Das perfekte Leben

oder: Let’s fail more beautiful
Monika schreibt über Selbstdarstellung 2.0. Die ganzen BloggerInnen haben perfekte Eltern, perfekte Freunde und perfekter Job. Es hat mich daran erinnert, dass ich schon länger nicht mehr über meine Fehler geschrieben habe. Über meine Ängste. Und den restlichen Krempel, weshalb viele Leute begonnen haben mich zu lesen, weil es mich greifbar macht. Da bin ich wieder.

Öffentlichkeitsflucht

Ich nehme mir zu oft vor, dass ich irgendwann über ein Thema einen Beitrag schreibe. Manchmal verspreche ich es Leuten sogar, selten schreibe ich es auf und in den meisten Fällen vergesse ich es wieder. Dass ich inzwischen mehrere Identitäten angenommen habe, die ich täglich nutze, habe ich manchmal angemerkt, aber nie darüber geschrieben. Das möchte ich jetzt nachholen. Ein bisschen.

Als ich begonnen habe zu bloggen, war ich noch im Gymnasium. Hier war alles sehr tagebuchartig, persönlich und emotional. Mir fällt es schwer zu glauben, dass dies nur fünf Jahre her ist. Als ich nach Wien kam, war ich alleine. Ich wohnte bei Arbeitskollegen meines Vaters. Die waren nett, aber mussten sich um ihre eigene Dinge kümmern. Ich bin auch niemand, der sich gerne helfen lässt. Viel lieber versuche ich mich selbst durchzuschlagen, einen Weg finden und unter keinen Umständen jemand anderen mit den eigenen Problemen belasten. Vermutlich auch ein Grund, weshalb mich andere Menschen nerven, die für jede Kleinigkeit um Hilfe bitten. Wobei ich versuche immer da zu sein und auch noch so dumme Fragen zu beantworten. Mit der Zeit lernte ich in Wien neue Leute kennen, doch erst in den letzten Monaten kam ich Menschen so nahe, dass ich das Gefühl hatte über alles sprechen zu können. Mit Ausnahme von einer Person, die ich schon wieder fast aus den Augen verloren habe.

Ich bin ein manchmal ein schwieriger Mensch. Persönlich. Ständig mit Masken unterwegs, die zwar zu mir gehören, aber doch Masken sind. Extrem geduldig und entscheidungsschwach. Leicht genervt und gerne alleine. Ich spreche wenig und triefe vor Selbstzweifel. Ich analysiere zu viel und verfalle manchen Gedanken, die mich zerstören, wenn sie nicht eintreten. Online war mein Selbstzweifel, Traurigkeit und Angst sehr stark. Ich habe viel gejammert, dass Dinge nicht funktionieren. Zugleich wurde ich bekannter. Sodass man mir in der Firma irgendwann nahe legte, nicht so viel Emotionen auf Twitter und im Blog zu verschütten. Ich könnte mir ja einen Zweitaccount zulegen. Sonst würde das die Kunden verunsichern und in der Firma käme es auch nicht so gut an. So begann meine Flucht.

Inzwischen macht es mir das Leben manchmal leichter, weil ich keine hundert Nachrichten bekomme, wenn ich etwas emotionaleres schreibe. Die Bindung zu den Leuten, die mit dem Zweitaccount interagieren ist höher und sie können mich besser einschätzen. Glaube ich zumindest. Und wenn nicht, können sie mich fragen, was los ist, ohne dass ich genervt bin. Dem Hauptaccount folgen viele Menschen, die mich irgendwo gesehen haben, kurz getroffen oder andere Dinge. Oft mehr an meiner Meinung zu Internet Gedöns interessiert, als an meinem emotionalen Innenleben. Einige würden sich sicher freuen, wenn ich darüber schrüb, wie ich versage, aber den meisten ist das nicht besonders wichtig. Was vollkommen in Ordnung ist. Das Internet ist vielschichtig und es muss nicht jeder auf jeder Ebene mit jedem kommunizieren.

Ein Grund warum ich manchmal perfekter wirke, als ich bin, ist dass viele Macken in nicht so bekannte Kanäle ausgelagert werden. Auch wenn ich, nachdem ich die Firma hinter mir gelassen habe, wieder begann hin und wieder etwas emotionales fallen zu lassen. Oder zumindest persönlichere Dinge. Die schon fast weg waren. Weil ich selbst bei anderen gerne mehr mitbekomme, als nur womit sie sich auf einer rein beruflichen Ebene beschäftigen. Alleine weil ich an diese rein berufliche Ebene nicht glaube.

