Das Prignitz-Museum für Vorgeschichte in Heiligengrabe

Von Ingo Bading @ingo_34

Ein bedeutender Ort der wissenschaftlichen Germanenkunde vor 1945

Das Kloster Heiligengrabe ( Wiki), gelegen auf halbem Weg zwischen Wittstock und Pritzwalk, gilt als das besterhaltendste Kloster des Landes Brandenburg. Mit seinen vielen Gebäuden noch heute idyllisch und ruhig gelegenen, ist es dennoch verkehrsmäßig gut angebunden. Liegt es doch nur zwei Kilometer von der A24 von Berlin nach Hamburg entfernt. Das mittelalterliche Frauenkloster der Zisterzienser und das nachmittelalterliche säkularisierte Damenstift galten bis ins 20. Jahrhundert hinein als Versorgungsanstalt für unverheiratete Mädchen der adligen Familien des Landes, insbesondere auch verarmter adliger Familien. Solche gab es zum Beispiel nach den Schlesischen Kriegen Friedrichs des Großen (Ortrud Wörner-Heil, S. 422):

Das Stift galt als vornehm. Seine Leiterin, die Äbtissin, hatte einen hohen Rang am preußischen Hof. Sie hatte den gleichen Rang wie die Oberhofmeisterin der Prinzessinnen und die Hofdamen der Kronprinzessin. Sie rangierte vor den Ehefrauen der Obersten. Auch die Stiftsdamen waren hoffähig und hatten eine herausgehobene Stelle in der Hofrangordnung, mit größerem Ansehen, als es unverheirateten Frauen sonst zukam. Sie folgten den Ehefrauen der Majore.

Es ging also "standesgemäß" zu damals in Preußen.


1909 wurde in diesem Damenstift ein bedeutendes vorgeschichtliches Museum, das Prignitz-Museum, eingerichtet. Ganz bescheiden nannte man es zwar zunächst nur "Heimat-Museum". Aber es galt - bis zu seiner Plünderung und Vernichtung durch die Russen im Jahr 1945 - als eines der fortschrittlichsten Museen seiner Art in ganz Deutschland - und damit in der Welt. Seit 1997 wird im heutigen Damenstift wieder ein neues Museum aufgebaut, das an die große Tradition des Museums, das bis 1945 bestand, anzuknüpfen versucht (2). Dazu ist ein "Verein zur Entwicklung des Kultur- und Museumsstandortes Kloster Stift zum Heiligengrabe e.V." von der Gemeinde und von Gewerbetreibenden Heiligengrabes gegründet worden. In dem heutigen Museum in Heiligengrabe wird an die Existenz des vormaligen, recht bedeutenden Museums zunächst nur erinnert (Abb. 1, 4-10).

Arbeitet man sich, angestoßen durch die bislang nur wenigen Andeutungen und Anregungen im heutigen Museum (2) in die Geschichte dieses Museums ein, steht man vor immer wieder erschütterndem Geschehen, vor einer ganzen Reihe von bewegenden Lebensschicksalen jener Menschen, die sich um den Aufbau dieses Museums verdient gemacht hatten, ja, vor einer ganzen Geistesrichtung der deutschen Geschichte, die heute kaum noch zur Kenntnis genommen wird, derer heute kaum noch gedacht wird, nämlich der begeisternden wissenschaftlichen Germanenkunde vor 1945.

Die Vorgeschichte der Prignitz bietet heute, hundert Jahre später, natürlich noch ein viel reichhaligeres Bild, als sie dies zur Zeit der Gründung dieses Museums bieten konnte ( Wiki). Um diesen Reichtum deutlich zu machen, hat das Brandenburgische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologische Landesmuseum (BLDAM) in der Prignitz entlang "Zentraler Archäologischer Orte", entlang von sogenannten "Leuchttürmen der Landesgeschichte" einen "Archäologischen Pfad" eingerichtet ( Landkreis Prignitz). Für diesen wurde auch eine eigene Broschüre erstellt ( pdf). Von den betroffenen Gemeinden ist sogar zur weiteren kulturellen, musealen und touristischen Erschließung dieses Archäologischen Pfades eine "Prignitzer Erklärung" verfaßt worden. Das sind alles Bestrebungen, die einstmal auch im Prignitz-Museum in Heiligengrabe verfolgt worden sind.

Archäologie der Prignitz - Ein kurzer Überblick zum heutigen Wissensstand


Zwischen 3.300 und 3.100 v. Ztr. haben Menschen der Trichterbecherkultur, die um 4.300 v. Ztr. entstanden war, nahe des Dorfes Melle bei Lenzen an der Elbe ein Großsteingrab errichtet ( Wiki). Es ist als einziges von mehreren dieser Gegend übrig geblieben. Die Menschen der Trichterbecherkultur, des ersten seßhaften Bauernvolkes in diesem Raum, waren nach den neuesten Ergebnissen der Archäogenetik zu 80 % anatolisch-neolithischer und zu 20 % einheimischer Abstammung. Sie stammten also vorwiegend von den mitteleuropäischen Bandkeramikern und deren Nachfolgekulturen Zur Zeit der Errichtung dieses Grabes war schon die Benutzung des Rades in Form von Rinderwagen gebräuchlich geworden.

Ab 2.500 v. Ztr. breiteten sich die indogermanischen Schnurkeramiker - aus dem Weichselraum kommend, bzw. letztlich von der Wolga kommend - über die Prignitz bis nach Skandinavien aus. Sie breiteten jene Muttersprache und Genetik über ganz Europa aus, die noch heute dort vorherrschen. Wir stammen noch heute von ihnen ab, unsere Gene stammen zu 70 bis 80 % von den Schnurkeramikern ab, der Rest unserer Gene stammt von den anatolisch-neolithischen Bauern, die vor den Schnurkeramikern hier lebten, ab, sowie von den letzten Jägern und Sammlern, die vor der Trichterbecherkultur in Europa - vermutlich 30.000 Jahre lang ununterbrochen - lebten. Um 2.200 herum ging aus den Schnurkeramikern in Nordeuropa die Nordische Bronzezeit und - im Mittleren Elberaum - die bedeutende Aunjetitzer Kultur hervor. Aus der Aunjetitzer Kultur ging später in kultureller und genetischer Kontinuität die große Völkergruppe der Kelten hervor, aus der Nordischen Bronzezeit die große Völkergruppe der Germanen. In welchen Zusammenhängen die Menschen und Volksstämme der Prignitz mit der Schlacht im Tollensetal ( Wiki) im nahegelegenen Mecklenburg standen, ist bislang sicherlich noch schwer zu sagen.

