Das Potential, das Theater hat, ist gigantisch.

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Michaela Preiner

Die Kunst der Nachbarschaft (2018) [Foto: (c) Reinhard Nadrchal/Volkstheater] Ein Gespräch mit Constance Cauers über das „Junge Volkstheater“
Dass nichts im Leben so bleibt, wie es einmal war, trifft auch auf das Theater zu. Gerade in diesem Bereich jedoch gibt es große Unterschiede in der Erwartungshaltung des Publikums. Anna Badora hat immerhin das Wagnis gestartet, das Volkstheater von seiner Ausrichtung her umzukrempeln. Dazu gehörte auch massiv die Einbindung der Wiener Bevölkerung. Nicht nur von den Themen der Spielpläne her, die den Zeitgeist widerspiegeln und – spiegelten, sondern eben auch der Intention, das Theater als Erlebnisort zu öffnen. Ein wichtiger Baustein dazu ist „Das Junge Volkstheater“. Das Potential, das Theater hat, ist gigantisch. Ausblick-nach-oben [Foto: (c) Robert-Polster/Volkstheater] (2015) „Das Volkstheater soll ein Ort sein, an dem ich sein kann wie ich bin und offen meine Meinung sagen kann.“ Das war der letzte Satz eines Interviews mit Constance Cauers, der Leiterin des „Jungen Volkstheaters“ vor 3 Jahren. Nun haben wir noch einmal nachgefragt und wollten wissen, ob das, was sich Cauers zu Beginn ihrer Arbeit vorgenommen hatte, auch tatsächlich eingetreten ist.

Gleich vorweg: Die Hoffnung, dass die Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern, die in Wien wohnen, rege anhält, hat sich mehr als erfüllt. Über 8000 Menschen wurden in den vergangenen Jahren seit Bestehen des „Jungen Volkstheaters“ mit diesem Format erreicht. Wäre das Volkstheater ein klassisches Unternehmen, würde diese Zahl von „Kunden mit engem Unternehmensbezug“ als beachtlich gelten und eine bestens gepflegte Kundendatenbank darstellen. Mit 50 Institutionen wurde regelmäßig zusammengearbeitet und mit der Volkshilfe Österreich, der Bäckerei Felzl, sowie Amnesty Inernational gab es große Kooperationen.

„Von diesen mehr als 8000 Personen, die bei uns mitarbeiteten, durchlaufen wiederum jährlich 1500 Personen regelmäßig die Programme des Jungen Volkstheaters. Sie sind sozusagen das erweiterte Ensemble des Volkstheaters. Hier steht buchstäblich die Bevölkerung Wiens auf der Bühne“, so Cauers.

All jene, die regelmäßig kommen, ob Kinder, Jugendliche, Berufstätige, Studierende, Asylwerbende oder Seniorinnen und Senioren, zeichnet eines aus: Sie identifizieren sich zutiefst mit dem Haus und fühlen sich mit ihm extrem verbunden.

Das Potential, das Theater hat, ist gigantisch. Constance Cauers [Foto (c) Daniel Kastner/Volkstheater] Das Potential, das Theater hat, ist gigantisch. Die Summe der einzelnen Teile [Foto (c) Alexi Pelekanos] (2017)  Im vergangenen Jahr erhielt das Volkstheater einen Zuschuss seitens der Stadt, um ein „Stadtlabor“ zu gründen. Es ist eines von 12 Pilotprojekten der Stadt Wien mit dem Ziel, Kultur zu dezentralisieren, Hochkultur in die Bezirke zu bringen und mithilfe von Exzellenz im Sinne von Profi-KünstlerInnen Potentiale in den Bezirken aufzugreifen. Über den Erfolg dieser Arbeit erzählt die Theaterfrau enthusiastisch und gibt gleichzeitig einen tiefen Einblick über die Sinnhaftigkeit dieser Arbeit:

