Das Familiäre wird politisch

Enno Guttenberg soll seinen Sohn KT aufgefordert haben, zur Rettung der Familienehre doch noch einen seriösen Doktortitel nachzuholen. Wen wollte KT mit seinem Doktortitel demnach ursprünglich beeindrucken, oder befrieden? Wessen Gunst dient das Mediengetöse, das er veranstaltet?
Nachdem Walter Kohls Buch über das Leben mit seinem Vater erschienen war, rechnete er in seinem ersten Interview darüber ordentlich mit seinem Vater ab. In den Tagen drauf, wollte er plötzlich falsch verstanden worden sein. Als Sven Hannawald auf dem -wie wir dachten: nur vorläufigen- Gipfel seiner Karriere war, sagten seine Eltern im ZDF Sportstudio, die Goldmedaille für ihren Sohn werde nicht ihr Leben verändern (die hätten sie erwartet), am Montag würden sie ganz normal ihren Laden eröffnen, so wie immer. Danach stürzte das Ausnahmetalent erst mal ab.
Oder Richard von Weizsäcker. Nach der Veröffentlichung des Enthüllungswerkes über das Auswärtige Amt und die Rolle seines Vaters, erscheint manche brillante Rede, vor allem die zum 08. Mai, wie eine Aufarbeitung seines Verhältnisses zu seinem Vater.
Nur einige Beispiele für prominente Fälle.
Jüngster Fall: Der 41jährige Schiedsrichter, der das letzte Telefonat vor seinem Selbstmordversuch mit seinem Vater tätigt. Und nachdem dieser "missglückt" (Gott sei Dank) zuerst seinen Vater anruft, um sich zu entschuldigen. Und der Vater berichtet der Presse (!), dass er seinem Sohn gesagt, er solle sich jetzt erstmal erholen.
Es dürfte etliche Tragödien mehr geben, in denen ursächlich das Verhalten der Eltern den Ausschlag für spätere ernste Probleme gegeben haben.
Und die in den Prenzlauer Berg (un-)gezogenen Ehrgeizeltern waren zuerst geduldet, dann verhasst und inzwischen verlacht für ihren übertriebenen Ehrgeiz, den sie in ihre Kinder projizieren. Diese sogenannten Edel-Eltern transfomieren ihren Richard Florida ins Kinderzimmer: Entdecke Dein Talent und mach es zum Beruf, nur dann wirst Du glücklich. Und wehe jedem, der sich dem Nachwuchs in den Weg stellt.
Dank der Arbeiten der Kinderpsychologin Alice Miller wissen wir, dass Kindesmissbrauch nicht nur körperlich statt findet, sondern auch seelisch. Die o.g. Fälle sind Kandidaten dafür. Fehlende oder an Bedingungen geknüpfte Anerkennung und Annahme des Kindes macht dieses gefügig und ein Leben lang ehrgeizig. Vor allem das "begabte Kind" durchlebt ein "Drama", weil es seine Intelligenz dafür einsetzt, Anerkennung zu verdienen. Zufriedene, in ihrer Mitte ruhende Menschen lassen sich im Vergleich dazu deutlich weniger von außen steuern. Solche Führungsbegriffe unserer durchverwalteten Unternehmen -wie "Zielvorgaben"- sollen die Erkenntnisse von Alice Miller umsetzen, zum Nutzen des Unternehmens. Wer das durchschaut, lacht über Zielvorgaben, die ihm andere geben wollen.
Über die Familie wird in der Öffentlichkeit ein Hohelied gesungen, besonders in bestimmten -sich meist als besser verstehenden- oder christlichen Kreisen. Doch in meiner Schule waren es meistens die Söhne der in der Kirche besonders "engagierten" Väter, die mit blauen Flecken in die Schule kamen. Sehr ergreifend, und empörend, auch die Autobiographie von Andreas Altmann, Sohn eines katholischen Devotionalienhändlers in Altötting. Altmann kriegt Gott-sei-Dank die Kurve. Viele jedoch nicht.
Die so gequälten begabten Kinder stürzen also entweder ab, wenn sie keinen Zugang zu Hilfe bekommen, oder sie machen später Karriere und nerven ihre Untergebenen in Unternehmen und Politik. Wie aber reagieren die nicht so begabten Kinder? Sind das nicht die, die später in Extremismen abdriften?
Demnach wäre das Familiäre politisch. Dann gingen subklinische Psychopathen, die ihre Kinder missachten und damit in skrupellose Bahnen treiben, auch die Gesellschaft etwas an. Walter Kohl war nur der erste, der sein Familiäres zum Politischen aufgewertet hat. Guttenberg ist auf dem Weg, in die mentale Auseinandersetzung mit seinem Vater die gesamte Öffentlichkeit einzubeziehen.
Wenn konservative Kreise Kinder aus Kindergärten heraushalten wollen, dann vielleicht, weil sie ihren Machtbereich nicht aufgeben wollen. Wenn Kind und Mutter einander zu Hause binden, dann schlägt mancher Vater zwei Fliegen mit einer Klappe. Wenn die Welt da draußen immer komplizierter wird, dann regiert man eben zu Hause. Hier lauern Tabus, die aufgedeckt gehören. Je christlicher die Fassade, desto dringlicher. Die Hoheit über den Kinderbetten gehört gerade denen abgenommen, die sich mit oberflächlicher Inbrunst auf Christentum und Familientradition berufen. Und wer Burn-out als Modekrankheit bezeichnet, könnte auf Seiten der Täter stehen.

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