Das deutsche 9/11

Wir schreiben heute den 9. 11. 2010.

Dieser Tag ist sofern ich mich erinnere in Europa nicht schulfrei, also gibt es großteils auch recht wenig Gründe, darüber nachzudenken ob und was an diesem Tag passiert sein könnte. Wobei “Tag” die falsche Begriffswahl ist.

“Nacht” trifft es eher. Heute vor 72 Jahren fand die Reichskristallnacht und somit der Beginn der Legitimation des Unrechts statt.

Letztes Jahr um diese Zeit war ich in der HTL Villach und durfte vor höheren Klassen einen Vortrag über den Auslandsdienst und die Reichskristallnacht halten. (Im Vortrag beziehe ich mich auf einen Kollegen und Freund von mir: Michael Neumayr, der seinen Gedenkdienst in St. Petersburg – Florida geleistet hat).

Einer der Anlässe, warum es meiner Meinung nach wichtig ist, auch weiterhin über dieses Thema zu publizieren sind einige Anlässe in Villach (Kärnten), die mich sehr besorgen. Am Dezember 2009 wurden 27 Namenstafeln von in der Shoah ermordeten Villachern mit einer unglaublichen Systematik und Zerstörungswut zertrümmert.

Das Denkmal mit den Schäden

Das Denkmal mit den Schäden

In einer Presseaussendung von Hans Haider – Obmann des Vereins ERINNERN heißt es unter Anderem wie folgt:

Um die Glastafeln einzuschlagen, verwendeten die Täter unter anderem mit Quarzsand gefüllte Handschuhe, die man in Ami-Shops kaufen kann. Das deutet nicht nur auf eine große Aggressionsbereitschaft hin, sondern zeigt auch, dass die Jugendlichen die Tat genau planten.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass auch die Täter der weiter zurückliegenden Denkmalschändungen im Umfeld dieser Gruppe zu suchen sind. Jedenfalls handelt es sich bei der Mehrzahl der Denkmalschändungen sicher um keine „besoffenen Geschichten“, wie immer wieder kolportiert wurde.

Denkmalzerstörung in Villach

Denkmalzerstörung in Villach

Die Täter hat die Polizei inzwischen gefasst, was leider nichts daran ändert, dass es zu dieser Schändung gekommen ist. Ich hoffe, mit meiner Rede ein bisschen zum Denken anzuregen (bzw. zum Denken angeregt habe)

Diesen Vortrag stelle ich jetzt auch der Allgemeinheit zur Verfügung – ich möchte mich hier nochmals für die Hilfe meines Freundes Werner Pikalo bedanken, der mich bei dabei unterstützt hat.

Viel Spaß beim Lesen, das nächste Mal folgt wieder eine Geschichte aus meinem Leben.

Liebe Schüler der HTL Villach!

Danke für euer zahlreiches Erscheinen und Willkommen beim Vortrag über den 9.  November und dem Gedenkdienst.
Mein Name ist Mario Schwaiger und ich bin Gedenkdiener beim Österreichischen Auslandsdienst.
Ab 2010 arbeite ich in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem.
Bevor ich etwas zum heutigen Tag – dem 9. November sage möchte ich mich bei Herrn  AV Lenzhofer dafür bedanken, dass er diesen Vortrag realisiert hat.
Auch möchte ich Michael Neumayr meinen Dank aussprechen, der heute von seinen Tätigkeiten und Erfahrungen erzählt,
sowie dem Bürgermeister Manzenreiter, der uns unter die Arme gegriffen hat.

Meine Einleitung möchte ich mit einer Frage beginnen um die es geht:
Warum braucht man so etwas wie Gedenkdienst?

Man gestatte mir dazu noch zwei weitere Fragen in den Raum zu stellen:

  • Wer von uns kennt die Details der Geschichte

und wer von uns

  • wagt zu behaupten, dass sich die Geschichte nicht wiederholen kann?

Selbst habe oft versucht zu fassen, was in der Moderne passiert ist und besonders das dunkelste Kapitel verdient eine besondere Betrachtung unter dem Licht.
Voriges Jahr um diese Zeit war es mir möglich, das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz und damit einen Teil des vergangenen Jahrhunderts mit eigenen Augen zu sehen.
Die Vernichtungsstätten, die Folterräume, den Stacheldraht und die Atmosphäre, die einem bis heute einen kalten Schauer über den Rücken jagt.
In einem Gebäude – es waren soweit ich mich erinnere “Schlafräume” der Insassen – hat man ein Schild mit einem Zitat an der Wand platziert, an das ich mich noch heute erinnere:

„Wer die Vergangenheit nicht kennt
ist dazu verurteilt sie zu wiederholen“
– George Santayana