„In jedem Projekt, das ich gemacht habe, kamen wir an den Punkt, dass wir nicht nur über das Kunstergebnis, das wir gemacht haben, uns über gesellschaftliche Veränderungen austauschten und da auch ziemlich aneinandergeraten sind. Beim ersten Projekt „Ausblick nach oben“ habe ich mich mit einem 15-Jährigen ziemlich gestritten, der sagte: „Wer arbeiten will, bekommt auch eine.“ Ich habe die Meinung vertreten, dass es nicht genug Arbeit für alle gibt. Bei „Die Summe der einzelnen Teile“ war es so, dass wir viel gestritten haben über Individualisierung und die Kraft der Vielen, bei „Silver Surfer“ hat sich zu einem relativ späten Zeitpunkt einer aus der Gruppe geoutet als jemand, der ausländerfeindlich ist. Meine erste Reaktion war: „Mit dem kann ich nicht mehr zusammenarbeiten.“ Dann hat es viele Gespräche gegeben, in denen wir versucht haben, den Konflikt mit ins Stück zu integrieren – es war ja eine Stückentwicklung. Wir haben damals schon gesagt, dass wir mehr von diesen Räumen brauchen, in denen sich Menschen mit unterschiedlichen Lebensentwürfen auseinandersetzen können. Wo treffe ich, die ich in meiner Blase bin, in der es viele Linke gibt, jemanden der eine andere Gesinnung hat? Wenn ja, dann bin ich jemand, der eher nicht ins Gespräch geht.

Dann verfolgten wir die Idee des „Raunens“. Wir gingen davon aus, dass so viel geraunt wird, aber wir nie zusammenkommen, um zu sagen, hier ist der Raum, in dem wir uns über Kunst darüber unterhalten können. Deswegen haben wir unser Stadtlabor „Raunen“ genannt. Wir wollten dazu einladen, dass sich Menschen mit einem Thema auseinandersetzen, von dem sie glauben, sich überhaupt nicht identifizieren zu können. Jemand, der in einer 30-jährigen Beziehung ist, kann sich z.B. einmal das Konzept der Poly-Armorie anschauen, oder jemand, der sagt: „Für mich ist Sicherheit das Wichtigste auf der Welt“, kommt zusammen mit Leuten, die ihren Besitz verkauft haben und um die Welt gereist sind. Jung mit Alt, Alteingesessene mit Neuzugezogenen usw. Am ersten Eröffnungswochende des Stadtlabors sind Alt und Jung aufeinander getroffen. Das Wunderbare dabei war das Feedback vor allem der älteren Damen, die gesagt haben, dass sie lang nicht mehr so glücklich gewesen waren. In diesem Raum wurde nicht diskutiert, sondern wir haben uns auf die Gemeinsamkeit konzentriert. Eine Frau war 60, die daneben 24 – und die hatten die Gemeinsamkeit: „Wir wollen tanzen.“ Das hat sie nicht nur total glücklich gemacht, sondern auch Potentiale freigesetzt, die vorher gar nicht da waren. Sie waren sehr angstbesetzt als sie kamen im Sinne von: „Oh Gott, tanzen! Da werden jetzt die jungen Mädels ganz wunderbar ihren Po schwingen und ich trau mich das nicht.“ Zum Schluss haben ältere Ladies auf dem Stuhl getanzt. Das Feedback hat mir gezeigt, was man mit solchen Räumen eigentlich in Gang setzen kann. Räume, in denen man Erfahrungen gemeinsam machen kann.

Das Potential, das Theater hat, ist gigantisch. Constance Cauers – Leiterin des Jungen Volkstheaters [ Foto: www.lupispuma.com/ Volkstheater] Das Potential, das Theater hat, ist gigantisch. Randale und Liebe [Foto: (c) Daniel Kastner/Volkstheater]  Beim „Labor der Entscheidungen“, das wir gemeinsam mit WienXtra gemacht haben, haben wir das Turbotheater aus Kärnten eingeladen, ein Format zu entwickeln, das wie ein Entscheidungslabor funktioniert hat. Dort sollten Räume geöffnet werden, in welchen wir überprüfen: Was ist eine Entscheidung? Wie oft und wie viele Entscheidungen muss ich überhaupt treffen? Wie wichtig sind die Entscheidungen, die ich treffe? Wo kann ich überall mitentscheiden? Wenn ich frei entscheiden könnte, was wäre meine Entscheidung und welche Konsequenzen ziehen diese Entscheidungen nach sich? Das Labor war der reine Wahnsinn. Wir haben festgestellt, wie genial das ist, wenn wir Jugendlichen einen Raum geben, um mitzumachen, oder auch nicht, unabhängig vom schulischen Bereich, in dem sie ständig zu irgendwas gezwungen werden.

