Das Buch, das Dir am wichtigsten ist-Rummelplatz von Werner Bräunig

10 Fragen zu Büchern stellt Birgit von Sätze und Schätze hier: Klick

Hier Frage 5: Das Buch, das Dir am wichtigsten ist.

„Es war eine kühle Nacht, und die Menschen in den schlecht geheizten Wohnungen fröstelten. Die Herbstkälte schlich sich in ihre Umarmungen und ihr Alleinsein, ihre Hoffnungen und ihre Gleichgültigkeit, ihre Träume und ihre Zweifel. Nun waren die Reden verstummt, die Kundgebungen geschlossen, die Proklamationen rotierten zwischen den Druckzylindern der Zeitungsmaschinen. Straßen und Plätze dampften im Morgenlicht. Die ersten Schichtarbeiter zogen in die Fabriken. Die Plakate welkten im Wind.“ Werner Bräunig, Rummelplatz.“

Klinikum Ludwigshafen 2005: „Papa? Ja.  Kann ich mir den Bräunig aus deiner Wohnung mit nach Kiel nehmen?“

Gewöhnliche Leute.

„Ja nimm ihn mit,  halt ihn Ehren. Du weißt ja, was er mir bedeutet-ist mit Widmung. Er schreibt über Halle-Neustadt. Pass drauf auf, Kind.“

Universitätsklinikum Mannheim 2007:  “ Sie haben Rummelplatz verlegt“,  Papa.

Es ist das einzige Mal, dass ich Tränen in den Augen meines Vaters sehe. „Ist das wahr, Kind?“

„Ja.“

“ Es muss sehr teuer sein.“

„Nein, ganz normal, ich kann es dir bestellen.“

In Mannheim blühen schon die Mandelbäume. Die, von denen mein Vater vor Jahrzehnten wehmütig sprach. Ich wuchs auf, mit diesen sehnsuchtsvollen Schilderungen vom Pfälzer Wald und den Mandelbäumen. Das war in der mutterlosen Zeit, als Mutti studierte in Berlin.

In der mutterlosen Zeit, war die Wohnung stets voller Gäste. Man rauchte, trank Rotwein, diskutierte, hörte Jazz. Mein Vater hatte das, was man Charisma nennt. Er zog die Menschen an. Ein einsamer Gast, der selten und wenn, dann  am Tage erschien,  war Werner Bräunig. Ich erinnere mich nur schemenhaft eines traurigen, grauen, hoffnungslosen Mannes. Er lehnte am Türrahmen unserer Wohnung, schweigend. Niedergeschlagen, verloren.(1974)

“ Ich mochte den nicht“, sagt meine Mutter noch heute.“ Der war mir zu depressiv.

Bräunigs “ Rummelplatz“ war nicht durch die Zensur gekommen. Als Schriftsteller war er erledigt, das war ein paar Jahre her, seitdem schrieb er nicht mehr. Seine Schuld: etwas zu beschreiben wie es ist. Literatur sollte erziehen, nicht Missstände benennen. Das spielte dem Klassenfeind in die Hände. Die Wahrheit war so, wie sie zu sein hatte.

„1974 erschien anlässlich seines 40. Geburtstags in der Zeitschrift Weimarer Beiträge ein Interview mit Bräunig. Auf die Frage, ob er nach dem 11. Plenum tatsächlich nicht mehr an „Rummelplatz“ geschrieben habe, antwortete er: „Sie täuschen sich nicht, ich bin tatsächlich nicht zu Rande gekommen, und ich habe auch nicht mehr daran gearbeitet.“ Auf die Frage, ob dies die Folge der Kampagne gegen ihn gewesen sei, sagte Bräunig: „Nein, das ist es auf keinen Fall. Die Diskussionen waren zwar recht heftig, aber immer freundschaftlich. Ich bin weder ein Opfer des 11. Plenums geworden, wie es Presseleute und Literaturgeschichtsschreiber in der BRD immer wieder frisch freiweg behaupten, noch ist in irgendeiner Weise Porzellan zerschlagen worden. (…) Ich habe in den letzten Jahren, in denen es mir nicht gut ging, von der Bezirksleitung der Partei, vom Schriftstellerverband und vom Verlag Hilfe bekommen und ich möchte das Vertrauen, das mir dadurch bekundet wurde, rechtfertigen, indem ich bald ein neues Buch vorlege.“[20]“ Wikipedia

Werner Bräunig starb 1976 an den Folgen von Alkohohlmissbrauch.

Ich habe das Buch hier nicht beschrieben, weil es nicht das Buch selbst ist, dessen Inhalt, welches es  für mich am  zu meinem wichtigsten Buch macht. Es ist die Geschichte um Ideale wie den Sozialismus, den Bitterfelder Weg- „Greif zur Feder Kumpel“, und den Verrat derselben. Orwellsche Wirklichkeit: gedacht und geschrieben wird, was der Sache dient. Die Wahrheit ist sekundär, gefährlich.

„Rummelplatz“ hat mich geprägt.



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