Das Leben findet jetzt statt

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Photo: (e)spry

„Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass wir noch zusammen wären, wenn wir keine Kinder hätten.“ Dieses Bekenntnis höre ich oft. Je nach Ausgangslage geht es für ein Paar dann darum, den über die Jahre vernachlässigten und verwilderten Liebes- und Lustgarten wieder zu betreten, um ihn zurückzuerobern. Oder aber es geht darum, nach einem neuen Modus in der Beziehung zu forschen: „Wie überleben wir das Leben, bis die Kinder soweit sind, dass ihnen eine Trennung zugemutet werden kann?“

Es geht nicht an, eine solche Situation zu bewerten. Menschen erfahren vielmehr Unterstützung, indem sie das, was ist, wohlwollend abwägen, um sich bewusst für den nächsten Schritt im Leben zu entscheiden; in welche Richtung der auch immer gehen mag. Ob die Kinder als junge Erwachsene dereinst einverstanden sein werden, dass die Eltern wegen ihnen zusammengeblieben sind? Offen ausgesprochen oder bloss zwischen den Zeilen angedeutet werde ich manchmal eingeladen, in die Kristallkugel zu schauen, um die Zukunft vorauszusagen. Dann erkläre ich mit einem Augenzwinkern, dass Weissagungen extra kosten.

Eltern sind in ihrer Eigenverantwortung besonders herausgefordert. Denn Kinder wollen zweierlei: Erstens, dass die Eltern zusammen für klare, lebenswerte und liebevolle Verhältnisse im Nest sorgen. Und zweitens wollen Kinder nicht verantwortlich für das „ungelebte Leben“ der Mutter oder des Vaters gemacht werden. Weder heute noch morgen. Wenn dieses Dilemma zutrifft, dann ist Skepsis angebracht, wenn Eltern „nur“ wegen den Kindern zusammenbleiben wollen. Der Gram, der sich ob der jahrelangen Vernachlässigung der eigenen Bedürfnisse einschleichen könnte, steckt an.

Nehmen wir einmal an, die Geburt ins Leben wäre kein augenblickliches Ereignis, sondern ein dauernder Vorgang. Dann ginge es im Leben darum, ganz geboren zu werden. Und tragisch wäre, zu sterben, bevor man ganz geboren ist. Auch wenn die Gegenwart noch so farblos und langweilig erscheinen mag. Die Welt hat nichts davon, wenn wir das Machbare verpassen und das Nächstbeste dauernd ausschlagen. Das setzt voraus, dass wir die zuweilen nicht ganz so aufregende Gegenwart akzeptieren und zu geniessen versuchen, anstatt sie zum lästigen Durchgangsstadium zu degradieren. Das Leben ist kurz, allzu kurz, und es findet gerade jetzt statt. Deshalb empfehle ich Ihnen, absoluten Lösungen und idealen Lebensumständen zu misstrauen.

„Was würden Sie anders machen, wenn Sie Ihr Leben noch einmal leben könnten?“ Der Schriftsteller Jorge Luis Borges hat auf diese Frage unter anderem geantwortet: „Ich würde versuchen, mehr Fehler zu machen, nicht so perfekt zu sein und mich mehr zu entspannen. Vor allem aber würde ich von Frühling bis Herbst barfuss laufen.“ In diesen Worten steckt die Sehnsucht, das Leben sinnenfroh und mit allen seinen wertvollen und unwiederholbaren Augenblicken zu geniessen. Und es ist diese Sehnsucht, die uns Menschen anhält, das Leben voll und ganz und jetzt zu leben, so wild und so frei wie möglich.

Glauben Sie jetzt aber bitte nicht, mein Alltag wäre frei von Tricks, das wahre Leben zu verhindern. Einer meiner Lieblingssprüche lautet nämlich: „Wenn ich reich wäre, dann …“ Und wie lautet Ihre Vermeidungsstrategie, egal ob mit oder ohne Kinder?