Aber als eines der spätesten, bedeutenden Zeugnisse der Bronzezeit mit ihren Handelsbeziehungen bis in den Mittelmeerraum gilt das "Königsgrab von Seddin" ( Wiki) aus der Zeit um 820 v. Ztr., 16 Kilometer westlich von Pritzwalk. Einstmals weithin sichtbar, liegt es heute noch inmitten waldbewachsener Hügel.


In der Eisenzeit und während der Römerzeit lebten die Vorfahren der Alemannen im Elberaum, ebenso die Langobarden - beide Völker vermutlich aus Jütland kommend. An diese schlossen sich in der östlichen Prignitz die Semnonen an. Alle diese Völker werden zusammen gefaßt als die "elbgermanischen" Stämme ( Wiki). In der Völkerwanderung wanderten die Langobarden ab 375 n. Ztr. von der Prignitz aus über das Mittelelbe-Saalegebiet Richtung Süden (Helmut Schröcke 2003, S. 30, GB):

In der Prignitz nördlich der Elbe wurden Gräberfelder nach 400 nicht mehr belegt und bis 600 war der Siedlungsabbruch fast vollständig. Die Funde aus der Prignitz zeigen Ähnlichkeiten zu den nach 400 im Mittelelbe-Saalegebiet beginnenden Brandgräbern.

Für solches Wissen um die Vorgeschichte nun begeisterten sich in der Prignitz - und auch sonst - die Menschen schon vor mehr als hundert Jahren.

"Der treue Kossinnaschüler Paul Quente"


Es war nun insbesondere der junge Landschaftsmaler Paul Quente (1887-1915), der die Anregung gegeben hat zur Gründung des Heimatmuseums in Heiligengrabe, und der sein erster Museumsleiter war. Ab 1909, ab seinem 22. Lebensjahr hat er es aufgebaut. Aber er ist dann schon im Oktober 1915 - mit 28 Jahren im Ersten Weltkrieg am berühmten Hartmannsweilerkopf im Elsaß als Soldat - gefallen. Auf ihn erschienen bewegte Nachrufe in bedeutenden Fachzeitschriften (Prähistorischen Zeitschrift 1915, S. 84):

Paul Quente 1887-1915, der Gründer und Leiter des Kloster-Museums zu Heiligengrabe (Prignitz), starb am 15. Oktober 1915 den Heldentod für das Vaterland. Die Vorgeschichteforschung verliert in ihm einen Jünger, dessen Bestrebungen ...

Und (Zeitschrift für Ethnologie, Bd. 47, 1915, S. 427):

Gestorben ist ferner der Kunstmaler Paul Quente, der Begründer des Prignitz-Museums in Heiligengrabe, den Mitgliedern der Gesellschaft durch seine Ausgrabungen in Dahlhausen und anderen Orten der Prignitz und durch seine Veröffentlichungen in der Prähistorischen Zeitschrift bekannt. Er fiel als Kriegsfreiwilliger im Garde-Schützen-Bataillon. Der Gesellschaft gehörte er seit dem Jahre 1909 an.

Was für ein Lebensschicksal steht schon am Anfang dieses Museums! Erinnert ein solches Lebensschicksal nicht an jenes noch ungleich bedeutungsvollere, nämlich das des Hölderlin-Forschers Norbert von Hellingrath (1888-1916) ( Wiki)? Schon als ganz junger Mensch hatte auch dieser Wesentlichstes für das Geistesleben seines Volkes und der Welt geleistet - als ob er geahnt hätte, daß ihm für so wertvolle Lebensleistungen nicht mehr viel Zeit blieben. So auch Paul Quente. Wenn man seinen Namen in der heutigen Ausstellung das erste mal im flüchtigen Vorübergehen liest, hinterläßt er keinen großen Eindruck. Erst wenn man sein Lebensschicksal voll zur Kenntnis nimmt, gewinnt der Name an Bedeutung. Quente wurde in Weißenfels an der Saale geboren. Er gehört zu den vielen Menschen damals in Deutschland, die sich von führenden Archäologen wie Gustaf Kossinna (1849-1931) ( Wiki) und anderen für die Vorgeschichte begeistern ließen. Schon mit 19 Jahren hat er vorgeschichtliche Funde an Sammlungen abgegeben (Mainzer Zeitschrift 1906, S. 87, GB):

Wir erhielten: Aus Deutschland: Spätpaläolithische und frühneolithische Feuersteinobjekte von Rügen, zum Teil geschenkt von Herrn Kunstmaler Paul Quente in Heiligengrabe bei Techow i. d. Prignitz.

Paul Quente besuchte Vorlesungen von Gustaf Kossinna in Berlin und wurde sein "treuer Schüler". 1910 hat er dann 23 Gräber ausgegraben (Matthes 1929, S. 114). Und in der "Politisch-Anthropologischen Monatsschrift für prakische Politik, für Politische Bildung und Erziehung auf Biologischer Grundlage" hieß es (Band 10, 1912 S. 499, GB):

Entdeckung eines Langobardenfriedhofs in der Mark. Bei Dahlhausen in der Prignitz hat Paul Quente vor kurzem ein großes Gräberfeld entdeckt, über das er in der „Neuen Prähistorischen Zeitschrift" berichtet.

Diese Ausgrabungen wurden auch andernorts zur Kenntnis genommen (Jahresbericht über die Erscheinungen auf dem Gebiete der germanischen Philologie, Band 33, 1913, S. 24, GB):

Paul Quente, Das langobardische urnenfeld von Dahlhausen in der Prignitz. Prähist. zs. 3, 156-162. - im nördlichsten teile des gräberfeldes fand sich auch die verbrennungsstätte (Ustrina) als 6 1/2 m langer und 2 2/3 m breiter steingepflasterter platz. ....

1914 hat er erneut eine Ausgrabung vorgenommen (s. Matthes 1929, S. 178). 1914 heißt es dann in der von Gustaf Kossinna seit 1909 herausgegebenen "Mannus - Zeitschrift für Vorgeschichte" ( Wiki) (S. 389):

Es folgten zwei Vorträge von Paul Quente - Heiligengrabe über die Ostprignitz, deren erster sämtliche geschlossenen „Funde aus der Bronzezeit der Ostprignitz" vorführte, während der andere unter dem Titel „Die letzten vorwendischen Germanen östlich der Elbe" die Prignitzer Urnengräber des 4. - 6. (?) nachchristlichen Jahrhunderts behandelte. Den Beschluß der Sitzung machte ein Vortrag von Professor Kossinna.

