Das Herz wächst, die Kraft schwindet (Blogparade "Gedanken zum zweiten Kind")

Es ist mir ein Bedürfnis, an der Blogparade von Geliebtes Kind Motzibacke teilzunehmen, in der Kathi uns um Geschichten rund ums 2. Kind bittet, da sie gerade in der Entscheidungsfindung dazu ist. Obwohl ich ja sozusagen ständig über das Leben mit zwei Kindern schreibe, kann ich durch die Blogparade die Geschichte unserer beiden Kinder nochmal kompakter erzählen und vielleicht einige verstreute Informationen und Gedanken zusammenfassen. Und da es schon einige Texte mit der deutlichen Empfehlung, ein zweites Kind zu bekommen, gibt, möchte ich gern auch mal die andere Seite beleuchten. Ich orientiere mich an den von Kathi aufgelisteten Fragen und Anstößen.
Konntet ihr Eure Familie ohne Probleme erweitern? 
Nachdem es ganze 7 Jahre seit meiner Fehlgeburt dauerte, bis der Große auf die Welt kam und dieser sich dann auch noch als Schreibaby erwies, der unser Leben komplett auf den Kopf und uns vor übermenschliche Herausforderungen stellte, die ihre Spuren in uns hinterlassen haben, war der Gedanke an ein zweites Kind schlichtweg abwegig. Weder hätten wir den medizinischen Weg nochmal gehen wollen, noch würden wir eine solche Zeit wie mit unserem Großen ein zweites Mal überstehen. Der Große wäre definitiv ein Einzelkind geblieben, hätte sich die Kleine nicht in unsere Familie eingeschlichen. Für unseren Großen und auch für unseren Kräftehaushalt wäre es mit Sicherheit besser gewesen, hätten wir kein zweites Kind bekommen. Mit einem großen Bruder, der ihn anleitet und ernstnimmt, wäre er eventuell zufrieden gewesen. Eine kleine Schwester jedoch benötigt er, das ist meine Einschätzung, eigentlich nicht. Ich habe das hier beschrieben.
Was ist Eure Geschichte zum zweiten Kind? 
Die Kleine schlich sich also ein, als keiner damit rechnete, die Schwangerschaft war ungeplant und völlig abwegig. Die Situation war immer noch sehr schwierig, der Große gerade mal anderthalb Jahre alt und sehr fordernd. Manchmal schafften wir es zu zweit kaum, ihm gerecht zu werden. Seine Eingewöhnung in der ersten Kita war gescheitert, ein Kitawechsel wurde vollzogen, mein Arbeitsstart stand bevor und unser Leben war sehr labil. Und dann war ich auf einmal schwanger, nach all den Kinderwunsch-Jahren. Es war unfassbar. Eines muss ich sagen: obwohl kein zweites Kind geplant war und die äußeren Umstände alles andere als optimal waren, zweifelte ich keine Sekunde an diesem Kind und freute mich auch. Meinem Mann ging das anders. Ich wusste, dass es hart werden würde, aber irgendwie dachte ich, dieses Kind hat sich so frech zu uns gesellt, das kann man nur augenzwinkernd annehmen. Am meisten Angst hatte ich vor einem zweiten Schreibaby. Zum Glück mussten wir das nicht nochmal durchmachen, der Unterschied war ganz deutlich, von Anfang an. Der schönste Moment an der doch sehr viel anstrengenderen Schwangerschaft war die Feindiagnostik, als man sehen konnte, dass es ein Mädchen wird. Da habe ich geweint vor Freude.
Wie ist Euer Leben mit zwei Kindern? 
In erster Linie anstrengend. Mental und körperlich. In der Anfangszeit hatten wir uns relativ strikt aufgeteilt. Ich war für das Baby, die Kleine, zuständig und mein Mann für den Großen. Das funktionierte eigentlich gut und fing die Entthronungs-Eifersucht beim Großen auf. Da mein Mann 1 Jahr Elternzeit hatte, stand ich nicht unter dem Druck, Kleinkind und Baby morgens für die Kita fertig machen oder ihn nachmittags abholen zu müssen. Die Kleine hatte ein ganz anderes Schlafverhalten, einen anderen Rhythmus und andere Bedürfnisse als der Große und deshalb wären viele Aspekte im Alltag sehr schwierig gewesen. Glücklicherweise war der Kitawechsel des Großen geglückt und er war dort gut integriert und gefestigt, als die Kleine geboren wurde. Er war damals übrigens 2 Jahre und 2 Monate alt, also wirklich noch total klein. Fing gerade an, Laufrad zu fahren, wollte noch viel getragen werden, war schon deutlich in der sehr schwierigen Autonomiephase und konnte sich sprachlich noch nicht so gut ausdrücken. Ich finde, Kinder in diesem Alter sind noch deutlich zu klein, um großer Bruder/große Schwester zu werden. Damit tut man weder ihnen noch sich selbst einen Gefallen. Wenn beide synchron geschrien haben, wollte ich oft nur noch flüchten.