Dann passierte Folgendes: Im Rahmen eines Prozesses wurde die Frage aufgeworfen, dürfen Homosexuelle in meiner Stadt leben? 80% der Kinder haben sich auf das Feld „nein“ gestellt. Mein Mitarbeiter, der homosexuell ist, ist aufgestanden und hat die Stimme erhoben und fing an zu weinen, weil er so ergriffen war. Er hat gesagt: „Leute, ich bin schwul. Wenn ich jetzt bei euch in der Klasse wäre, würde ich nicht mehr in die Schule kommen. Überlegt euch jetzt mal, was ihr da gerade gesagt habt.“ Ich glaube, dieser Moment, der vielleicht durch Jux und Tollerei hervorgerufen wurde, also in der diese eine bestimmte Entscheidung getroffen wurde, hatte eine unmittelbare Auswirkung. Das ging dann noch weiter – die LehrerInnen in den Schulen, die sehr betroffen waren, haben da noch weiter mit den Jugendlichen darüber geredet und auch der Mitarbeiter ist noch einmal direkt in die Schule, in die Klasse gegangen. Dort hat er in einem zweistündigen Gespräch viele Fragen der Kinder zu seiner Biographie beantwortet, mit dem Ergebnis, dass sich am Ende alle, die sich gegen Homosexuelle ausgesprochen hatten, umentschieden.

Die Aussage der Lehrenden, dass die Kinder nicht gut Deutsch könnten, lasse ich nicht gelten. Ich glaube schon, dass das was mit der Kultur zu tun hat, aber die Tatsache, dass sowas aufgebrochen ist, passiert ist und die Verknüpfung vom Raunen ums Schwulsein hergestellt wurde und dann jemanden zu haben, der es wirklich ist – diese Verknüpfung ist so das erste Mal passiert und da ploppte für mich eine Blase auf und der Gedanke: Theater ist ja das letzte Refugium, in dem diese Dinge der Gesellschaft verhandelt werden können, und Menschen spielerisch Erfahrungshorizonte erhalten können. Dieses Potential ist eigentlich unfassbar. Theater kann ein Ort sein, in dem wir Begegnungen initiieren können, die sonst nicht stattfinden würden und anhand derer wir gemeinsam wachsen können.

 Im Prinzip geht es dabei aber immer um die Fragen: Was ist Persönlichkeit und wodurch entsteht sie? In unserer Zeit ist es so wichtig, Haltung zu zeigen. Um die Möglichkeit, sich selbst zu reflektieren braucht es auch die Möglichkeit zu sagen, ich stehe dafür, weil… Ich glaube, dass Räume, in welchen wir das lernen können, zunehmend verschwinden. Am selben Tag, an dem ich mit Jugendlichen in einem Labor saß, in dem die Frage gestellt wurde, was Junge und Mädchen ist und die sagten: Ist ja ganz klar, Penis Junge, Scheide Mädchen und nie was von genderfluid gehört haben, wurde in Irland die Homo-Ehe erlaubt. Das zeigt: „Auf der einen Ebene passiert was und auf der anderen stagnieren wir, ja finden Rückschritte statt. Da wurde uns bewusst, dass wir mit spielerischen Formaten im Theater Räume eröffnen, in dem sowas stattfinden kann.“

Cauers ist jemand, dem Langfristigkeit besonders am Herzen liegt.

„Für mich sind diese Arbeiten, ja alles, was ich jemals am Theater getan habe, immer langfristig angelegt. Der Bereich „Audience development“, aber auch die Einbeziehung von Bürgerinnen und Bürgern – alles was man da macht, hat nur Sinn, wenn du sagst: Ich meine das ernst, ich interessiere mich für euch und nicht nur, weil ich dem Theater eine Zahl bringen muss, sondern weil mich Leben interessiert. Wenn auch nur ein Mensch merkt, dass das nicht so ist, funktioniert das nicht. Ernst nehmen bedeutet, dafür sorgen und verantwortlich sein, dass ich diese Leute nicht verarsche. Ich will nicht sagen: Da stellt euch alle auf, dann haben wir am Ende 5 Jahre Badora einen schönen Chor. Nein! Wenn ich das sage, dann meine ich das auch so. Ich komme nicht aus einer Bildungsbürgertumfamilie und für mich war das Theater ein Rettungsanker. Etwas, was ich gefunden hab, von dem ich gedacht hab, da ist so viel Verbindung drin zu anderen, aber auch zu mir selbst, zu Menschen, die was über Liebe, Freude, Angst, Trauer, Tod gesagt haben – und darin kann man sich ein Stück weit fallen lassen. Das ist mein Antrieb, das weiterzugeben.“