Im Jahr 1914 ist auch ein "Heimat- und Museums-Verein in Heiligengrabe" gegründet worden. 1936 ist in "Mannus" noch einmal die Aufbauarbeit von Paul Quente in Heiligengrabe erwähnt:

In Heiligengrabe war schon vor dem Kriege durch die aufopfernde Sammel- und Forschungstätigkeit des Kunstmalers und treuen Kossinnaschülers Paul Quente und unter der hochherzigen Förderung der damaligen Äbtissin, Frau v. Rohr ....

Im selben Jahr erinnerte auch der deutsche Archäologe Hans Reinerth in der Zeitschrift "Germanen-Erbe" ( GB):

Paul Quente, der Gründer des Heimatmuseums Heiligengrabe, war der erste, der den wirklich erhabenen Charakter dieses durch die Vorgeschichte gestalteten Landschaftsbildes erkannte.

Man spürt aus diesen Worten heraus, wie damals nicht nur die Natur und die Kunst, sondern auch die Archäologie für viele Menschen zum Religionsersatz wurde. Dies wird auch bei anderen Personen im Umfeld des Prignitz-Museums in Heiligengrabe deutlich.

Adolphine von Rohr als Förderin des Museums


Der junge Paul Quente hat die damalige Äbtissin des Stiftes Heiligengrabe, Adolphine von Rohr (1855-1923) ( Wiki), für den Aufbau eines Museums begeistern können. Allein aufgrund der Begeisterungsfähigkeit dieser Äbtissin hatte es so schnelle Fortschritte gegeben in der Entwicklung seiner Pläne. 1909 war sie 52 Jahre alt und es wird deutlich, wie gut damals zwei unterschiedliche Generationen aufeinander abgestimmt arbeiten konnten in der Verfolgung wertvoller kultureller und wissenschaftlicher Bestrebungen.

Aber wer war denn nun diese Äbtissin? Auch in ihrem Lebensschicksal spielt der Krieg und der Schlachtentod eine nicht unwesentliche Rolle. War sie doch die Tochter des preußische Generals von Gersdorff. Ihr Vater war, als sie selbst 15 Jahre alt war, 1870 in der Schlacht von Sedan gefallen. Wer sich an solche Lebensschicksale erinnert, steht anders im Leben als wer das nicht tut oder gleichgültig über sie hinweg geht. Treue Aufopferung für das Vaterland war damals selbstverständlich in den Völkern Europas. Aus dieser treuen Aufopferung lebten auch sonst eine Fülle kultureller und quasi-religiöser Bestrebungen. Fünf Jahre später heiratete Adolphine einen von Rohr. Sie erlebte eine Totgeburt. 1892 ist ihr Ehemann an Typhus gestorben. Nach dem Tod ihres Ehemannes hat Adolphine Krankenpflege-Kurse belegt und war Hofdame bei der Fürstenfamilie von Waldeck. Über ihr eine erneute Wendung in ihrem Leben steht dann auf Wikipedia ( Wiki):

1899 ernannte Kaiser Wilhelm II. Adolphine von Rohr gegen heftige Einwände des Klosterkonvents, der an ihrer früheren Verheiratung Anstoß nahm, zur Äbtissin von Heiligengrabe. (...) Als Äbtissin setzte sie sich für eine Rückbesinnung auf die sozialen Aufgaben eines Damenstifts ein und förderte insbesondere die schulische und berufliche Ausbildung junger mittelloser Mädchen. Kaiser Wilhelm, der sie schätzte und unterstützte, besuchte sie im Kloster und verlieh ihr 1901 den Äbtissinnenstab. Sie setzte unter anderem die Anerkennung der Schule als „Höhere Mädchenschule" im Jahr 1908 durch. Neben ihren sozialen Bemühungen unterstützte sie auch heimatkundliche Forschungen und half mit bei der Gründung eines heimatkundlichen Museums im Südflügel der Abtei im Jahr 1909. Sie erwirkte zum Ende des Ersten Weltkrieges beim „Staatskommissar für die Regelung der Wohlfahrtspflege in Preußen" die Genehmigung für den Verkauf von Druckschriften der Vaterländischen Verlags- und Kunstanstalt, Inhaber: Verein für Berliner Stadtmission, Berlin, zur „Unterstützung der Kriegswaisen in der Erziehungsanstalt des Klosters Heiligengrabe (Prignitz)."

Machen wir uns vielleicht an diesem Lebensgang den folgenden Umstand bewußt: Fast alle Überlieferungen heidnisch-germanischen Geisteslebens, die unmittelbar auf uns gekommen sind - etwa die Island-Sagas oder altdeutsche Heldenlieder - sind von christlichen Klerikern im Mittelalter aufgezeichnet worden. Diese fühlten eine Liebe und Verehrung gegenüber diesem heidnischen Erbe und Geistesgut. Und eine solche Liebe und Verehrung gegenüber heidnischer Vorgeschichte lebte - offensichtlich - auch in so mancher evangelischen Äbtissin und in anderen Stiftsdamen, die in jener Zeit in Heiligengrabe lebten und wirkten. Dieser Umstand wird durch die Arbeit des damals neu gegründeten Heimatmuseums Heiligengrabe eindrucksvoll verdeutlicht.

Ein monotheistischer Eifer, der mit Kälte, Gleichgültigkeit oder Ablehnung dem Heidentum der eigenen Vorfahren gegenüber steht, ist hier in Heiligengrabe jedenfalls nicht erkennbar! Wohl uns, daß wir Menschen sehen und keine Hassenden.

Es kommt einem heute fast fremd vor, daß sich christliche Kleriker für die Erforschung und geradezu andächtige Beschäftigung mit der heidnischen Vorgeschichte einsetzen. Es darf allerdings berücksichtigt bleiben: Vor 1914 war das Christentum allseits in der Mehrheit der Deutschen noch so stark gefestigt, daß überzeugte konservative Christen sich - quasi - ohne Sorge um den Glauben der ihnen Anvertrauten mit Liebe und Andacht der Pflege der Erinnerung an heidnisches Glaubensleben in Deutschland widmen konnten. Ein - im Grunde - eigenartiges Geschehen, zumindest aus heutiger Sicht. Es darf uns bewegen, uns Heutige, die wir vielleicht immer noch auf der Suche sind nach erfüllenden Lebensinhalten jenseits jenes bolschewistischen und kapitalisitischen Materialismus, der im Jahr 1945 von Ost und West über Deutschland hereingebrochen ist.

