Das Dilemma mit der Terrorwarnung

Von Bertrams

Photo: dhutchman

Oh, wir haben Terrorwarnung, wie nett!

Wir sollen, so will es unser Innenminister, “herrenlose Taschen” und “ungewöhnliches Verhalten” melden. Was jetzt? Er bringt mich da echt in Schwierigkeiten.

Also: Ich hab hier eine herrenlose Tasche an meiner Garderobe. Außerdem sind mir einige Plaudertaschen bekannt, die auch niemandem gehören, vielleicht eben, weil sie Plaudertaschen sind. Und auch die Frage, die auf Twitter gestellt wurde, ist noch nicht vollkommen beantwortet: Können Damenhandtaschen herrenlos sein? Wenn ja, dann werden die Polizeidienststellen angesichts der Flut von sachdienlichen Hinweisen wohl demnächst zu Fundbüros umfunktioniert. Und wegen der ganzen Plaudertaschen geht es da dann auch recht laut zu. Und, so frage ich mich, was machen die süddeutschen Restaurantbesitzer mit ihren Maultaschen? Gut, die sind in der Regel Eigentum des Restaurants oder des Kunden, der sie gekauft hat, aber man wird doch wohl mal fragen dürfen als besorgter, zu jeder Denunziation bereiter Bürger.

Aber selbst wenn man den ersten Punkt der Warnung und der dazugehörigen Gebrauchsanweisung einigermaßen einfach hinter sich bringen sollte, was ist dann mit dem zweiten Punkt? Da wird’s richtig kompliziert. Ungewöhnliches Verhalten soll man melden. Da seufzt der brave Bürger und packt eine Tasche, um im nächsten Polizeirevier einzuziehen. Ungewöhnliches Verhalten gibt es genug.

Junge Leute, die im Dezember im Freien Grillen. Eine junge Frau, die im Stadtbus beim ersten Schneefall singt: “Jetzt fängt das schöne Frühjahr an.” Gut: Weder die Griller, nicht zu verwechseln mit Grillen, noch die junge Frau mit dem roten Haar im Stadtbus werden Schläfer sein, sie machen einen hellwachen Eindruck, aber ungewöhnlich ist ihr Verhalten schon. Muss ich sie auch dann melden, wenn ich sie schon Jahre kenne? Aber ja, sagt der Innenminister, sie könnten sich schon jahrelang in Deutschland aufhalten. Stimmt, sie sind hier geboren. Und vielleicht habe ich nur nicht mitbekommen, dass sie zu Islamisten geworden sind. Schläfer eben, meint der Innenminister. Das Frühjahrslied im winterlichen Stadtbus könnte eine Parole sein, und auf dem Grill wird man wichtige Dokumente verbrennen. Deshalb ist auch die Überwachung des Internets so wichtig.

Auf den ersten Blick fallen mir noch andere Leute ein, die ich gern wegen ungewöhnlichen Verhaltens verhaften lassen würde. Da wären die Bosse der Gema, die Kindern wegen des öffentlichen Absingens von Martinsliedern Gebühren abverlangen wollen. Da wären die Planer des Bahnprojekts Stuttgart 21, die sich vom Volkszorn nicht an ihrem korrupten Geldvermehrungsplan hindern lassen wollen. Da wären die Mitglieder der Bundesregierung, die die Verlängerung der AKW-Laufzeiten und die faktische Kürzung der Hartz-IV-Bezüge beschließen, da wären die Bundestagsabgeordneten, die all dies abnicken, und schließlich der Bundespräsident. In dem ist seit seiner Moskaureise vermutlich ein Wurm drin, denn er scheint all diese Maßnahmen unterschreiben zu wollen.

Wie gesagt: All diese Menschen und Institutionen würde ich aufgrund der neuen Sicherheitslage gern zur Verantwortung ziehen und festnehmen, um ihre schlafenden Hunde gar nicht erst aufwecken zu lassen, und um die schleichenden Terroranschläge auf Deutschland zu verhindern. Aber es geht nicht. Das Verhalten dieser Leute mag empörend, verbrecherisch, verantwortungslos, korrupt und amoralisch sein: ungewöhnlich ist es sicher nicht. – Leider.

Diese Kurzsatire, die als Audioausgabe besser klingt, habe ich heute für ohrfunk.de veröffentlicht.