Mittlerweile sind sie 5 1/2 und 3 1/4 Jahre alt, das Leben mit zwei Kindern ist immer noch anstrengend, wenn auch in einer anderen Qualität. Für mich harmonie- und ruhebedürftige Mama gibt es gefühlt bei uns viele Konflikte zwischen den Kindern. Das geht mir oft an die Substanz. Sie streiten sich, sie versuchen sich zu übertrumpfen, sie ärgern sich und reagieren schnell beleidigt. Es ist laut, sie fallen sich ins Wort und versuchen um jeden Preis Aufmerksamkeit zu gewinnen. Es ist schwer, sich ständig zerreißen zu müssen und keinem gerecht zu werden. Bei uns kommt dazu, dass sie nicht so viel miteinander anzufangen wissen. Ein kurzer Altersabstand ist definitiv keine Garantie für das gemeinsame Spielen, das muss ich ernüchtert sagen. Der Große fühlt sich oft gestört von der Kleinen, sie ist ihm zu laut und zu unbedarft. Andererseits profitiert er auch manchmal von ihrem Mut, ihrem Einfallsreichtum und lässt sich mitziehen.
Herz wächst, Kraft schwindet (Blogparade
Liebt ihr beide Kinder gleich stark und auf dieselbe Art und Weise? 
Dazu habe ich vor fast genau einem Jahr den Text "Liebe fühlt sich sehr verschieden an" geschrieben und ich kann jedes Wort immer noch genauso unterschreiben.
Was ist Euch bei Eurem zweiten Kind bewusstgeworden? 
So komisch es klingt, aber mir ist bewusst geworden, dass ich eine gute, liebevolle und kompetente Mama bin. Ja, das hat mir erst mein zweites Kind gezeigt. Mit ihr war alles so einfach und schön, wie man es sich früher vorgestellt hatte. Natürlich gab es auch schwierige Phasen, Schübe, Krankheiten, Zähne etc., aber insgesamt hatte ich das Gefühl, ich kann mit ihr alles schaffen. Das hatte ich beim Großen nie. Sie reagierte auf meine Liebe und meine Zuwendung, auf Zärtlichkeiten und Wärme. Eigentlich bin ich erst durch sie richtig zur Mama geworden. Sie hat vieles in mir geheilt. Mir ist auch noch deutlicher als vorher schon bewusst geworden, dass Kinder ihren eigenen Charakter, ihre Wesenszüge und Anlagen mitbringen und die Eltern darauf weniger Einfluss als vielleicht erhofft nehmen können. Das zeigt die Unterschiedlichkeit unserer beiden Kinder bei gleichen Voraussetzungen ganz deutlich.
Was ist mit zweitem Kind wunderschön und welche Sorgen und Probleme entstanden dadurch? 
Wunderschön ist, dass ich noch ein kleines Mädchen bekommen habe. Wunderschön ist, dass sie so liebevoll, zärtlich, schelmisch ist, voller Ideen sprüht und mit ihrer Leichtigkeit eine völlig gegensätzliche Charakterausprägung in unsere Familie bringt. Wunderschön war, wie die Kleine den Großen Zärtlichkeiten lehrte. Sorgen mache ich mir immer wieder um meinen Großen, der wegen ihr nicht die von ihm benötigte Ruhe und intensive Zuwendung bekommt, die ihm gut tun würde. Obwohl wir uns öfter aufteilen und jeder ein Kind nimmt. Sorgen mache ich mir auch um unseren Kräftehaushalt als Eltern, denn wir sind oft am Limit und keiner kann sich mal richtig regenerieren. Wenn beide Kinder oder wir Eltern parallel krank sind, gehen wir auf dem Zahnfleisch. Da wir keine Entlastung außer der Kita haben, können wir uns nur gegenseitig kleine Freiräume verschaffen. Das ist kräftezehrend. Es erleichtert meines Erachtens nach vieles, wenn wenigstens ein Kind schon größer und selbstständiger ist. So aber brauchen uns beide noch sehr. Das ist mit meinem Ruhe- und Freiheitsbedürfnis oft nicht zu vereinbaren. Wir merken einen deutlichen Unterschied, wenn nur ein Kind anwesend ist. Das fühlt sich tatsächlich wie Urlaub an. Es ist nicht nur halb so anstrengend, sondern fast gar nicht anstrengend im Vergleich zu dem sonstigen Trubel.
Oder gibt es etwas, was ihr Eurem zweiten Kind wahnsinnig gerne sagen wollt? Ein Brief an Euer zweites Kind? 
Das, was wir uns gegenseitig jeden Tag sagen: "Du bist meine Liebste!"
Habt ihr Euer erstes Kind noch gestillt, als ihr wieder schwanger wurdet und wie hat das alles geklappt? 
Ja, ich habe den Großen noch gestillt, als ich schwanger wurde. Er hat sich dann nach dem ersten Schwangerschafts-Trimester abgestillt. Ich hatte also keine lange Pause zwischen den beiden Stillzeiten und das hat mir nach dem Abstillen der Kleinen einige Probleme beschert. Durch die schnelle erneute Schwangerschaft hatte ich nicht das Gefühl, dass mein Körper wieder mir gehörte. Ich hatte ein wenig befürchtet, dass der Große nach der Geburt der Kleinen auch wieder gestillt werden wollte, aber das war nicht der Fall.