Auf einer heutigen Museumstafel wird über die "Spuren einer verlorenen Museumssammlung" aufschlußreich berichtet (Abb. 4). Daß die germanische Vorgeschichtsforschung ihren Antrieb "aus dem Wettbewerb mit Frankreich" erhalten habe - wie auf dieser Wandtafel zu lesen steht (Abb. 4), scheint sehr wenig durchdacht formuliert worden zu sein. Deutschland, das sich mit Recht als führende Kulturnation Europas sah, hatte es damals wirklich nicht nötig, kulturell in "Wettbewerb mit Frankreich" zu treten. Eher schon war es weithin im 19. Jahrhundert zur Abwendung vom orientalischen Christentum gekommen und man suchte - in Auseinandersetzung mit den eigenen vorchristlichen Vorfahren - neue Orientierungen zu gewinnen. Dabei gab es - natürlich - auch eine Abwendung von den bis dahin hoch gehaltenen Werten der antiken Mittelmeer-Kulturen und der romanisch-sprachigen Völkerwelt. In Frankreich wurden zur gleichen Zeit eher die Kelten - aber durchaus auch die germanischen Franken (siehe Graf Gobineau und andere) - erforscht. Ansonsten aber enthält die Museumstafel wertvolle Auskünfte.

Der Archäologe Jörg Lechler in Heiligengrabe 1920 bis 1923

Maßgeblicher wissenschaftlicher Mitarbeiter des Museums seit 1920 wurde ein weiterer "Kossinnaschüler", nämlich der deutsche Archäologe Dr. Jörg Lechler (1894-1969). Dieser hat einige der volkstümlichsten archäologischen Bücher der 1930er Jahre verfaßt, so vor allem das begeisternde Buch "5000 Jahre Deutschland". Jörg Lechler kam vom heute noch bedeutenden Museum für Vorgeschichte in Halle und hielt enge Zusammenarbeit mit diesem aufrecht, ebenso natürlich mit Gustaf Kossinna. Solange es das Prignitz-Museum gab - bis 1945 -, wurde in Deutschland ungeteilte Begeisterung für die germanische Vorgeschichte gefördert.

Die Biographie des Archäologen Dr. Jörg Lechler (1894-1969) ist sehr spannend. Ernst Propst hat über sie berichtet (1) (zu ihm eigenes Literaturverzeichnis):

Er studierte in Berlin und Halle/Saale. 1913 bis 1918 grub er das Gräberfeld auf dem Sehringsberg bei Helmsdorf aus. 1923 bis 1924 war er Assistent am Tell-Halaf-Museum in Berlin und von 1924 bis 1935 Archäologe in der Prignitz. Ab 1936 lebte er in Detroit (USA), wo er bis 1965 am Art Institute der Wayne University arbeitete. Lechler prägte 1925 den Begriff Helms­dorfer Gruppe.

In dieser Kurzbiographie fällt der Ortsname Heiligengrabe kein einziges mal. Deshalb hat auch der Autor dieser Zeilen, der bislang nur diese Kurzbiographie gelesen hatte, von dem bedeutungsvollen Wirken Jörg Lechlers in Heiligengrabe bislang nichts ahnen können. Überhaupt: Die ganze wissenschaftliche Kossinna-Schule, so wird einem hier bewußt, scheint nach 1945 von der nachlebenden Archäologen-Generation tief, ganz, ganz tief in den Boden der Vergessenheit gestampft worden zu sein, so daß es heute - beispielsweise - für einen Jörg Lechler noch nicht einmal einen Wikipedia-Artikel gibt und man - selbst als viel belesener und wissenschaftsnaher Mensch so wie der Autor dieser Zeilen - auffallend wenig über sie bislang hat in Erfahrung bringen können. Daß man also mehr durch Zufall in die Ausstellung in Heiligengrabe geraten muß, um von diesem begeisternden Wirken früherer Archäologen-Generationen etwas zu erfahren. 1923 leitete Jörg Lechler einen Aufsatz ein mit den Worten

Das Heimatmuseum in Heiligengrabe (Prignitz) bringt dem Altmeister der deutschen Dorfgeschichte diesen kleinen Beitrag als Zeugnis dafür, wie "gute Taten fortzeugend Gutes gebären müssen".

Um welchen Altmeister es sich hier handelt, wäre noch interessant zu erfahren. Jörg Lechler hat sein weiteres Leben in den USA verbracht und ist auch dort gestorben, nämlich in Detroit ( Nova Welt):

Er gilt als einer der Pioniere der Bronzezeit, die den Namen einer in Deutschland, Österreich und der Schweiz verbreiteten Stufe, Kultur oder Gruppe der Bronzezeit in die Fachliteratur eingeführt haben.

Eine vorläufig zu ihm (mit Hilfe von Justbooks und Google Bücher) zusammengestellte Bibliographie (4-14) spiegelt wohl sein Wirken schon recht deutlich wieder. Lechler hat sich in den 1930er Jahren vor allem durch populärwissenschaftliche Bücher einen Namen gemacht. Noch heute eindrucksvoll zu lesen ist sein Buch"5.000 Jahre Deutschland", das den archäologischen Forschungsstand des Jahres 1935 sehr eindrucksvoll wiedergibt und an ein breites Publikum gerichtet ist. Ein vergleichbares Buch über den heutigen archäologischen Kenntnisstand könnte kaum genannt werden. Es müßte heute - nach der C14-Revolution in der modernen Archäologie in den 1950er Jahren und nach der Ancient-DNA-Revolution seit 2015 - benannt werden"8.000 Jahre Deutschland" (sofern - wie 1935 - mit einem solchen Titel die Geschichte seßhafte Kulturen in Mitteleuropa gekennzeichnet sein sollte). 1939 veröffentlichte Jörg Lechler auch - sehr, sehr fortschrittlich - ein Buch über die vorkolumbianische Entdeckung Amerikas. Auf diesem Gebiet ist Jörg Lechler erst in den letzten Jahren und Jahrzehnten von der Wissenschaft, die diese These lange mit Stirnrunzeln angesehen hat, im vollsten Umfang bestätigt worden ( Wiki). So altbacken und "überdreht" war man also in den 1930er Jahren keineswegs. Nehm das, Ihr Hasser Eurer eigenen, herrlichen, deutschen Wissenschaftsgeschichte. Über sein Buch heißt es ( Justbooks):

Dr. Lechler stieß bei seinen Forschungen auf Verbindungen von Wikingern und Moslems, woraus sich ein Fragenzusammenhang ergab, der sich zwischen Portugal, Grönland und Vinland um die vorkolumbianische Entdeckung Amerikas spannt.

Was für ein weiter Blick! Von wegen "germanozentrisches Weltbild". 1983 erschien das schöne Buch von Jörg Lechler "5000 Jahre Deutschland - Germanisches Leben in 700 Bildern" im Nachdruck erneut. Auf Jörg Lechler sind wir schon 2012 in anderem Zusammenhang aufmerksam geworden (18, 19).