Sprachprobleme

Ich habe das Latinum. Wenn ich mich recht erinnere, das Fach, mit den meisten Nachprüfungen und den höchsten Ausgaben für Nachhilfe. Finde ich jetzt nicht großartig, dass ich so schlecht war, aber auch nicht besonders schlimm. Bei Französisch sieht es schon anders aus. Das würde ich gerne besser können. Ich mag die Sachen, die man mit Frankreich verbindet. Ich mag Paris. Und ich finde die Sprache hört sich schön an. Im Moment nehme ich mir aber nicht die Zeit, mich ihr wieder zu nähern. Das wahre Problem ist jedoch Englisch. Was mir peinlich und unangenehm ist. Aktuell auch sehr hinderlich an der Ausübung meines Jobs. Ich verstehe alles. Mit Ausnahme von üblen Akzenten und hochwissenschaftlichen Dingen. Doch gibt es da den Vorteil, dass man sich im englischsprachigen Wissenschaftsbetrieb meist verständlicher ausdrückt, als im deutschen, wo man Dinge öfters verkompliziert. Ich schaue alle Filme und Serien auf englisch. Ich lese Bücher auf englisch. Ich kann mich bis auf kleinere Aussetzer auf englisch gut unterhalten. Doch ich kann nicht schreiben.

Vor einiger Zeit habe ich begonnen auf Twitter nur noch englisch zu schreiben. Um für mehr Menschen zugänglich zu sein und einfacher international kommunizieren zu können. Ich dachte mir, dass das nicht so schwer sei, weil man immer nur kurze Sätze schreibt. Selten etwas kompliziertes. Ich mache üble Anfängerfehler. Meine Updates lesen sich gebrochen und sind teilweise unverständlich. Weder Grammatik noch Vokabeln sind korrekt. Es fällt mir schwer mich selbst ernst zu nehmen. Nun möchte ich aber nicht nur für mich selbst kommunizieren, sondern auch für work|i|o. Twitter, Facebook, Blog, Support, Presse. Ich werde jeden Text überarbeiten lassen müssen. Ich fühle mich nutzlos und unfähig.

Weil Übung das einzige sein soll, das hilft, habe ich begonnen auf 750words.com zu schreiben. 20250 Wörter habe ich schon. Es fühlt sich langsam besser an, doch wenn ich die Texte durchlese sind sie noch immer schrecklich. Ich werde mit Feedback holen, um mich langsam zu verbessern, um hoffentlich irgendwann sicher genug zu sein, einfach zu schreiben. Momentan hält es mich zurück einige wichtige Dinge anzugehen.

Familie

Ich habe mit meiner Familie ausgemacht, dass ich ihr soweit wie möglich ihre Privatheit lasse. Weshalb ich hier nicht weiter darauf eingehe.

Studiumsverzögerung

Auch dazu habe ich schon ausführlich geschrieben. Zumindest zur Bakk Arbeit. Ich war in den letzten Semestern faul. Habe zu wenig gemacht und das alles fällt mir jetzt auf den Kopf. Ich habe in zwei Wochen sieben Prüfungen und sollte bis dahin drei Arbeiten (20, 20, 45 Seiten) schreiben. Mit dem lernen habe ich erst vor kurzem begonnen und theoretisch geht es sich auch nur aus, wenn ich auf alles andere verzichte. Doch das wäre in der aktuellen Situation nicht sehr vorteilhaft. Zwei Semester über Normaldauer bin ich drüber. Finde ich noch nicht schlimm. Aber in einem Monat ziehe ich aus Wien weg. Sollte ich nicht fertig werden, habe ich ein Problem und weiß noch nicht, ob und wie ich mein Studium abschließen kann. Weiters habe ich zumindest eine wichtige Frist verstreichen lassen, weil ich mich nicht darüber informiert habe, was meinen Abschluss ebenfalls verhindern könnte. Mein Notenschnitt liegt bei etwa 2,6, womit ein Masterstudium in Deutschland, soweit ich informiert bin, unwahrscheinlich ist.

Freundin

Perfekt. Bis auf die 800 Kilometer Entfernung. Aber in vier Wochen sind die Vergangenheit.

Selbsthass

Ich finde diesen Beitrag schlecht. Wie fast alles, was ich in den letzten Monaten produziert habe. Heultext ohne Wert. Ich bin unmotiviert und schaffe nur wenig von den Dingen, die ich mir vornehme. Nehme mir zu wenig Zeit für Freunde und mein Körper hat erstmals aufgeschrien, dass ihm mein Lebensstil nicht behagt.

Das perfekte Leben

…be awesome instead

In zwei Wochen ist das Studium abgeschlossen. Größtenteils zumindest. In vier Wochen ziehe ich zu Frau Wunderbar. Ich arbeite an einer großartigen Idee mit. In den letzten Monaten habe ich Menschen gefunden, die mir wichtig sind und ich ihnen. Emma! Ich mag mein Ich von heute mehr als das von früher. Auch wenn das damals ziemlich gut war. Der Plan für die nächsten Monate lässt mich lächeln. Ich freue mich.

“Ich glaube an die Menschen. An jeden einzelnen. Alles andere wäre sinnlos. Jeder ist anders gut.”


CC-BY Luca Hammer (Digital Fingerprint: l0ulc6a7h6aom468m67m69eor4ka (209.85.224.84) )
üäüÜÄÖüäääüööäüÖ

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