Das Kind ist (nicht) immer im Recht

Gewöhnlich stehe ich ja auf der Seite der Eltern, wenn es irgendwo in der Öffentlichkeit zu einem Konflikt ums Kind kommt. Gewöhnlich ist es ja auch so, dass irgend ein Miesepeter die Lebhaftigkeit eines kleinen Menschen nicht ertragen kann. Heute aber musste ich mich für einmal schwer zusammenreissen, um nicht Partei zu ergreifen für eine Dame, die sich über ein Kleinkind beschwerte und das kam so:

Karlsson, das Prinzchen und ich sassen in einem dieser verrufenen Fast Food-”Restaurants”. Ja, ich weiss, als linksgerichtete, umweltbewusste Mutter hätten meine Kinder und ich dort nichts zu suchen, doch da “Meiner” und ich ziemlich felsenfest davon überzeugt sind, dass ein absolutes Verbot kontraproduktiv ist, gehen wir eben doch hin und wieder hin. Da sassen wir also und unterhielten uns darüber, warum eine Karriere im Fast Food-Bereich nicht sonderlich erstrebenswert ist, als am Tisch hinter uns ein Mann und eine Frau ziemlich laut wurden. Was sich da abspielte, sah auf den ersten Blick nach der typischen “mittelalterliche, alleinstehende Frau möchte ausgerechnet neben der Kinderecke ihre Ruhe geniessen und staucht deswegen ein armes, unschuldiges Kind zusammen”-Situation aus. Dann aber hörte ich genauer hin.

“Es kann doch nicht sein, dass Ihr Kind sich hinter mir aufs Fensterbrett setzt und mich unablässig gegen den Kopf tritt”, sagte die Frau aufgebracht, aber dennoch um Fassung bemüht. “Sie können froh sein, dass Sie eine Frau sind. Wären Sie ein Mann, würde ich Ihnen eine reinhauen”, fuhr der wütende Vater die Frau an und machte keinerlei Anstalten, sein Kind vom Fenstersims herunterzuholen. Noch einmal versuchte die Frau, dem Vater klarzumachen, dass es nicht sonderlich angenehm sei, pausenlos getreten zu werden, doch es half nichts, sie bekam nur weitere Beleidigungen an den Kopf geworfen. Es kehrte erst wieder Ruhe ein, als der kleine Junge freiwillig von der Frau abliess, vom Fenstersims herunterkletterte und zielstrebig auf ein Baby in der Trageschale zusteuerte.

Wir warten nicht ab, ob es zu einem weiteren Zusammenstoss kommen würde, sondern räumten unseren Abfallberg weg. “Der grosse Bruder des Jungen hat mich auf dem Spielplatz einfach so gehauen. Immer wieder. Da habe ich ihn eben auch gehauen”, sagte das Prinzchen im Hinausgehen. Zum Glück hörte dies der Vater der zwei kleinen Nervensägen nicht. Keine Frage, was das Prinzchen dann zu hören bekommen hätte und glaubt mir, dann hätte dieser Herr Papa mich zu hören bekommen, worauf ich wohl das Gleiche zu hören bekommen hätte wie die Frau, die sich einfach nicht von einem unschuldigen, kleinen Jungen treten lassen wollte.

Bei gewissen Eltern sind die Kinder immer im Recht, auch dann, wenn sie ganz eindeutig im Unrecht sind.

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