In der heutigen Ausstellung heißt es auf der Wandtafel "Wurzeln in der Tiefe, Wipfel im Licht" (2, Min. 4:44):

Das schon weithin bekannte Museum wurde als "Träger der Heimatverbundenheit" gesehen und entwickelte sich in den 1920er Jahren zu einem Zentrum der prähistorischen Forschung in Brandenburg. Heiligengrabe bildete den praktischen und ideellen Stützpunkt für die archäologische Landesaufnahme, deren Ergebnisse 1929 von Walter Matthes (...) im Band "Urgeschichte der Ostprignitz" publiziert wurden.

Der deutsche Archäologe Prof. Walter Matthes


1929 also sollte der Archäologe und Anthroposoph Walter Matthes (1901-1997) ( Wiki) die noch heute als bedeutsam bewertete Überblicksdarstellung "Urgeschichte des Kreises Ostprignitz" herausbringen. Er war zeitweise in Neuruppin zur Schule gegangen und von 1925 bis 1928 mit der Durchführung der archäologischen Landesaufnahme des Landkreises Ostprignitz betraut worden. Seit 1932 arbeitete Matthes dann im "Reichsbund für Deutsche Vorgeschichte" des Archäologen Hans Reinerth mit. 1934 wurde er dann Professor für Vorgeschichte an der Universität Hamburg. Diese Professur behielt er bis 1969 inne. Während des Zweiten Weltkrieges gehörte er zur Vorgeschichtsabteilung des Stabes Rosenberg und forschte dabei in Frankreich, Rußland und Italien.

Wie für fast alle mit der deutschen Vorgeschichte verbundenen Menschen vor 1945 war auch die Verbundenheit von Matthes mit dem Nationalsozialismus fast selbstverständlich. Nur Jörg Lechler geriet offensichtlich schon vor 1945 in Zwiespalt, war der doch mit einer Jüdin verheiratet, die sich 1935 das Leben genommen hat. Womöglich war dies auch ein Anstoß dafür, daß Lechler eine Professur in den USA übernahm und dann bis an sein Lebensende nur noch für Besuche nach Deutschland kam.


1933 gab Jörg Lechler die kleine Schrift "Das Heimatfest in Heiligengrabe am 10. Scheiding 1933" heraus. Zu dem Heimatfest war auch der neue Gauleiter Kube erschienen und es war von 18.000 Menschen besucht worden. Eindrucksvoll findet sich auf der Titelseite (Abb. 9) dargestellt quasi ein heidnisches, vorgeschichtliches, bronzezeitliches Erntedankfest. Mädchen - wahrscheinlich der evangelischen Stiftsschule in Heiligengrabe - tragen nachgefertigen Bronzeschmuck. Fortschrittlichstes "Reenactment" im Jahr 1933. Aber es stand natürlich in - aus heutiger Sicht - "falschen" ideologischen Zusammenhängen, deshalb dürfen wir uns heute darüber nicht so ungeteilt freuen wie sich die Menschen damals darüber gefreut haben. Oder doch? Wir wissen es nicht so genau, was eine geistig verrottete, bigotte Meinungsdiktatur in Deutschland heute dazu sagt.

Die Archäologin Annemarie von Auerswald in Heiligengrabe 1909 bis 1945


Die Stiftsdame Annemarie von Auerswald (1876-3.3.1945) ( Wiki) war ab 1909 Mitarbeiterin am Prignitz-Museum Heiligengrabe, 1924 bis 1926 war sie dann wissenschaftliche Hilfsarbeiterin am Museum für Vor- und Frühgeschichte Berlin und 1933 bis 1945 war sie dann Leiterin des Museums in Heiligengrabe. Hören wir nun noch einmal im Zusammenhang eine Darstellung der Arbeit des Museums in Heiligengrabe in dieser Zeit (Werner von Kieckersbusch, Chronik Heiligengrabe, S. 468f):

Die Sammlung wuchs sehr schnell zu einem höchst wertvollen Denkmal der märkischen, insbesondere der Prignitzer Vergangenheit. Unter der sachverständigen Conventualin Annemarie von Auerswald fanden in der näheren und weiteren Umgebung zahlreiche Ausgrabungen statt, die äußert wertvolle und interessante Funde zeitigten. Urnen, Skelette, Waffen, Schmuckgegenstände usw. aus der Stein-, Bronze- und Eisenzeit kamen ans Tageslicht und fanden in dem Museum den ihnen gebührenden Platz. Auch zahlreiche Erinnerungsstücke an die Schlacht von Wittstock wurden hier untergebracht. (...) Unter Beteiligung weiter Kreise der Prignitz wurde im Jahre 1914 ein "Heimat- und Museums-Verein in Heiligengrabe" gegründet, der die Pflege und Mehrung des Museumsgutes übernahm und ein eigenes Mitteilungsblatt herausgab. (...) Es ist höchst bedauerlich, daß die wertvolle Sammlung im Mai 1945 bei der Besetzung durch die Russen restlos vernichtet und ausgeplündert wurde.
Teile des musealen Bestandes konnten von Albert Guthke, der 1936 bis 1941 als Assistent im Heimatmuseum Heiligengrabe tätig war, 1946/47 aufgearbeitet und in den Bestand des 1954 von ihm gegründeten Heimatmuseums Pritzwalk überführt werden. Weitere Exponate wurden auf die umliegenden, neu gegründeten Kreismuseen der Region verteilt.

Ein wesentlicher Bestandteil der Sammlung war übrigens das sogenannte "Hungertuch von Heiligengrabe" (Kieckersbusch, S. 468f):

Das Glanzstück der Sammlung war das sogenannte "Hungertuch", eins der kostbaren alten Kulturgüter der Prignitz. Sehr wahrscheinlich stammt das Tuch (Größe: 3,50 m lang, 1,50 m hoch) aus dem 13. Jahrhundert. In der Mitte war der thronende Christus in der Mandorla dargestellt und zu beiden Seiten in zwei übereinander laufenden Streifen die ganze Heilsgeschichte. Der Reichtum der Erfindung, die zeichnerische Geschicklichkeit und die überaus sorgsame Nadelarbeit machte dieses Stück besonders kostbar. Das Tuch war im Jahre 1888 von dem Lehrer Meyer in der zum Patronat von Heiligengrabe gehörenden Kirche Breitenfeld beim Reinemachen ganz zerdrückt, verstaubt und zerschlissen im Müll gefunden worden. Er verwahrte das ehrwürdige Stück hinter dem Altar, wo es im Jahre 1911 von Paul Quente wieder ans Tageslicht gebracht wurde.

