Das Leben besteht aus Realität und Wundern

Michaela Preiner

„Der Gast“  (Foto: screenshot – Vimeo) Vom ersten Augenblick an verzaubert er das Publikum. Sein junges, ebenmäßig geschnittenes Gesicht, sein dunkler 3-Tages-Bart, seine hohe, schlanke Gestalt und sein einnehmendes Lächeln – mit all diesen Vorzügen ausgestattet, zieht er die Menschen in seinen Bann. Nicht nur im Kinosaal.

Mehmet Sözer verkörpert im neuen Film von Houchang Allahyari einen geheimnisvollen Fremden. Obwohl er kein einziges Wort spricht, wird er zum Katalysator für ein atemberaubendes Geschehen in einer reichen, konservativen Familie, in der die Liebe verschwunden zu sein scheint.

Der im Iran geborene und seit Jahrzehnten in Wien lebende Filmemacher hat sich mit „Der Gast“ einen Traum erfüllt. Fan von Pier Paolo Pasolini, bot ihm dessen „Teorema“ aus dem Jahr 1968 ausreichend Inspiration. Gedreht in Schwarz-Weiß, siedelt Allahyari das Geschehen in Wien an und ergänzt den Hauptplot des italienischen Neo-Realismus-Streifens mit dramatischen Wendungen und aktuellen, sozialen Bezügen, wie der aktuellen Flüchtlingsthematik. Die Figuren sind mit Emotionen ausgestattet, die in an sich schon ein tragfähiges, dramatisches Gerüst für ein gelungenes Drehbuch ausmachen.

Heuchelei, Eifersucht, unerfüllte Liebe, Bigotterie aber auch Hass, religiöser Wahn und psychosomatische Beschwerden bis hin zur Tanzunfähigkeit einer Primaballerina – all das findet sich in dem unglaublich poetischen Film, der zwischen den Polen Realität und Fiktion pendelt. Karina Sarkissova, die in Österreich in den letzten Wochen vor allem durch ihre Auftritte als Jurorin bei Dancing-Stars häufig in den Medien vertreten war, verkörpert ätherisch-schön, zerbrechlich und gleichzeitig stark die Frau eines Staatssekretärs, der mit seiner Familie in einer feudalen Villa mit einem atemberaubend verwildertem Park wohnt. Auch ein Swimmingpool, das eher einem Naturteich ähnelt als einer Chlorschleuder, spielt darin eine nicht unwesentliche Rolle. Gregor Bloéb verkörpert aufregend authentisch den reichen Politiker, dessen Familienleben durch eine missglückte Operation an seinem Sohn völlig aus dem Ruder gelaufen ist.

Der querschnittgelähmte Michael Hanzlik hat es sich nicht nehmen lassen, diesen jungen Mann zu spielen, der ebenfalls auf den Rollstuhl angewiesen ist und ständige Betreuung braucht. „Warum musst du jemanden das spielen lassen?“, war seine Frage an Houchang Allahyari und gleichzeitig die Aufforderung, sich selbst für den Film zur Verfügung zu stellen.

So sehr Allahyari einzelne Szenen mit Realismus – bis hin zu Schockmomenten – durchtränkt, so sehr bietet er auch ein starkes Gegengewicht an. Nämlich jenes an unerklärlichen Wundern. Nicht nur, dass der Sohn, knapp an einem Erstickungsanfall dem Tod entkommen, aus dem Spitalsbett verschwindet und sich plötzlich zuhause in seinem Jugendzimmer befindet. Er weist auch einen völlig unerwarteten, gesundheitlichen Entwicklungsschritt auf. Auch der schmerzende Fuß, der die Ehefrau dazu zwang, ihren Beruf als Tänzerin aufzugeben, heilt plötzlich wieder. Wären diese Phänomene noch mit der Lösung psychischer Blockaden zu erklären, fehlt diese Logik bei jener Szene, in der die Tochter, die sich in den Gast verliebt hat, aus einem Fenster unter dem Dach schwebt. Roya Mousavi vergräbt sich in diesem Charakter in zerstörerische Eifersucht.

Zugeschrieben werden diese Wohltaten und Wunder dem Fremden, dem es nach und nach gelungen ist, mehr als nur die Sympathien der Menschen in der Villa für sich zu erobern. Dazu gehört auch die junge Angestellte Laura, die er in der Küche verführt. Einzig die Mutter des Politikers, gespielt von Erni Mangold, bleibt skeptisch und dem jungen Mann gegenüber abwehrend. Sie spürt sofort, dass er das Familiengefüge, das bis dahin überschaubar nach geregelten, konservativen Vorstellungen funktionierte, zerfällt. Ihre manipulierende Art, gepaart mit Boshaftigkeit und Freude an Destruktion, die immer wieder aufblitzt, steht im krassen Gegensatz zum Fremden. Er ist die Verkörperung von Liebe schlechthin. Einer Liebe, die weder zwischen Geschlechtern noch zwischen dem Stand der Menschen einen Unterschied macht.

Mit der Figur der bigotten Pflegerin spricht Allahyari ein weiteres psychologisches Thema an. Doina Weber glänzt in dieser Rolle als gottesfürchtige Frau, die sich dem Dienst am Kranken verschrieben hat. Auch sie wird von der Anziehungskraft des Fremden derart verführt, dass sie schließlich außer Rand und Band gerät und sämtliche Hüllen und Hemmungen fallen lässt. Die Szene, in der sie mit Sözer um den Rollstuhl des gelähmten Sohnes tanzt, gehört zu den wunderbarsten des Streifens.

Das Leben besteht aus Realität und Wundern Das Leben besteht aus Realität und Wundern „Der Gast“  (Foto: screenshot – Vimeo) Häufig setzt der Regisseur seine Hauptcasts mit Nahaufnahmen beeindruckend in Szene und stattet das Geschehen nach und nach mit einem unglaublichen Sog aus. Dass das konservative Familien-Konstrukt, welches der Gast zerstört, letztlich unerbittlich zurückschlägt, ist systemisch folgerichtig. Dennoch endet der Film mit einer unerwarteten, kontrastierenden Wende, die jede Menge Interpretatinsspielraum bietet.

„Der Gast“ hält unserer Gesellschaft einen Spiegel vor, in dem sich die Gegensätze des Menschseins – Liebe und Hass – die Waage halten. Seine einnehmende Poesie wird nicht zuletzt durch ausgesucht schöne Kameraeinstellungen verstärkt. Darin präsentiert sich der Ort des Geschehens als ein verwunschener und aus der Zeit gefallener, an dem man sich nicht sattsehen kann. (Kamera Peter Roehsler) Trotz aller tragischen Vorkommnisse vermittelt der Film das wunderbare Gefühl, dass es sich lohnt, auf die Menschen zuzugehen und das Gute in ihnen zu wecken. Ein absolutes Highlight der österreichischen Filmproduktion, das unverständlicherweise ohne Förderung auskommen musste.

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