So, ich glaube, das liest sich nicht wie eine Empfehlung, ein zweites Kind zu bekommen. Wie kann man das auch empfehlen? Das ist genauso wie bei der Entscheidung für ein erstes Kind, man kann es sich nicht vorstellen, wie es wirklich ist. Manchmal wird es besser als gedacht, manchmal schwieriger. Die Voraussetzungen jeder Familie sind verschieden, die Erfahrungen mit dem ersten Kind sind unterschiedlich, die Entlastungsmöglichkeiten sind vorhanden oder nicht. Ich würde auch immer von einem geringen Altersabstand abraten. Er ist keine Garantie, dass sich die Kinder gut verstehen. Besonders, wer ein ähnlich schwieriges erstes Kind wie wir hatte, sollte warten, bis das Kind aus dem Gröbsten raus ist. Und damit meine ich mindestens die ersten 4 Jahre. Wer ein Kind hat, das so intensiv betreut werden möchte und muss wie unser Großer, sollte sich auch gut überlegen, ob ein Geschwisterkind das Richtige ist. Meine Kleine liebt und vergöttert ihren Bruder, aber es kommt nicht das Gleiche von ihm zurück. Über sein Desinteresse an ihr habe ich zuletzt erst geschrieben. Solche Geschwisterbeziehungen gibt es und es ist nicht immer alles eitel Sonnenschein und plüschig.
Für mich als Mama ist meine Kleine ein Segen und mein Sonnenschein. Und trotzdem kostet das Leben mit beiden Kindern viel Kraft, viel mehr, als es mit dem Großen allein wäre. Ich bin mir sicher, dass es bei uns bis heute keine bewusste Entscheidung für ein zweites Kind gegeben hätte, einfach aus Kraft- und Nervengründen heraus, wegen fehlender Entlastung, dem aus meiner Hochsensibilität resultierenden Ruhebedürfnis und der Erfahrung mit dem Großen. Aber um all das hat sich die Kleine nicht gekümmert und so ist es tendenziell bis heute. Der Große bräuchte sie nicht. Uns Eltern gibt sie unheimlich viel, durch ihre Quirligkeit und Zuneigung und Selbstverständlichkeit. Allerdings hat sie auch unsere Erschöpfung noch einmal gesteigert. Der geringe Abstand tat sein Übriges. MeTime für die Eltern ist viel schwieriger zu ermöglichen. Ach, und nicht zu vergessen: zwei Kinder kosten deutlich mehr als ein Kind. Damit habe ich nicht gerechnet. Klar, am Anfang kann man noch viel weiternutzen und auch das Spielzeug wird weitergegeben. Aber zwei Kinder kosten zweimal Eintritte, Karussellfahrten, Ponyreiten, Entenangeln, Kita- und Kursgebühren, später evtl. Schulgeld, wenn es eine freie Schule sein soll etc. Hätten wir nur den Großen, würden wir ihn möglicherweise auf eine freie Schule geben. Das könnten wir geradeso noch finanziell stemmen. Für beide Kinder dort reicht es aber nicht. Unter anderem deshalb wird er vermutlich auf die Regelschule kommen. Diese Aspekte darf man auch nicht vergessen. Einem Kind kann man sicherlich weit mehr ermöglichen als zwei Kindern.
Liebe Kathi und alle anderen, die über ein zweites Kind nachdenken: jede Familie, jedes Kind ist anders. Bedenkt eure individuellen Voraussetzungen und das, was auf euch zukommt. Habt ihr noch Kraftreserven oder seid ihr am Limit? Habt ihr Entlastung, ist das große Kind in Betreuung, ist euer Lebensmodell stabil? Seid ihr glücklich mit eurer jetzigen Situation oder habt ihr das Gefühl, es fehlt noch jemand? Seid ihr ruhebedürftig oder mögt ihr ständigen Trubel um euch herum und pausenloses Funktionieren? Und selbst wenn ihr all das abgewogen und eine Entscheidung - wie auch immer - getroffen habt, kann es immer nochmal anders kommen;-). Dass die Liebe nicht für zwei Kinder reichen könnte, darüber braucht ihr euch keine Sorgen zu machen. Eher über die anderen Dinge, die ich geschildert habe. Für mein Herz, für mein Mama-Sein ist mein zweites Kind wunderbar und ich bin immer wieder froh, nicht nur dass es sie gibt, sondern dass sie so anders ist als wir drei. Aber für meine Kraft, mein Ich-Sein, mein Freiheitsbedürfnis sind zwei Kinder eigentlich zuviel. Das ist wahrscheinlich die Ambivalenz meines Lebens mit Kindern.
Abschließend möchte ich euch noch einen Text von Mama notes hier verlinken, der über die harten ersten Jahre mit zwei Kindern berichtet und mir aus der Seele spricht.

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