Dieses Hungertuch war auch dem Archäologen Jörg Lechler bedeutsam geworden. Dieser hatte ja mit einer Arbeit über das Hakenkreuz als archäologisches Symbol promoviert. Und in "5000 Jahre Deutschland" schrieb er (S. 211) (zitiert hier nach Google-Bücher-Ausschnitt):

... dies das Hakenkreuz als Sinnbild Wodans bei den Germanen charakterisierte, so auf dem Hungertuch in Heiligengrabe in der Mark Brandenburg (Abb. 683).

Er geht noch weitere Beispiele durch, die, so Lechler, zeigen (S. 211),

wie stark die Kirche es für eine Notwendigkeit erachtete, die heidnischen Symbole mit christlichen Werten zu erfüllen.

"Die heidnischen Symbole mit christlichen Werten erfüllen" - was alles mit diesen wenigen Worten gesagt ist. Geschieht das nicht seit 2000 Jahren und heute mehr als je: das wertvolle nicht-monotheistische Entwicklungen mit monotheistischen oder sonstigen okkulten Werten erfüllt werden und damit praktisch "gehijackt" werden, "übernommen" werden und in eine ganz andere Richtung weiter geführt werden als es ihnen ursprünglich innelag? Annemarie von Auerswald hat Sachbücher veröffentlicht, hervorgehend aus ihrer wissenschaftlichen Arbeit (2), ebenso Romane im völkischen Geist der damaligen Zeit. Ob sie heute in ihrer Gänze noch lesbar sind, stehe dahin. 1940 etwa veröffentlichte sie die Erzählung "Die Tochter vom Gerwartshof". Darüber heißt es in einer Rezension ( Stef. Cramme 2004):

Die Buchkarte eines ehemaligen Exemplars der Volksbücherei Köln trägt die Annotation "Anschauliche Darstellung altgermanischen Lebens zur Zeit der Völkerwanderung. Für Mädchen geeignet".

Die Handlung der Erzählung und die vermittelten Werte entsprechen dem Zeitgeist Ende der 1930er Jahre. Es geht um die Bewahrung und Gewinnung von Siedlungsland, ebenso wie um die Bewahrung von Rassereinheit. Und es geht um das gute und schlechte Werben von Männern um ein junges Mädchen und ihre Reaktionen darauf.

"Dienen lerne beizeiten das Weib" - Im adligen Mädcheninternat in Heiligengrabe


Das Damenstift Heiligengrabe hat auch ein Mädcheninternat betrieben. Ziel desselben war es in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, die Mädchen zu Hauslehrerinnen und Gouvernanten auszubilden, um sie wirtschaftlich unabhängiger zu machen als sie es sonst wären (Ortrud Wörner-Heil, S. 420). Erziehungsideal war noch in der Vorkriegszeit jenes "Dienen lerne beizeiten das Weib" aus Goethes Hermann und Dorothea, ein Ideal, gegen das sich eine völkische Reformerin wie Mathilde Ludendorff (1877-1966) schon in ihrer Jugend empört hatte, und gegen das sich schon während des Ersten Weltrkieges auch die Internatsschülerinnen in Heiligengrabe begannen aufzulehnen. So etwa die nachmalig bekannter gewordene Wagner-Enkelin Friedelind Wagner (1918-1991) ( Wiki). Auch eine Tisa von Schulenburg ist in den 1930er Jahren in Heiligengrabe am Damenstift zur Schule gegangen. Ihren 1983 veröffentlichten Erinnerungen an diese Zeit gab sie den Titel "Des Kaisers weibliche Kadetten". Als solche wurden die Schülerinnen des Internats jedenfalls angesprochen, wenn damit - bis auf einen asketischen Lebenswandel - nur wenig konkreten Inhalte verbunden sein konnten. Aus der Sicht sprühlebendiger Jugend schreibt sie in ihren Erinnerungen über die Stiftsdamen (zit. n. Ortud Wörner-Heil, S. 422):

Die alten Damen in den Häuschen schienen uns unvorstellbar alt, verhutzelt, seltsam.

Nun, es ist zu berücksichtigen, daß ein solches Damenstift ja immer auch Altersheim war. Im Grunde sollte ein solches Zusammenleben von Jung und Alt als etwas Fortschrittliches empfunden werden. Aber es gab im Damenstift Heiligengrabe eben beides: Sprühende Lebendigkeit und Fortschrittlichkeit einerseits ebenso wie eingetrocknete, christliche Rückwärtsgewandtheit andererseits. Für die Zeit nach 1918 heißt wird als Beispiel für Themenstellungen von Schulaufsätzen genannt (Ortrud Wörner-Heil, S. 427):

"Was kann ich tun zur Wiederbelebung des deutschen Geistes?"

Eine Frage, die man in der Tat als elementar empfinden kann, auch und gerade heute noch. Die Internatsschülerin Elsbeth von Oppen besuchte das adlige Mädcheninternat bis 1920, sie (Ortrud Wörner-Heil, S. 424)

erlebte eine Welt der Unruhe und des Umbruchs. sie erlebte den erzieherischen vaterländischen Geist im Krieg, der nach dem Krieg bei vielen - Lehrkräften wie auch Mitschülerinnen - als nationale Wiedergeburt neue Zielrichtung fand. Sie erlebte aber auch aufmüpfige Mitschülerinnen, die nicht mehr des Kaisers Kadetten sein wollten und außerdem verstörte, von der Kriegsniederlage und der Revolution erschütterte Stiftsdamen.

Merkwürdig genug wäre es, wenn die Stiftsdamen anders gewesen wären. Aber mehr noch merkwürdig, daß eine solche Reaktion heute als auffällig charakterisiert werden kann. Auch

hatten sie sich schon vorher empört gezeigt über das "Dienen lerne beizeiten das Weib" aus Goethes Hermann und Dorothea. (...) Tisa von der Schulenburg nahm sich Lily Braun (...), die aus ihrer Standeswelt ausgebrochen war, zu ihrem Vorbild.

Die mit einem Juden verheiratete Adelstochter und Sozialdemokratin Lily Braun war gerade in jener Zeit eine Freundin der nachmaligen Lebensreformerin Mathilde Ludendorff. Es wird also sehr deutlich, daß sich diese Mädchen in einem Spannungsverhältnis bewegten, das sehr kennzeichnend für die damalige Zeit war und eigentlich auf manche Fortschrittlichkeit verweist.

