu begleiten.
Nochmal, es war meine Tochter die mir zeigte dass im eigentlichen Sinne wir behindert sind. Verkümmert und lahm gelegt in der Bemühung unsere Geheimnisse und damit unseren Schein zu wahren.

Im Streben nach Perfektion unterdrücken wir unser Verlangen und unsere Bedürfnisse - Unsere menschlichen Makel und Kanten sind unsere Geheimnisse.
Wir vernichten die Essenzen die uns zu dem machen was wir sind, was uns wertvoll und Einzigartig macht.
In Folge dessen verlieren wir unsere Humanität und unsere Fähigkeit zu lieben.

Es sind unsere Geheimnisse die uns davon abhalten zu leben.

Ich bin es leid Angst davor zu haben zu leben.

Ich bin bereit die Menschlichkeit meiner Tochter anzunehmen und entscheide mich dafür keine Geheimnisse zu haben.

Das ist Authentizität!