Sicherlich sind es aber auch ganz persönliche Geschichten, die Cauers deutlich machten, dass die Arbeit des Jungen Volkstheaters direkte Auswirkungen auf Menschen und deren weiteren Lebenslauf hat. Wie zum Beispiel jene des Flüchtlings Tarik. Er kam aus Syrien und war jener Junge, mit dem sie sich wegen der Arbeitswilligkeit gestritten hatte.

„Er sagte, er wollte nicht zu den Flüchtlingen gehören, die sich nicht genug angestrengt haben. Er konnte bei der ersten Zusammenarbeit nur gebrochen Deutsch, hat uns aber in den letzten 4 Jahren begleitet und hat bei fast Allem vom „Jungen Volkstheater“ mitgemacht.

  Vor Kurzem war ich in der Uni und hatte einen kleinen Einführungsvortrag für den Studiengang Theater-, Film- und Medienwissenschaft. Da sah ich ihn in der ersten Reihe sitzen, diesen Jungen, mit dem ich vor 4 Jahren gearbeitet habe und der mich dort anschaut und anlächelt. Jetzt studiert er Theater- Film- und Medienwissenschaften. Da musste ich heulen und war weg, zu sehen, wie viel sich in einem Leben ändern kann, weil er sich so angestrengt hat. Außerdem ist er in einen dementsprechenden Freundeskreis eingebunden. Das wäre alles nie passiert, wenn er nicht mitgemacht hätte. Unsere Inszenierungen sind und waren immer offen für alle Kulturen. Tarik ist so mitgegangen, ohne dass es thematisiert wurde.“

Das Potential, das Theater hat, ist gigantisch. Raunen. Klang der Stadt – #1 (Claudia Bosse) [Foto: (c) Daniel Kastner/Volkstheater] Das Potential, das Theater hat, ist gigantisch. Die Summe der einzelnen Teile [Foto (c) Alexi Pelekanos] (2017) Dass es schon neue Pläne für neue Formate gibt, ist klar. Auch darin geht es um die Möglichkeit der Perspektivenveränderung. Es geht darum, sich an andere Sichtweisen anzunähern, nicht darum, sie zu akzeptieren. Zumindest aber darum, den anderen verstehen zu können.

„Wenn wir uns nicht austauschen, bleiben wir in unseren „Raunenkästen“. Die Rechten raunen über die Linken, die Alteingesessenen über die Hinzugekommenen, kommen aber nicht in den Dialog. Deshalb brauchen wir gute KünstlerInnnen, die auf provozierende Art und Weise Erfahrungen vermitteln, an denen wir uns reiben können. Das ist ja eigentlich der Ursprung von Theater. Wir schauen uns etwas an, und entweder fährt es bei uns rein oder es geht uns total gegen den Strich.“

Ich glaube, je mehr wir mögliche Räume, wie die, die wir aufgezeigt haben, verschließen und den Menschen nicht die Möglichkeit geben wahrgenommen zu werden, mit all dem was sie brauchen und sich wünschen, umso schräger wird die Situation hier. Ich lade Leute ein, um zu partizipieren. Ich sage, auch du bist Teil des Volkstheaters. Wenn du bei uns mitmachst, findest du für das, was du denkst, eine Bühne. Im Sinne von – führt euch auf, empört euch, äußert euch. Es ist schwer zu sagen, wie es weitergehen wird nach dem Juni 2020.“

Im nächsten Jahr übernimmt Kay Voges die Direktion des Volkstheaters. Es ist nicht wirklich vorstellbar, dass diese Arbeit der vergangenen 4 Jahre und der restlichen verbleibenden Monate mit seiner Hausübernahme Geschichte sein soll. Dann gäbe es zumindest großen Erklärungsbedarf gegenüber all jenen, denen das Volkstheater durch die direkte partizipative Arbeit ans Herz gewachsen ist.

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