Abschließend sei zunächst nur noch auf das Fotoarchiv des Stiftes Heiligengrabe verwiesen, das die Jahre 1880 bis 2000 umfaßt, und in dem auch Fotografien vom erwähnten Heimatfest aus dem September 1933 enthalten sind, weshalb angenommen werden kann, daß an dem damaligen "Reenactment" die Stiftsschülerinnen Anteil genommen haben ( Fotoerbe):

Zahlreiche Porträtaufnahmen von Äbtissinnen, Stiftsdamen, Stiftsschülerinnen, Stiftshauptmännern und -pröpsten aus der Zeit der Stiftsschule von ca. 1880 - 1945/ (1997);
Ansichten von Bauten (Abtei, Kirche, Kapelle, Friedhof, Damenplatz, Klostergelände und Wirtschaftgebäude); Innenansichten von der Abtei, Kirche und Kapelle; Landschaftsaufnahmen von der Umgebung Heiligengrabes;
Kaiserbesuch (Wilhelm II. in Heiligengrabe 1903); zahlreiche Aufnahmen vom Alltag und Schulleben der Höheren Mädchenschule in Heiligengrabe (Klassenzimmer, alle Klassenzüge, Lehrerinnen/Stiftsdamen; Ausflüge/Klassenfahrten;
Heimatfest 10.9.1933 in Heiligengrabe; private Fotos z.T. aus dem Nachlaß einzelner Stiftsschülerinnen; Innenaufnahmen u. Eingangssituation (Abteiinnenhof) vom ehemaligen Heiligengraber Heimatmuseum (1909-1945);
als professionelle Fotografen sind in einigen Fällen nachweisbar Max Zeisig (Perleberg), Albert Schwarz (Hoffotograf, Berlin), Paul Donnerhack (Atelier Wittstock/Pritzwalk/Meyenburg), L. Haase und Comp. Berlin (Königl. Hoffotogr.) etc.
Die Fotos stammen z.T. aus dem Nachlaß ehemaliger Stiftsdamen und -schülerinnen; aus dem Depositum des Stiftsarchivs; auch Schenkung Sammlung Nora Neese und „Verein ehemaliger Heiligengraberinnen"; darunter ganze Fotoalben aus dem Privatbesitz ehemaliger Schülerinnen; kein Ankauf. Benutzung: Einsichtnahme nur nach vorheriger Absprache möglich; Bestand z.T. nur eingeschränkt zugänglich; Veröffentlichungen nur nach Genehmigung [Quelle: Mitteilung des Museums Kloster Stift zum Heiligengrabe, 30.03.2011]

In dem "Reenactment" von heidnischen bronzezeitlichen Frauen im September 1933 darf man - wenn man möchte - durchaus ebenfalls Auflehnung sehen gegen das bigott-christliche Erziehungsziel "Dienen lerne des Weib", wissen doch die heidnichen isländischen Sagas und die heidnische Edda von einer ganz anderen seelischen Haltung der Frauen zu berichten als sie dann durch die Einführung des orientalischen Christentums in Europa üblich wurde.

Albert Guthke - Er sammelte die Reste ein


Nachdem Annemarie von Auerswald im März 1945 gestorben war, blieb das weitere Schicksal der vorgeschichtlichen Sammlung von Heiligengrabe mit dem Namen Albert Guthke (1900-1981) ( Wiki) verbunden:

Er stammte aus einer alteingesessenen Bauernfamilie aus Dahlhausen, einem Ortsteil von Heiligengrabe in der Prignitz. Diese Herkunft war für Albert Guthke prägend.

Prägend, so darf man vermuten, vor allem deshalb, weil ja ebendort eine der Ausgrabungen von Paul Quente stattgefunden hatte (s.o.). Guthke ( Wiki)

studierte 1919 bis 1926 Deutsch, Geschichte und Philosophie. (...) 1936 bis 1941 war er tätig als Assistent im „Heimatmuseum für die Prignitz" im Kloster Stift zum Heiligengrabe unter der Leitung von Annemarie von Auerswald, 1945 bis 1946 als Museumspfleger am Museum Lüneburg, anschließend als Museumsleiter in Kyritz und schließlich in Pritzwalk. 1954 bis 1958 studierte er an der Fachschule für Heimatmuseen in Köthen und Weißenfels. 1946 bis 1960 lebten er und seine Familie in Dahlhausen und ab 1960 in Pritzwalk. Nachdem zum Ende des Zweiten Weltkrieges das „Heimatmuseum für die Prignitz" im Kloster Stift zum Heiligengrabe geschlossen und die ehemals reiche ur- und frühgeschichtliche Sammlung fast völlig vernichtet worden war, arbeitete Albert Guthke die Reste des musealen Bestandes 1946/47 auf und überführte sie in den Bestand des 1954 von ihm gegründeten Heimatmuseums Pritzwalk, weil ein Wiedererstehen eines Ostprignitz-Museums im kirchlichen Stift Heiligengrabe politisch nicht erwünscht war. Er wirkte als Leiter des Heimatmuseums bis zum Ruhestand im Jahr 1972. Dabei leistete er einen Beitrag zur Erforschung der Prignitz mit der Herausgabe von wissenschaftlicher Veröffentlichungen, insbesondere der zweibändigen Schriftenreihe "Prignitz-Forschungen" (Pritzwalk, 1966 und 1971).


/ Diese vorliegende Darstellung soll in allen Teilen künftig noch ergänzt werden. /

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  1. Ortrud Wörner-Heil: Adelige Frauen als Pionierinnen der Berufsbildung: Die ländliche Hauswirtschaft und der Reifensteiner Verband. Kassel University Press 2010 (GB)
  2. Bading, Ingo: Das Prignitz-Museum für Vorgeschichte in Heiligengrabe - Kurze Videoaufnahmen, 23.7.2019, https://youtu.be/Bov71hLty_k
  3. Quente, Paul: Das langobardische Urnenfeld von Dahlhausen (um 200-500 nach Chr.) Prignitzer Volksbücher, Heft 39, 1913
  4. Quente, Paul. Ein germanisches Dorf bei Kyritz. In: Mannus 1914, S. 97ff (GB)
  5. Matthes, Walter: Urgeschichte des Kreises Ostprignitz. C. Kabitzsch, Leipzig 1929 (GB)
  6. Matthes, Walter: Die Germanen in der Prignitz zur Zeit der Völkerwanderung im Spiegel der Urnenfelder von Dahlhausen, Kuhbier und Kyritz. Nach den Arbeiten von Paul Quente, Georg Girke und Jörg Lechler. Dem Gedächtnis Paul Quentes gewidmet. C. Kabitzsch, 1931 (138 S.) (GB)
  7. Matthes, Walter: Die nördlichen Elbgermanen in spätrömischer Zeit. Untersuchungen über Kulturhinterlassenschaft und ihr Siedlungsgebiet unter besonderer Berücksichtigung brandenburgischer Urnenfriedhöfe. C. Kabitzsch, 1931 (114 S.)
  8. o.V.: Zur Geschichte des Museums. https://klosterstift-heiligengrabe.de/kloster/klosteranlage/museum
  9. Werner von Kieckersbusch: Chronik des Klosters zum Heiligengrabe - Von der Reformation bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Verfaßt bis 1949, veröffentlicht: Lukas-Verlag 2008 (GB), S. 468
  10. Koch, Julia Katharina: Frauen in der Archäologie - eine lexikalisch-biographische Übersicht. In: Jana Esther Fries, Doris Gutsmiedl-Schümann (Hrsg.): Ausgräberinnen, Forscherinnen, Pionierinnen: Ausgewählte Porträts früher Archäologinnen im Kontext ihrer Zeit. 2013 (GB), S. 260
  11. Hans Joachim Bodenbach: Der Archäologe Walter Matthes als Erforscher der Ostprignitz. In: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Prignitz, [ehemaliger Landkreis Ostprignitz], Bd. 15 (2015)