Unsere Vergangenheit beginnt nicht erst im Jahr des Anschlusses – vor 80 Jahren wurde die Todesstrafe selbst im Souveränen Österreich an Gegnern des Regimes angewandt.
Wir hatten hier in der Alpenrepublik nicht immer die Möglichkeit unsere Gedanken direkt auszusprechen.
Wir hatten auch nicht immer die Möglichkeit unsere Politiker zu wählen oder selbst in die Politik einzugreifen.
Und es war hier auch nicht immer selbstverständlich vor dem Recht gleichgestellt zu sein.
In den letzten 35 Jahren war die politische Welt einem permanenten Wandel unterzogen und bis heute ist der Wechsel das einzig Beständige (Hans-Jürgen Quadbeck-Seeger).
Noch am Tag meiner Geburt konnte wenige 100 km von hier nicht jeder mit den Möglichkeiten und Freiheiten leben, wie wir sie kennen.
Seit 30 Jahren wird im einstigen Weltreich Persien die Meinungsfreiheit und die unparteiische Justiz durch das Mollah-Regime unterbunden.
Mit dem Sterben der Werte, die für uns zu selbstverständlich sind wurden  Hunderttausende, die für diesen Traum gekämpft haben ermordet.
Zehntausende Iraner aber ließen sich selbst unter Androhung des Todes nicht davon abhalten für ihre Werte und das Wohl ihrer Mitmenschen zu kämpfen. Selbst als man 1988 nahezu jeden, der sich geweigert hat, den islamofaschistischen Weg von Ayatollah Khomeni mitzugehen erhängt hat tötete man die Menschen, der Traum aber lebt weiter – bis heute.
Unsere westliche Welt konnte sich nur deshalb entwickeln, weil wir Menschen hatten, die für ihre Ideale gekämpft haben – aber wir sind nicht alleine auf dieser Welt.
Die Geschichte wird mit Blut geschrieben und bis heute zieht sich die Spur bis vor unsere Haustüre.
Wer erinnert sich noch an die Provinz Darfour im Sudan? Seit 2003 wurden dort über 300.000 Menschen abgeschlachtet und wir leben unbetroffen in unserer eigenen Welt weiter.
Wenn wir unsere Stimme nicht erheben, sobald anderen Völkern unrecht geschieht, wer  wird dann seine Stimme erheben, wenn uns Unheil droht?
Wie gesagt – wir sind nicht alleine auf dieser Welt… Über die NS-Zeit gibt es folgendes Zitat:

„Als die Nazis die Kommunisten holten,
habe ich geschwiegen, ich war ja kein Kommunist.
Als die Nazis die Sozialdemokraten einsperrten,
habe ich geschwiegen, ich war ja kein Sozialdemokrat.
Als die Nazis die Juden holten,
habe ich auch geschwiegen, Jude war ich auch keiner.
Als sie dann mich holten – gab es keinen mehr der protestieren konnte“

– Nach Martin Niemöller

Kann es hier in Österreich passieren, dass sich die Geschichte wiederholt?
Wir schreiben das Jahr 2009, doch schon 1929 hatten wir eine Wirtschaftskrise.
Heute sehnen sich immer mehr Österreicher nach einem starken Mann an der Spitze des Staates, der sich nicht mit dem Parlament herumplagen muss…
Vor 71 Jahren haben wir die Möglichkeit verpasst, unsere Geschichte selbst zu schreiben.
Hier in Österreich, in Kärnten, in Villach wurde nicht einmal, sondern gleich zweimal versäumt das Ruder in die Hand zu nehmen.
Anstatt selbst zu denken überließ man es blindlinks Anderen – den Preis dafür musste der Staat und somit jeder einzelne von uns zahlen.
Vor genau 71 Jahren begonnen die Novemberpogrome und die Reichskristallnacht.
Wie würdet ihr heute reagieren, wenn der Staate es tolerieren würde, dass man einige von euch auf offener Straße beraubt und deren Wohungen zerstört?
Würdet ihr eingreifen, sobald andere Kärntner eingesperrt werden, weil sie nicht in ein irrationales System passen – in dem ihr selbst vielleicht die nächsten seid?

Die Reichskristallnacht war die Legitimation für alles, was im Holocaust passiert ist.
Wenn wir uns unserer Vergangenheit bewusst sind, so können wir die Gegenwart aus einer anderen Perspektive betrachten. Einer Perspektive, die es uns ermöglicht unsere Zukunft reicher zu gestalten.
Jeder von uns ist in der Lage sich zu erheben. Wir alle sind mit Vernunft und Gewissen begabt und jeder von uns ist rechtsfähig. (UN Menschenrechtscharta)
Wir brauchen Menschen, die sich der Geschichte bewusst sind und wir brauchen Menschen, die die Geschichte kennen um unsere Geschichte selbst zu schreiben.


Filed under: Geschichte, Nachrichten

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