Jörg Lechler

  1. Propst, Ernst: Kurzbiographie des Archäologen Jörg Lechler. Archäologie-News, 26.9.2005
  2. Lechler, Jörg: Vom Hakenkreuz. Die Geschichte eines Symbols. Mit Geleitwort von [Hans] Hahne. Curt Kabitzsch-Verlag, Leipzig 1921 (= Vorzeit. Nachweise und Zusammenfassungen aus dem Arbeitsgebiet der Vorgeschichtsforschung, Band 1) (Justbooks) (27 S. Text, 351 Abb. = 89 S.); 2. erw. u. vermehrte Auflage 1934, https://archive.org/ stream/VomHakenkreuz/Vom%20 Hakenkreuz#page/n0/mode/2up; Woher kommt das Hakenkreuz? Geschichte des Symbols und internationale Verbreitung. "Faksimileausgabe der beiden gesuchten Werke von J. Lechler 'Vom Hakenkreuz. Die Geschichte eines Symbols' und W. Scheuermann 'Woher kommt das Hakenkreuz' aus den Jahrer 1921/1933. Verlag Roland Faksimile, Bremen 2001 (104 S.)
  3. Lechler, Jörg: [Dorfgeschichte Ostprignitz] In: Mannus: Zeitschrift für Vorgeschichte, C. Kabitzsch (A. Stuber's Verlag), 1923, S. 36 (GB)
  4. Lechler, Jörg: Der Paläontologe. In: Mitteilungen des Heimat- und Museumsvereins in Heiligengrabe 7/1925, S. 23f
  5. Lechler, Jörg: Enis Errettung - Eine lehrhafte und doch gruselige Geschichte aus der Steinzeit Mitteldeutschlands. In: Mitteilungen des Heimat- und Museumsvereins in Heiligengrabe 9/1926, S. 1ff
  6. Lechler, Jörg: Das Gräberfeld auf dem Sehringsberge bei Helmsdorf. Verlag Curt Kabitzsch, Leipzig 1927 (66 S.) (Google Bücher)
  7. Kossinna, Gustaf: Altgermanische Kulturhöhe. Leipzig EA 1927 (seit der 4. Auflage 1934 mit Bildern versehen von Jörg Lechler)
  8. Lechler, Jörg: Das Heimatfest in Heiligengrabe am 10. Scheiding 1933. Heiligengrabe 1933
  9. Lechler, Jörg: Vor 3000 Jahren. Ein frühgermanisches Kulturbild. Brehm 1934; Volk und Wissen Band 5. Stenger, Erfurt 1939 (31 S.) (Google Bücher)
  10. Gautier, Emile F. und Jörg Lechler (Hrsg.): Geiserich, König der Wandalen. Die Zerstörung einer Legende. Societäts-Verlag, Frankfurt/Main 1934, 1940 (365 S.)
  11. Lechler, Jörg: Germanische Vorgeschichte. Band 137 der Stoffsammlung für die Arbeit der Albert-Forster-Schule, bzw. für die Schulungsarbeit der Deutschen Angestelltenschaft. Verlag Hauptamt f. Schulung d. Dt. Angestelltenschaft, Albert-Forster-Schule, 1934, 1935 (51 S.)
  12. Lechler, Jörg: Sinn und Weg des Hakenkreuzes. In: Der Schulungsbrief, Dezember 1935 (hrsg. vom Reichsschulungsamt der NSDAP und der Deutschen Arbeitsfront) (41 S.); engl. unter "Meaning and Path of the Swastika" (o.J.)
  13. Lechler, Jörg: Ein germanisches Kultfest vor 3000 Jahren. Erläuterung zu dem Anschauungsbilde "Germanische Sonnenwendfeier (Bronzezeit)" (Bilder zur deutschen Vorgeschichte Nr. 8) Wachsmuth, 1935 (21 S.)
  14. Lechler, Jörg: "Heil!", in: Der Schulungsbrief, hrsg. v. Reichsschulungsamt der NSDAP und der Deutschen Arbeitsfront, Berlin, April 1936, 3. Jg., 4. F., S. 129
  15. Andree, Julius; Weinert, Hans; Lechler, Jörg: Das Werden der Menschheit und die Anfänge der Kultur. Mit 348 Textbildern und 7 Beilagen. Deutsches Verlagshaus Bong & Co., Berlin/Leipzig, [1936] (404 S.)
  16. Lechler, Jörg: 5000 Jahre Deutschland. Eine Führung in 700 Bildern durch die deutsche Vorzeit und germanische Kultur. Verlag C. Kabitzsch 1937 (217 S.) (Google Bücher); Faks. d. Ausg. v. 1937 mit dem Untertitel "Germanisches Leben in 700 Bildern" im Verlag für ganzheitliche Forschung und Kultur, 3. Aufl. 1983 (Amaz.)
  17. Lechler, Jörg: Die Entdecker Amerikas vor Columbus. Mit einem Beitrag von Edward F. Gray, Genralkonsul a. D.. Verlag Curt Kabitzsch, Leipzig 1939 (118 S.); Faksimile-Verlag / Bremen 1992 (= Forschungsreihe Historische Faksimiles)
  18. Bading, Ingo: Nur bruchstückhaft bekannt - Aufsätze Mathilde Ludendorffs vor 1927. Studiengruppe Naturalismus, 10.6.2012, https://studiengruppe.blogspot.com/2012/06/die-nur-bruchstuckhaft-bekannten.html
  19. von Kemnitz, Mathilde: Das Hakenkreuz. In: Der Weltkampf. Monatsschrift für die Judenfrage aller Länder, 1. Jg., Folge 5, Oktober 1924 (Hrsg. von Alfred Rosenberg), S. 25 - 29 (Scribd)